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Wenn Farben nicht bunt sind – Über Farbsehstörungen
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Farbenblindheit wird oft flapsig als Schimpfwort verwendet, wenn z.B. an der Ampel das Warten auf das Losfahren des Vordermannes zu lange dauert. Sie ist aber mehr als nur eine Beleidigung. Es handelt sich dabei um eine ernsthafte Störung in der Farbwahrnehmung, die es dem Betrachter unmöglich macht, Farben wahrzunehmen. Er sieht nur Kontraste. Diese Störung wird offiziell als »Behinderung« geführt und kommt sehr selten vor (nur eine von 100.000 Personen ist betroffen).

Viele häufiger allerdings ist die Farbsinnstörung »Rot-Grün-Sehschwäche« in verschiedenen Ausprägungen, die oft fälschlicherweise als »Farbenblindheit« bezeichnet wird. Die wiederum ist weit verbreitet, vor allem bei Männern, und wird immer vererbt. Meist kennt jeder jemandem im näheren Umfeld, der darunter leidet – mehr oder weniger – dennoch bin ich auf der Suche nach einem Betroffenen für diesen Artikel per Social Media grandios gescheitert. Der meist verbreitete Hinweis war entweder der, dass »man jemanden kennt, der das hat« oder »dass meine Kunden das ganz sicher haben« oder sie bewegten sich komplett in die Pöbel-Ecke (»Frag doch einen Hund!« – bezugnehmend auf die lange verbreitete Annahme, dass Hunde nur Schwarz-Weiß sehen können, was inzwischen als überholt gilt.) So einfach gebe ich mich aber nicht geschlagen und so bin ich auf Matthias Stäheli gestoßen, der uns einen Einblick in den (Arbeits-) Alltag mit einer Farbfehlsichtigkeit gibt.

Unter welcher Farbsehstörung (falls bekannt) leidest du?

Protanomalie (Rotblindheit; beinhaltet auch die Farben Grün und Braun)

Wann ist dir die Sehstörung das erste Mal aufgefallen?

Mir selbst ist meine Sehschwäche erst in einem Alter von ca. 7 Jahren bei einem Farbentest so richtig bewusst geworden; schon nach wenigen Seiten verschwanden die darauf abgebildeten Zahlen in bunte, wilde Muster, in deren Formen ich Allerlei erkannte; der Augenarzt jedoch sah lediglich Ziffern. Meinen Eltern hingegen fiel meine Sehschwäche schon in meinen kindlichen Zeichnungen auf, da ich für Baumkronen und Baumstämme stets ein- und dieselbe Farbe verwendete; ob Grün oder Braun, das war mir egal. Auch sah ich kein Problem darin, eine Blüte Grün anzumalen.

Meine Suche nach einem »Betroffenen« verlief gar nicht zufrieden stellend. Es hatte sich leider keiner gemeldet, so dass ich annehmen musste, Farbenblindheit wäre nichts, was man gerne zugibt. Glaubst du das ist so? Ist das ein Stigma?

Das glaube ich gern. Wenn man viel mit Gestaltung zu tun hat, spielen Farben schließlich keine unbedeutende Rolle. Viele reagieren auch extrem überrascht, dass ein »Farbenblinder« überhaupt von Beruf Gestalter sein kann, was eine gewisse Scheu bei den Betroffenen hervorruft.

Ich selbst verwende den Begriff »Farbenblind« nicht. »Rot-Grün-Sehschwäche« trifft es präziser und gleichzeitig auch weicher. Prinzipiell kann ich als Betroffener alle Farben sehen, nur empfinde ich speziell Rot als eine nicht so dominante Farbe wie Andere es tun.

Wie äußert sich deine Farbsehstörung im Alltag bzw. merkst du selbst es überhaupt?

Ich merke es täglich, oft auch beim Surfen im Internet.

Schönes Beispiel bei Online-Shops sind die runden Punkte neben der Beschreibung »Verfügbarkeit«; ist der kleine Punkt nun grün – sprich das Produkt ist verfügbar – oder ist er rot – also ausverkauft? Wieso steht es nicht in Worten daneben? Ich kann die Farbe meist nur erahnen.

Im Frühlingsurlaub in der Toskana, wir fahren gerade Auto, schreit einer »Wow! Schaut mal da rechts!«. Ich blicke nach rechts, sehe nichts Besonderes. »Na, das knallrote Mohnfeld!«. Jetzt sehe ich es auch, in voller Farbpracht – nur ist mir das Blumenfeld nicht direkt in die Augen gesprungen. Das Gleiche passiert mir oft mit diversen Blumen, deren Blüten rot sind – ich muss danach suchen, um sie zu sehen. Auch der frühe Frühling mit seinen vielen grünen Knospen an den Bäumen geht gerne an mir vorbei.

Ein weiteres Beispiel sind Straßenampeln bei Nacht. Rot und Gelb vermischen sich gerne zu einem, die grünen Lichter sind derart hell, dass sie den weißen Autoscheinwerfern gleichen.

Oder wenn mich ein Formular nach meiner Augenfarbe fragt – ich schaue täglich in den Spiegel aber weiß sie spontan doch nicht.

Wie beeinflusst dich deine »Sehschwäche« in deiner Arbeit als Designer?

Mir stellte sich vor meiner Ausbildung die Frage, ob ich den Anforderungen dieses Berufes gewachsen bin – und ja, das bin ich eindeutig.

Meine Erfahrungen zeigen, dass ein offener Umgang mit meiner Sehschwäche von großem Vorteil ist. Bewerbe ich mich als Freier Grafiker bei einer namhaften Agentur, erwähne ich diese Schwäche zwar meist nicht bereits im ersten Gespräch. Spätestens bevor es aber ans Gestalten geht, muss ich diese »Last« loswerden, um sorgenfrei und auf das Thema konzentriert arbeiten zu können. Und habe ich das Ziel, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden erreicht, scheinen meine eigenen Arbeiten bereits überzeugt zu haben bzw. meine Sehschwäche nicht weiter negativ aufgefallen zu sein. Letzten Endes hat bislang jeder Auftraggeber meine Sehschwäche mit einem kurzen Lächeln hingenommen, einmal wurde mir sogar offenbart, dass mein Gegenüber gleichen Problemen ausgesetzt ist.

Ich vergleiche die ganze Thematik gerne mit der Art des Berufsabschlusses. Überzeugen deine Arbeiten, ist es meist nicht weiter relevant, ob du eine herkömmliche Berufsausbildung oder ein Designstudium abgeschlossen hast. Wichtig ist im Endeffekt, was man an guten Arbeiten und Ideen vorlegen kann. Hierbei muss die Farb-Sehschwäche nicht zwingend negative Einwirkungen haben. Der Betroffene hat als Gestalter sogar den Vorteil, dass er verstärkt auf Kontrast, Form und Komposition achten muss. Und er schult sein Auge dazu, stets genau hinzuschauen.

Ich arbeite meist für große Kunden, deren farbliches Erscheinungsbild durch klare Styleguides bereits definiert ist. Ist diese Voraussetzung gegeben, sehe ich keine Beeinträchtigung durch meine Sehschwäche in meiner Arbeit/meinen Layouts.

Arbeite ich für kleinere Direktkunden (was aus diversen Gründen selten vorkommt), greife ich auf mein Netzwerk befreundeter Grafiker zurück, mit deren Hilfe wir gemeinsam ein stimmiges Farbklima erreichen. Und arbeite ich für mich selbst – ich bin leidenschaftlicher Siebdrucker – kommen meist umso interessantere Farbkombinationen zu Stande; ich mische für mich teils undefinierbare Farben miteinander, die Ergebnisse haben schon so manche, die keine Sehschwäche haben, überrascht.

Es gibt allerdings klare Grenzen, die ich sowohl im Digitalen als auch im Analogen alleine nicht überschreiten kann und auch niemals überschreiten werden kann. Klassisches Beispiel ist die Druckabnahme in der Druckerei mit Farbfächer; ich habe absolut keine Chance leichte, abweichende Farbtöne von Soll und Ist zu unterscheiden. Mit einer Farb-Sehschwäche achtet man bei schwierigen Farbtönen weniger auf die Farbigkeit als auf den Kontrast verschiedener Farben, welcher sich in genanntem Fall in beiden Farben nicht sichtbar unterscheidet.

Im Digitalen sind es die feinen Farbkorrekturen störender Farbtöne in Fotos, die mich zum Verzweifeln bringen. Einen Rot-Ton zu entfernen, den man gar nicht als solchen erkennt, ist nahezu unmöglich. Ebenso fällt es mir schwerer als anderen, ein stimmiges Farbklima von Null auf aufzubauen. Zwar erkenne ich meist, ob Farben miteinander harmonieren oder nicht, die Bewertung eines vorhandenen Farbklimas ist bekanntlich aber einfacher als dessen eigentliche Erstellung. Spricht man diese Probleme aber bewusst an, findet sich immer jemand, der diese Aufgabe für dich übernimmt– und weiter geht’s.

Auch werde ich mit meiner Rot-Grün-Sehschwäche voraussichtlich nie Art- oder Creative Director einer Firma werden können, was aber auch nicht mein primäres Ziel ist – ich bevorzuge es, selbstständig zu sein und nebenbei meine schwarz-weißen, kugelrunden KOTTONstücke weiter nach vorne zu bringen.

Letzten Endes würde es mich aber brennend interessieren, wie Menschen ohne Farb-Sehschwäche die Dinge und die Welt sehen – es muss fantastisch sein.

Nun ist so häufig das Wort »Schwäche« gefallen – ich möchte mit einem persönlichen Fazit dagegenhalten:
»Ich habe eine Rot-Grün-Sehschwäche – und bin als Gestalter dennoch erfolgreich.«

Matthias Stäheli, Freier Screendesigner/Flasher für Agenturen in Hamburg, Berlin und Stuttgart.
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Das Interview führte Nadine Roßa