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Interview mit Prof. Dr. Heik Afheldt

Zukunft gestalten für die Allgemeinheit – eine Aufgabe die Einiges an Verantwortungsbewusstsein, Kreativität und Fantasie verlangt. Sensibel muss mit Erfahrungen aus der Vergangenheit umgegangen, Trends oft weit unterhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle aufgespürt werden. Neuerungen sollen Zukunft haben und nicht nur Utopie bleiben. Warum Zukunftsforschung als Studienfach an einer Institution Raum findet, die keine Politiker, Ingenieure oder Mediziner, sondern Künstler, Modedesigner, Grafiker und Produktdesigner ausbildet, erklärt Heik Afheldt, Professor für Zukunftsforschung an der Kunsthochschule Berlin, plastisch mit vielen Beispielen. Die Methoden dieser Forschungsdisziplin, auf den ersten Blick abstrakt und kompliziert, nutzen wir tagtäglich für unsere persönliche Zukunftsgestaltung. Wir werten Vergangenes aus, wir träumen, wir denken nach, wir handeln. Eins ist dabei gewiss: Zukunft – demnächst auch in unserer Gegenwart!

»Seltsam sei es und ungerecht, sagte Gauß, so recht ein Beispiel für die erbärmliche Zufälligkeit der Existenz, daß man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei, ob man wolle oder nicht. Es verschafft einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft.« (aus: Die Vermessung der Welt, Daniel Kehlmann)

Herr Afheldt, was bleibt übrig von Utopien in Büchern und Filmen, wenn es darum geht Zukunft zu kreieren? Unter welchen Parametern kann aus einer Utopie ein Produkt werden, das sich seriell und industriell umsetzen lässt und nicht nur als Skizze, Modell oder literarische Vision existiert, sondern sich wirtschaftlich etabliert und zum allgemeinen Wohlstand beiträgt?

Grundsätzlich gilt, dass sich technische Visionen viel leichter und zuverlässiger umsetzen lassen als gesellschaftliche Utopien! Die Frage nach der Gestaltung eines Sozialstaats ist viel schwieriger zu beantworten. Aber von den gegenständlichen Ideen ist fast alles, was mal vorgedacht wurde, von den Robotern aus frühen Science Fiction Romanen, bis zur Raumfahrt, umgesetzt worden. Ein Studienprojekt, das ich ganz besonders toll finde, hat sich mit der Beziehung zwischen Realität und Science Fiction befasst. Warum entstehen zu bestimmten Zeiten bestimmte Science Fiction Produkte? Was ist aus den Ideen, die in diesen Stoffen enthalten sind, in der Realität geworden? Ist manches davon real geworden oder ist alles Fiktion geblieben? Wahnsinnig schöne Arbeiten!

Ich habe gerade zwei Diplomarbeiten betreut. Die eine drehte sich um die Weiterentwicklung der Rettungshubschrauber zu mobilen Praxen, um den Ärtztemangel in immer mehr, wenig besiedelten Gebieten auszugleichen. Also stellte sich die Frage: Wie versorgen wir die Menschen dort medizinisch? Der Hubschrauber ist das Fortbewegungsmittel, mit dem man überall am besten hinkommt, also müssen wir den so umgestalten, dass er zum kompletten Behandlungszimmer wird. Ich bin mir sicher, dass der Designer seine Idee demnächst irgendwo fliegen sieht!

Die zweite Arbeit drehte sich um einen neuen Koffer für moderne Nomaden. Ein Koffer, der nicht nur selbst rollt, sondern auf den man aufsteigen und die wahnsinnig langen Gänge in den Flughäfen entlangfahren kann. Wird das Realität? Samsonite interessiert sich jetzt für dieses Produkt und es sieht so aus als ob es relativ rasch umgesetzt wird.

Welche Aufgabe haben sie als Professor für Zukunftsforschung innerhalb dieser Projekte?

Ich bin an einer Kunsthochschule tätig, die nach dem Bauhaus Prinzip gestrickt ist, an der die ersten zwei Semester eine Art Studium Generale darstellen, die ich mit angewandter Zukunftsforschung erweitere. Was wir machen ist zum Beispiel dreißig Jahre vorausschauen. Berlin 2039, was wird sich dann wie verändert haben? Wir betrachten nicht nur gängigeThemen wie eine veränderte Altersstruktur – also sehr viel mehr Höchstbetagte – auch ein anderes Sozialleben, eine andere Familienstruktur, verändertes Reiseverhalten. Ich denke, das beflügelt den einen oder anderen, wie zum Beispiel Alexandra Kiesel, eine ehemalige Modeschülerin, die gerade Preisträgerin geworden ist, auf diese Erkenntnisse mit ihren Arbeiten einzugehen. Sie hat eine Kollektion gemacht, in der sie sich vorstellt, wie im Jahre 2039 die Männer und Frauen gekleidet sind. Auch unter der Fragestellung, ob es dann überhaupt noch die Bekleidungsunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. In ihrer Kollektion hat sie die Idee des Prosumenten umgesetzt. Wie Ikea-Kunden kauft man nicht fertige Konfektion, sondern fertigt sie zum Teil selbst. Die Einzelteile bestellt man im Internet und näht sie dann daheim zusammen. Ein Beispiel für angewandte Zukunftsforschung.

Warum hat die khb eine Professur für Zukunftsforschung eingerichtet? Was war die Begründung der Kunsthochschule für diese Professur an sie heranzutreten?

Ich glaube wie so viele Innovationen, entstand auch diese eher zufällig. Die Pforte zur khb hat die Frage geöffnet, ob ich den Vorsitz des Fördervereins der Kunsthochschule Berlin übernehmen wollte, der Mart Stam Gesellschaft. Ich habe selber in frühen Jahren – als ich noch nicht wusste, das ich ein nüchterner Ökonom werden würde – überlegt, ob mir Architektur oder Design Spaß machen würde. Nach der Überlegung, dass ich auf Grund meines recht großen Netzwerkes der khb in diesem Bereich helfen kann, bin ich vor 12 Jahren Vorsitzender des Fördervereins geworden, mit dem wir zum Beispiel den Mart Stam Förderpreis vergeben, durch den wir jedes Jahr die besten Diplomarbeiten mit einem Katalog auszeichnen und eine Ausstellung machen, mal in der Berlinischen Galerie, in der IHK-Zentrale, bei BMW MINI.
Kurz, ich habe immer versucht, die etwas dezentral, in Weissensee gelegene Kunsthochschule ins Zentrum von Berlin zu holen. Dabei haben sich immer sehr gute Beziehungen ergeben. Da ich auch sehr viel mit Stadtentwicklung zu tun hatte – damals gab es noch eine Architektur-Falkultät unter Rainer Ernst – stellte sich die Frage, ob ich nicht einige von den Sachen, die ich über zukünftige Sachen gesagt habe, direkt mit in den Lehrbetrieb einbringen könnte.
Seitdem veranstalte ich jährlich zwei Zukunftswerkstätten. Zum Beispiel die zum Thema: Geht Berlin an zu viel Kreativität zu Grunde? Referenten waren Frau Mayer-Johanssen von MetaDesign und Jürgen Zöllner, der Berliner Kultursenator. Das war eine sehr lebendige und wunderbare Diskussion.

So ist diese Professur entstanden. Da kam nicht ein sogenannter Beauftragter für die Modernisierung des Lehrprogramms, der gesagt hat, bei uns fehlt doch eigentlich Zukunftsforschung, dieses Thema ist gewachsen. Das erforderliche Gutachten dafür wurde vom damaligen Präsidenten der Freien Universität, Dieter Lenzen erstellt, der sagte: Etwas Besseres könne der Kunsthochschule Berlin gar nicht passieren, als das sie dieses Thema in Ihr Programm aufnimmt!

Ich sehe eine starke Verbindung zwischen dem Beruf des Gestalters und meiner Auffassung von einer dynamischen und aktiv verursachten Zukunft. Ich habe wenig zu diesem Thema recherchiert, dafür mehr nachgedacht…

Das ist manchmal auch ganz gut.

… und habe mir vorgestellt, was Zukunft eigentlich bedeutet. Nur für sich betrachtet ist Zukunft doch ein recht tristes Los für jegliche Materie, führt unweigerlich zu altersbedingtem Verschleiss und Zerstörung. Verfolgt also Zukunftsforschung das Ziel, diesem zeitlich bedingten Verfall entgegenzuwirken und ist sie deshalb auch so gut in der Lehre von gestaltenden Berufen, wie Produktdesign, Modedesign im weiteren Sinne auch Kommunikationsdesign anzuwenden.

Es gibt Menschen, wie etwa Michael Naumann, der gesagt hat: Zukunft ist ja eigentlich für uns alle etwas furchtbar Trauriges, denn unser Leben endet. Also warum interessiert man sich trotzdem für Zukunft? Ich glaube die entscheidende Antwort ist, der Anspruch, ja sogar die Erwartung, dass Zukunft nicht nur passiert, sondern dass sie gestaltbar ist. Beispielhaft dafür ist das Gebet von Wilhelm von Oranien: »Herr gib mir die Kraft zu ertragen, was ich nicht ändern kann und gib mir den Mut zu tun, was ich tun kann, damit sich etwas ändert .« Ich glaube dieser Anspruch ist einer der entscheidenden Gründe, warum es heute wissenschaftliche Zukunftsforschung gibt.

Und wie erforscht man Zukunft nun?

Es passiert mir oft, dass ich Leute frage: »Was haltet ihr eigentlich von Prognosen?« Dann rümpfen sie die Nase und sagen: »Na so viel nicht!«

Und wenn ich frage: »Was haltet Ihr vom Klimawandel?« «Wahnsinnig gefährlich, da müssen wir was tun!« Doch auf welchen Erkenntnissen basieren die Aussagen zum Klimawandel? Das sind alles Prognosen. Nichts davon ist gesichert.
Das sind ganz komplizierte Modelle, in denen Annahmen stecken und wir versuchen diese komplexen Systeme zu modellieren, um zu sehen, was passiert. Verändert sich etwas oder nicht. Das ist sozusagen das Werkzeug. Am Anfang stehen die Bauernregeln und am Ende stehen diese ganzen wahnsinnig komplexen Modelle. Beide Methoden haben ihren Zweck, für den Bauern die Ernte pünktlich einzufahren, und für uns um zu erklären, CO2 ist der Übeltäter und wir müssen etwas tun, damit davon weniger in die Luft kommt. Das sind Prognosen, die auf Wenn-Dann Annahmen basieren.

Ich unterscheide zwischen Uhrensystem und Wolkensystem (Karl Popper). In Uhrensystemen sind funktionale Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Faktoren exakt definiert. Deshalb wissen wir, dass morgens die Sonne aufgeht und wann Ebbe und Flut ist. Wolkensysteme sind Phänomene, die uns auch wahnsinnig interessieren. Sie beschreiben das Wetter aber auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. In ihnen sind die Zusammenhänge so komplex und schwierig zu durchschauen, das wir nur die Muster erkennen können aber nicht die Ursachen. Wir können allenfalls untersuchen ob es schon mal die gleichen Zustände gab. Beim Blick in unsere Parallelcomputer können wir dann sagen, das gab es schon mal am soundsovielten, im Jahre sowieso und was am darauffolgenden Tag stattfand und welche Situationsabfolge herrschte, von der wir auf eine ähnliche, zukünftige Entwicklung schliessen können. In diesen Wolkensystemen kann man eher von analogen Mustern ausgehen, die man nicht begründen kann.

Begründung ist ja ohnehin ein großes Wort um Abfolgen, Umstände und Zustände zu verifizieren, und daraus verlässliches Wissen zu machen.

Wir sind ja auch aufgeklärte Leute und müssen Alles irgendwie belegen können.

Genau und trotzdem! Wenn ich an Wissen denke, fällt mir gleich das Wort Dogma ein, das vom Denken abhält und zu Stagnation führt. Was mich zu der Frage führte: Wieviel Wissen verkraftet unsere Zukunft? Was bedeutet etabliertes, gesetztes Wissen für sie, wenn wir doch den Anspruch haben, die Zukunft besser zu gestalten, als die Gegenwart ist und die Vergangenheit war?

Wissen ist, so sehe ich es, nie ein Hemmnis für den Fortschritt. Wenn man bereit ist das Wissen in Frage zu stellen. Das Buch »Die Vermessung der Welt« zeigt das so wunderbar. Jahrhundertelang glaubte man im Inneren der Welt wird es immer kälter: das war das Dogma, das angebliche Wissen. Dann kamen Herr Humboldt und Herr Gauß und stellten fest: Es wird immer wärmer je weiter wir nach unten graben. Das war ein neues Wissen, das hatte Recht, das hat sich durchgesetzt. Wenn ich heute überlege, was hilft mir Wissen bei der Zukunftsforschung? Dann habe ich eben ein Beispiel genannt bei dem wir frühere Ereignisse, früheres Wissen nutzen können um a) die Frage besser zu beantworten ,wie sich etwas entwickelt ohne das wir etwas tun. Und b) zu erörtern, was wir tun könnten. Das ist die Archäologie der Zukunft. Wieder schauen wir, was haben die Menschen früher gedacht und hatten sie recht oder lagen sie falsch? Was waren die Gründe dafür, dass sie so gedacht haben? Aber Ihre Frage hat ja den Anschein erweckt als ob es auch ein Wissen gäbe, das Zukunft verhindert.

Ich habe die Frage absichtlich etwas provokant formuliert. Einerseits mittelalterliche Zustände andeutend, andererseits um die umfassende geistige Trägheit anzusprechen, die angebliches und auch verlässliches Wissen nach sich ziehen kann.

Sie haben auch Recht. In unsere aufgeklärte Gesellschaft passen Ahnungen nicht so gut wie Begründungen. Wir haben eine Art von Kommunikation etabliert ,in der wir dem anderen belegen müssen, warum etwas so ist wie es ist. Ich arbeite in einer Institution,die Kreative ausbildet und denke, das Thema Zukunft muss ein grosses kreatives Portal haben. Eins was hinterfragt. Wo man sagen darf: Ich kann das nicht erklären aber ich ahne etwas! Dieser Mann, von dem der Begriff der Archäologie der Zukunft stammt, ein französischer Künstler und Nouveau Realisté – Arman (Armand Fernandez) hat gesagt: »Wir Künstler wissen besser als Ihr Soziologen und Gesellschaftswissenschaftler, was die Folgen der industriellen Massenproduktion sein werden.« In den sechziger Jahren hat er riesige Abfallberge in Kunstharz gegossen, um klarzumachen, was wir da produzieren an industriellem Überfluss, an Abfall. Er hat mit Renault zusammengearbeitet und dargestellt, was diese unendliche Produktion an redundanten Teilen eigentlich bedeutet für unsere Umwelt. Auch Beuys und Leonardo da Vinci haben schon gesagt: »Wir Künstler sind die besseren Futurologen. Wir können es zwar nicht begründen, aber wir ahnen was passiert.« Die Chinesen haben ein 5000 Jahre altes Vorhersagesystem, I Ging, auf Yin und Yang basierend, dass verzichtet auf die Kausalität sondern benutzt Spielsteine und erarbeitet damit Zukunft. Dieses System, auch ein Thema dieses Sommersemesters, ist für uns nicht richtig zugänglich. So wie wir nicht wissen warum, wenn ich mit Nadeln in das Nervensystem steche, ein Mensch gesund wird oder seine Schmerzen nachlassen. Wir haben eine aufgeklärte Schulmedizin und andere Kulturen haben eine andere, nicht im Einzelnen belegbare Ansicht über das Funktionieren von Systemen, in dem Fall des Körpers. Es gibt eine Grafik mit dem Titel: Wie entsteht Zukunft? Darin ist ein Gehirn dargestellt, damit werden die Erfahrungen aus der Vergangenheit gescannt und die Fantasie wird für die Zukunftsideen die daraus entstehen werden, genutzt, um Zukunft zu kreieren. Und dann schaue ich, wenn ich nicht nur Science Fiction Autor bin, sondern beispielsweise Politiker, was kann ich davon realisieren, wie kann ich Einfluss nehmen. So sehe ich auch meinen Part im Berufsleben, wie kann ich Einfluss nehmen? Ob als Herausgeber mit dem Schreiben von Editorials und der Hoffnung, dass die Politik oder die Wirtschaft mich hört oder auch früher als Berater bei Prognos, einem zukunftsorientierten Forschungsunternehmen in Basel.

Was bringen Sie auf der persönlichen Ebene mit, welche fachlichen Kompetenzen befähigen Sie, um meinungsbildend und progressiv Einfluss nehmen zu können, als Wirtschaftsexperte, als Journalist und Herausgeber und jetzt als Zukunftsforscher? Welche Vorraussetzungen mussten sie denn erfüllen um überhaupt Zukunftsforschung lehren zu können?

Der Eintritt in die Zukunftsforschung, die auch dem Lebensunterhalt dient, war meine Entscheidung von Brüssel bei der EU-Komission zu Prognos zu gehen, einem Basler Unternehmen in Beratungsfunktion für zukünftige Entwicklungen von Städten, Unternehmen, und Regionen. Projekte wie Studien über die Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung der Region Karlsruhe oder Zürich erforderten Werkzeuge, wie Simulationsmodelle. Wir haben das also nicht nur gedacht, sondern dargestellt, damit man auch mit politischen Maßnahmen eingreifen konnte.

Das mussten auch visualisierte Darstellungen von prognostizierten Entwicklungen sein, nicht nur Auflistungen von Zahlen?

Ja. Wenn es politisch wirksam sein soll, muss der Ansatz auch einem Wirtschaftssenator oder Bürgermeister oder Bauminister plausibel sein.

Warum ist Visualität effektiver als Sprache?

Das ist die Frage der kognitiven Fähigkeiten und die ist ja schon durch eine Reihe von Sprichwörtern hinlänglich belegt worden. Durch Bilder kann man einer Aussage eben weitaus mehr Impact verleihen. Ich habe gerade einen Vortrag gehört von der Leiterin der Berliner Bürgerstiftung. Die hat so viel Zahlen vorgelesen, hochinteressant, aber bei der Vortragsweise kannst du nur sagen: Schon vergessen. Im Gegensatz dazu sind dynamische Grafiken die eine Veränderung im Laufe der Zeit animiert visualisieren, didaktisch so viel interessanter. Die visuelle Umsetzung von Prognosen ist ein ganz entscheidender Punkt um Diskussionen über Zukunft fruchtbar zu machen.

Ich finde den Aspekt sehr interessant, dass uns Dinge, die visuell, besser noch haptisch, erfahrbar sind, viel plausibler erscheinen als verbal getroffene Aussagen.

Noch entscheidender ist, das Aussagen diskutierbar sind und nicht nur ex cathedra verkündet werden: So ist es! Das zeigen unsere Modelle! Dann hängt die Glaubwürdigkeit fast mehr vom Charisma des Vortragenden ab als von den Fakten. Es geht darum aus seinen Analysen und deren Ergebnissen ein Diskussionsangebot zu machen. Es gibt ja nicht die eine richtige Meinung über das was kommt, aus zwei entscheidenden Gründen nicht a) Die Status Quo Prognose: Keiner weiss was käme, wenn Alles sonst so bliebe wie es bisher war. Das sind immer nur positive Hypothesen, manchmal in sich schlüssig oft aber nicht mal das. B) Keiner weiss, was du noch alles tun kannst, damit der Status Quo nicht eintritt.
Herman Kahn war ein berühmter Zukunftsforscher. Der hat unterschieden zwischen seinen überraschungsfreien Prognosen und sich dann vorgestellt, welche unvorhergesehen Situationen eintreten könnten, die seine Prognosen über den Haufen werfen könnten. Aktuelle Beispiele dafür sind Fukushima oder die Euro-Krise. Obwohl die Begeisterung über das Wirtschaftswachstum Anfang des Jahres groß war, sind die Zukunftsängste momentan sehr groß. Man kann Varianten annehmen, doch die Welt in 1000 verschiedene Szenarien zu zerlegen, wäre nicht mehr hilfreich, es entsteht kein Bild mehr.

Wie effektiv ist dann die konkrete Planung von Zukunft, die auf Wissen und Erfahrung aufbaut, wenn sie sowieso extrem vielen Zufällen unterliegt? Und die Frage, die ich in dem Zusammenhang noch interessanter finde: Wie entsteht Zukunft nun tatsächlich, durch Planung oder durch Zufall?

Es ist immer eine Mischung, wie in einem guten Teig. Man kann nicht sagen entweder passiert alles durch Planung oder Zufall. Das ist eher etwas was zusammengehört. Die Frage ist: Kann ich mir für den Bereich der geplanten Zukunft mehr Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten schaffen? Darauf kann ich antworten: Ja, das kann ich! Ich nehme mal das Beispiel am steigenden Meeresspiegels um die Niederlande und was Holland aus diesem Phänomen macht. Es gibt die Möglichkeit die Prognosen des Klimawandels zu negieren, oder sie ernst zu nehmen, und beispielsweise die Deiche zu erhöhen, die Fundamente zu stärken. Vielleicht können auch neue Arten von Städten entwickelt werden, die schwimmen. Dann steigt das Wasser und unsere Häuser eben auch. Wir können versuchen durch Gestaltung und Produktentwicklung auf beginnende Probleme einzugehen um sie abzuwenden.
Wir sind dabei einen riesigen Sprung in eine post-Kohlendioxid-Epoche zu machen. Das ist geplant und kein Zufall und fusst auf relativ seriöser Zukunftsforschung. Um Rohstoffdezimierung und Umweltverschmutzung entgegenzuwirken, verwindmühlen wir die Gegend und versuchen soviel wie möglich Solarpaneele an die Gebäude zu montieren.

Dabei bleibt es oder forscht man auch über die Nachteile alternativer Energiegewinnungsmethoden? Es gibt doch auch Gegenmeinungen zur Verwindmühlung von riesigen Flächen, die anders nutzbar wäre, auch weil die Windräder optisch schlichtweg eine Zumutung seien. Welche Gremien haben denn dafür die Entscheidungsbefugnis? Wer entscheidet welche Ergebnisse von Zukunftsforschung ernst genommen und umgesetzt werden und welche nicht?

Niedrige und zentralere Entscheidungssysteme nehmen Einfluss auf die Entscheidung, wie mit Warnungen oder Ergebnissen, die Zukunftsforschung hervorgebracht hat, umgegangen wird, wie sie umzusetzen sind und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Denn Entscheidungen sind eben nicht nur wissens- sondern auch interessenbasiert.

Wieviel Bedeutung messen Sie, auch in Bezug auf diese Entscheidungsfindungen, den gestaltenden, kreativen Berufen in der Zukunftsschöpfung zu?

Eine viel, viel größere als sie heute wahrgenommen wird. Ich beginne mit dem internationalen Wettbewerb. Wir leben in einer multikulturellen Welt der Märkte. Beispiele wie Apple oder früher Braun zeigen wie wichtig es ist, dass die Überzeugung des Kunden nicht über Sprache oder Marken – wie Siemens – sondern über Gestaltung abläuft. Gestaltung ist ein sehr vordergründiger aber nicht minder wichtiger Aspekt. An der khb studieren 30% internationale zukünftige Gestalter und durch die lernen wir quasi eine Esperanto-Gestaltung. Das soll nicht nur globalisiertes Design zur Folge haben, sondern auch mehr Individualisierung. Es gilt eine besondere Designsprache zu entwickeln, und weiter zu führen. Was neu hinzukommt zum Produktdesign ist das Kommunikationsdesign. Wir können nicht mehr nur in Hardware – Möbel, Autos – denken. Wir müssen uns in der Internetwelt darstellen und individualisieren. Wir haben heute eine Reihe von Exzellenzinitiativen und sind sehr überzeugt davon die Natur- und Ingenieurwissenschaften zu fördern. Ich glaube das der kreative Sektor der Bildung mindestens genauso viel Aufmerksamkeit benötigt, sehe hier aber keine Exzellenzinitiative, auch nicht viele Fördergelder für die Verbreitung, Verbesserung und Intensivierung dieser Studiengänge.

Der Produktdesigner ist nicht ausschliesslich nur für die äußere Ästhetik eines Produktes zuständig.

Nein, im Gegenteil! Wenn man sagt: Wir können nur soviel auf den Weltmärkten verkaufen wie wir besser sind als die anderen. Dann sage ich: Zu dem Besseren gehört auch das Design! Ganz entscheidend ist das Durchdenken von Produkten, Maschinen, medizinischen Apparaten. Aus der Automobilindustrie weiss man, welche Rolle Design spielt, aber das Gleiche gilt auch für eine Zahnbürste.

In welche Disziplinen werden die Produktdesign Studenten der khb als Berufsdesigner mal gehen. Die werden doch nicht alle Möbeldesigner?

Ich würde sagen »querbeet«, ich habe einen gewissen Überblick, bin aber nicht der Produktdesign Professor. Ich messe auch den Studiengängen Modedesign und Textildesign große Bedeutung zu. Besonders was den Aspekt der Technologie und Kommunikationsmöglichkeiten, die über Stoffe und Textilien gegeben werden, betrifft. Ich glaube übrigens nicht das die Designdisziplin interessant ist, sondern die Frage nach der Designaufgabe. Bei fast allen Studierenden an unserer Hochschule spielt ein gesellschaftliches Motiv eine Rolle, nicht nur die Frage wo verdiene ich am meisten Geld, sondern wo ist ein sinnvoller Ansatzpunkt für meine Tätigkeit.

Dafür ist die khb bekannt. Ich kenne einige Absolventen, zum Beispiel das Team von anschlaege.de, die waren auch Mart Stam Preisträger. Diese Gestalter-Gruppe behandelt doch Design auch mehr oder weniger als Forschungsmethode und macht nicht nur hübsch sondern besser.

Ja, die sind ein sehr gutes Beispiel, die sind genau so wie es sein muss. Die denken nicht in vorgefertigten Kästen sondern quer.

Das Thema der Zukunftswerkstatt: Geht Berlin an zuviel Kreativität zu Grunde hatte folgenden Hintergrundgedanken: Es ist wundervoll viele Ideen zu haben, aber die Welt wird nicht von vielen Ideen verändert sondern durch ihre Umsetzung. Ein Freund sagte früher mal: Innovation ist erst wenn der Markt Hurra schreit!

Und wann schreit der Markt Hurra? Was kann Zukunftsforschung in diesem Bereich leisten ausser Erfahrungen auszuwerten?

Am Beispiel Demografie lässt sich das gut erklären. In einigen Jahren haben wir statt 3 Mio Höchstbetagter, 9 Mio, eine verdreifachte Anzahl. Also muss man über Mobilität reden. Hybridfahrzeuge wären in dem Zusammenhang interessant. In dem Vortrag über Stadtentwicklung bei dem ich gestern war, wurde auf dieses Thema gar nicht eingegangen. Sie haben lange über zukünftige Mobilität in Berlin referiert. Alte Menschen und Höchstbetagte kamen in diesem Zusammenhang gar nicht vor. Wir sollen alle zu Fuss gehen oder Fahrrad fahren. Ein wirklich alter Mensch kann weder zu Fuss gehen noch Fahrrad fahren. Also muss man sich ein Verkehrssystem denken, in dem viele motorisierte Rollstühle Platz haben. Dafür muss ein entsprechendes Wegesystem entwickelt werden. Wann schreit der Markt Hurra? Wenn ich so etwas vorausdenke, dafür eine Idee entwickle und damit ein gesellschaftliches Bedürfnisse befriedige.

Geben sie doch zum Schluss noch eine Prognose ab. Wann schreit der Markt das nächste mal Hurra! Herr Afheldt?

Ich nenne mal zwei Beispiele wo ich mir ziemlich sicher bin. Das eine ist die Tele-Medizin. Ich bin überzeugt davon, dass wir in Kürze Systeme haben, in denen wir in sehr viel stärkerem Maße als heute mit neuen Kommunikationsmitteln den Patienten medizinisch überwachen, also zum Beispiel mit Blutdruckmessungen, Herzfrequenzmessungen, und ihn auch mit Therapien versorgen können.

Über Bildschirme?

Über kleine Apparaturen die bestimmte Messungen durchführen, Blutdruck, Herzfrequenz, Blutzucker. Dann gibt es eine Zentrale, die Ihnen mitteilt wann Sie sich mit neuen Medikamenten versorgen müssen, die Ihnen über Online-Versand-Anbieter zugesandt werden. Die Medikamente kommen dann zu Ihnen ins Haus. Und zweitens bin ich davon überzeugt, dass alles was unsere Antriebsaggregate für Fahrzeuge betrifft, wir uns viel zu konventionelle Gedanken machen. Da muss noch viel mehr an innovativen Ideen her. Wenn man sich vorstellt, was wir in den vergangenen Jahrzehnten für Entwicklungen durchgemacht haben. Ein gutes Beispiel ist meine Mutter, Jahrgang 1895. Wenn heute so viele Leute in viel beklatschten Vorträgen sagen, es hat noch nie so viele Veränderungen wie heute gegeben, dann sehe ich mir das Leben dieser Vorfahrin an und die Neuerungen, die sie miterlebt hat: Automobil, Flugzeug, Radio, Elektrizität, Fernseher, Fernheizung. Alles, was sie miterlebt hat, war neu. Eine derartige Menge an Innovationen,- und bei allen hat sie möglichst versucht, das erste Produkt zu bekommen.

Ihre Mutter war ein Early Adopter!

Ja! Und vielleicht – weil sie eingangs gefragt haben, woher ich dieses Zukunftsgen habe – es könnte gut sein, dass sie es mir vererbt hat.

Prof. Dr. Heik Afheldt (1937) ist Vorstandsvorsitzender der Mart Stam Gesellschaft, Professor für Zukunftsforschung an der Kunsthochschule Berlin und Publizist. Er war u.a. Herausgeber des Tagesspiegels und der WirtschaftsWoche und wirtschaftspublizistischer Berater für die Zeit (und vieles mehr).

Das Interview führte Ulrike Daraghma

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