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Täglich äußern sich in Deutschland hunderttausende Nutzer des Sozialen Netzwerks Twitter zu ebenso vielen Themen aus der ganzen Breite der Gesellschaft, teils brisant, oft belanglos.
Twitter ist auf die blitzschnelle Multiplikation und Verbreitung von Gedanken und Meinungen ausgelegt. Die Trending Topics (Echtzeit-Zusammenfassung inhaltlich verwandter Twitter-Nachrichten) lassen erkennen, wie teilweise stündlich neue Themen den Dialog dominieren. Viele Tweets sind zudem mit Ursprungskoordinaten versehen, so dass man auch die räumliche Verteilung bestimmter Gespräche verfolgen kann.
Dargeboten werden diese Inhalte als einfache Liste aktueller Kurznachrichten der jeweils abonnierten Twitternutzer. Doch die Textdarstellung ist nicht die einzig mögliche Art, die komplexen Datenstrukturen des Sozialen Netzes aufzubereiten und sie ist auch nicht immer die informativste. “Wie ist die Stimmung?” ist eine Frage, die sich bei Betreten eines Raumes sofort beantworten lässt, aber nicht nach einem Blick in den Twitter-Account.
Was wäre nun, wenn man Twitter nicht nur lesen, sondern sinnlich erfahren könnte? Wenn man hören, sehen, spüren könnte, was gerade geschieht?
#tweetscapes geht dieser Frage nach und bietet einen neuen Zugang zum Sozialen Netz. Sämtliche Deutschen Twitter-Nachrichten werden in Echtzeit und rund um die Uhr in abstrakte Klänge und Bilder umgewandelt – nicht willkürlich, sondern nach einem festen Regelwerk. So werden über das Hören Rückschlüsse auf die zugrundeliegenden Daten möglich, die über den konkreten Inhalt einzelner Tweets hinausgehen und kommunikative Zusammenhänge aufzeigen: Das erste Aufflammen einer Nachricht, die schnelle Verbreitung ihrer Echos und Wiederholungen, der “Grundsound” eines von einem bestimmten Thema geprägten Tages – all diese Aspekte werden intuitiv begreifbar. Twitter wird Ambience, der User wird Teil des Datenstromes.
#tweetscapes bedient sich der wissenschaftlichen Techniken der Sonifikation (D.h. akustische Darstellung von Daten) und der Visualisierung, doch es erschöpft sich nicht darin. Es sucht seine eigene Ästhetik. #tweetscapes ist nicht nur Forschungs-, sondern vor allem auch Kunstprojekt: Eine interaktive Komposition, welche durch die deutschen Twitternutzer laufend neu interpretiert wird und auch für ihre Schöpfer stets überraschend bleibt.
#tweetscapes basiert auf einem Konzept des Klangkünstlers Anselm Venezian Nehls, der in Zusammenarbeit mit dem Sonifikationsforscher Dr. Thomas Hermann zunächst eine rein akustische Umsetzung erarbeitete, welche seit Oktober 2011 regelmäßig live auf Deutschlandradio Kultur läuft. Ergänzt wird diese seit Januar 2012 durch eine Echtzeit-Visualisierung des Videokünstlers Tarik Barri.
Ein vollständiges Eintauchen in die interaktiven Klänge und Bilder erlaubt die audiovisuelle Surround-Installation #tweetspace. (Wann und wo #tweetspace zu erleben ist, wird auf tweetscapes.de bekanntgegeben).
#tweetscapes ist eine Kooperation von Deutschlandradio Kultur, Heavylistening, der Ambient Intelligence Group des Citec an der Universität Bielefeld und dem Masterstudiengang Sound Studies an der Universität der Künste Berlin und das erste Projekt der neuen Sendereihe sonarisationen auf Deutschlandradio Kultur. Hier machen wechselnde Künstlerinnen und Künstler in Zusammenarbeit mit dem Sonifikationsforscher Dr. Thomas Hermann hörbar, was man sonst nur sehen, lesen oder messen kann.
Idee, Konzept, Sound, Realisation
Anselm Venezian Nehls
Heavylistening
Visualisierung
Tarik Barri
Konzept / Methodenentwicklung / Wissenschaftliche Projektbegleitung
Dr. Thomas Hermann
Universität Bielefeld, CITEC, Ambient Intelligence Group
Technische Realisation
Florian Eitel
Künstlerische Projektbegleitung
Prof. Sam Auinger
Universität der Künste Berlin / Masterstudiengang Sound Studies
Dramaturgie
Marcus Gammel
Deutschlandradio Kultur, Redaktion Hörspiel / Klangkunst
Artwork
Timm Knoerr


