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Der Chemiekasten Design

Im Gespräch mit Kollegen wird mir immer wieder klar, wie wunderbar breit gefächert unser Berufsfeld als Designer eigentlich ist. Ich kenne kaum ein Handwerk, das unter einer scheinbar klaren Bezeichnung so viele unfassbar verschiedene Ausprägungen einer Tätigkeit unterbringt. So definieren sich beispielsweise Designer, die aus dem Illustrativen zum Design kommen, immer eher als eine Art Künstler. In der klassischen Werbung oder auch bei größeren Corporate-Design-Anbietern fließt hingegen gern ein strategischer oder betriebswirtschaftlicher Aspekt mit ein. Manche Kollegen arbeiten fast nur auftragsbezogen, andere seit Jahren mehr oder minder frei, sind sich selbst der beste Auftraggeber. Was viele Designer aus den jeweiligen unterschiedlichen Bereichen als scharfe Gegensätze betrachten, die es auszufechten gilt, – als gelte es, einen einheitlichen, nämlich ihrer eigenen Sicht entsprechenden und insofern »richtigen« Design-Begriff durchzusetzen – , sehe ich eher als dynamische Morphologie einer Tätigkeit, die durch ihre Natur ganz einfach unterschiedlichste Formen annehmen kann und vielleicht im Sinne der eigenen Weiterentwicklung auch muss. Unter dem Deckmantel »Design« gibt es eine Vielzahl von Subspezies, in denen sich jeder seine eigene Lebens-Nische schaffen kann, was insgesamt eine große Stärke dieser noch durch recht wenig Regeln standardisierten Branche ist. Ich interpretiere meinen Beruf entsprechend – meinen eigenen Interessen folgend – als eine Mischung aus Unternehmensberater, Sozialpsychologe, Architekt und Dramaturg. Und nicht zuletzt vielleicht auch als Chemiker… oder besser gesagt als Kind, das mit einem Chemiebaukasten experimentiert und dabei mal ein BUMM mit einer wunderbar dicken schwarzen Rauchwolke erzeugt, mal aber auch nur ein pfffff! mit seltsam riechender Brühe als Ergebnis.

Niemand will hässlich sein

Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir alle, egal wie wir uns unseren Beruf selbst zurecht definieren, nach »hochwertigen« Arbeitsergebnissen streben. Niemand wird absichtlich schlechte Arbeit machen wollen – selbst der aggressivste Antidesigner versucht noch, auf möglichst ästhetische Art hässlich zu wirken, selbst Punk hat seine eigenen Regeln von miss- und gelungenen Szene-eigenen Ästhetiken, die das Genre von Außenseitern schützen. Hochwertigkeit ist insofern kein neutraler, absoluter Begriff, sondern eine individuelle Definition, wie ja auch die vielen Diskussionen, die Gestalter mit Auftraggebern immer wieder haben, zeigen – die persönlichen Definitionen von »erfolgreichem Design« sind oft nicht kongruent. Während man über Geschmack eigentlich kaum streiten kann, sind individuelle Vorstellungen von Hochwertigkeit oft gut begründbar und sehr unterschiedlich. Deshalb hilft die Auseinandersetzung dem Designer auch, zu verstehen, was der Auftraggeber unter einem Design versteht, das BUMM macht, und kann manchmal zu einem wichtigen Teil des Gestaltungsprozesses werden – form follows discourse. Denn während der Designer vielleicht nur eine möglichst ästhetische Lösung anstrebt, und für ihn ein Design hochwertig ist, das möglichst »gut« aussieht, kann der Auftraggeber verständlicherweise ganz andere Parameter für »hochwertig« haben – etwa ganz banal ein Design, dass den Umsatz ankurbelt. Ich glaube nicht an den immer wieder herbei zitierten Unterschied zwischen »Ästhetik« und »Umsatz«, an den manche Kollegen, vor allem aber leider viele Klienten glauben – Design ist dann hochwertig, wenn es gut aussieht und wirkt. Und es ist eben nicht so, dass Holzhammer-Gestaltung besser verkauft (auch wenn viele Klienten das denken). Ein Blick auf die meisten Anzeigen zeigt, dass keine große Marke wirklich glaubt mehr Umsatz zu generieren, indem sie potentielle Kunden anbrüllt. Gute Gestaltung hebt den Umsatz, indem sie souverän wirkt. Die Frage ist: Wie kriegt man im Chemiebaukasten eine Mixtur hin, die nicht nur eine tolle Färbung hat, sondern auch noch ordentlich knallt?

Scheiße und Gold

Als Designer sind wir alle in der Lage, Scheiße in Gold zu verwandeln. Wir sind Meister des Lackierens und Kaschierens. Wie versierte Präparatoren können wir noch die schlimmste Leiche sexy aus dem Sarg winken lassen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber in unserem Studioalltag kommt es immer wieder vor, dass wir in der letzten Sekunde, wenn ohnehin alles brennt, aus mauen Texten und schlechtem Bildmaterial irgend etwas noch halbwegs Überzeugendes zusammenmixen – Headlines umschreiben, Fotos »aufhübschen«; aus zu niedrigen Budgets etwas melken, was nicht so ganz peinlich wirkt, wie es in der Preisklasse eigentlich sein müsste; ex post eine Strategie herbeizaubern, wo nie eine vorhanden war. Das ist so, das war immer so, das wird immer so sein, und ich fasse diesen Veredelungsprozess inzwischen auch als zentralen Teil der Arbeit auf – ein guter Koch muss immer auch mit armseligen Zutaten ein einigermaßen überzeugendes Gericht kochen können, ein Handwerker auch mit einem schlechten Werkzeug noch passable Arbeit abliefern.

Tatsächlich ist diese Verwandlung im Chemiebaukasten des Designs ein Prozess der Mehrwertschaffung. Längst übernehmen Designer die strategische Planung, positionieren Unternehmen durch konzeptionelle Ideen und klare visuelle Sprache, retten miserable Ansätze und werten fast en passant im Layout dann noch lese-feindliche Texte auf. Ein Designer, der sein Geld halbwegs wert ist, wird immer mittel- oder langfristig durch eine Mischung aus Enthusiasmus und Können einen spürbaren Mehrwert für eine Marke oder ein Produkt schöpfen, der nicht aus dem Unternehmen selbst kommt, sondern erst im nachgelagerten Veredelungsprozess entsteht. Das ist der banalste Kern angewandten Designs: Der Auftraggeber liefert Zinn und wir produzieren natürlich kein Gold, aber zumindest doch soliden Stahl oder mit etwas Glück sogar Silber. Wenn man uns denn lässt.

Jeder von uns tut das. Wir Designer versuchen stets, den Klienten davon zu überzeugen, seine EIGENE Sache besser zu machen als er es eigentlich tut. Ich kenne keinen Designer, der stundenlang mit einem Auftraggeber über ein Logo debattiert, weil er das nun persönlich gerade zu seinem Glück braucht – wir alle tun das, weil wir wissen, dass der Kunde im Endeffekt von der durchdachteren Lösung profitieren wird, selbst wenn er das akut vielleicht noch nicht so sieht. Die Aufgabe des Designers ist ja schließlich, die Zukunft zu schmecken.

Was wir in diesem Prozess machen, ist im Grunde Aktien niedrig kaufen und sie zu einem deutlich höheren Wert wieder verkaufen, wie Sanierer in ein marodes Unternehmen gehen, die Sache wieder ins Rollen bringen und mit Gewinn weiterverkaufen; mit dem Unterschied, dass es nicht unser Gewinn ist, sondern der des Auftraggebers. Wir verwandeln Zinn in Silber und behalten das Silber nicht für uns, sondern bringen es brav zu demjenigen zurück, der uns das Zinn geliefert hat (gegen ein gemessen an der tatsächlichen Mehrwertschaffung meist eher moderates Honorar).

Ob bei der großen Markenbildung oder nur einem kleinen Internetauftritt – mit Wissen und Leidenschaft (Leiden und Wissenschaft) mischt der Designer Qualität aus den profansten Stoffen. Und oft fast beiläufig – ich erinnere mich an einen Fall, wo wir für ein großes Unternehmen einen Webauftritt machen sollten und in diesem Prozess heraus fanden, dass die Firma keinerlei Ordnung in ihrer Produktlinie hatte, was vielleicht erst auffällt, wenn man die Produkte in das navigierbar logische Gerüst einer Site strukturieren will und feststellt, dass es keine sinnvollen Produktgruppen gibt, Produkte teilweise doppelt existieren, andere wichtige Marktkategorien aber gar keine Produkte haben. Ergebnis des Prozesses war eine Bereinigung der Produktpalette, eine erfolgreiche Straffung von Marketingstrategien und mehrere komplett neue Produkte, die klaffende Lücken füllten und deshalb binnen kurzer Zeit erfolgreich liefen. Ich bin sicher, ihr alle kennt solche Prozesse von »Abfallprodukten« des Designprozesses, die oft wertvoller für ein Unternehmen sind als die ursprüngliche Aufgabe, für die man engagiert wurde. Wir alle zaubern Teflon in unserem Chemiebaukasten. Hat der Auftraggeber offene Ohren und Interesse an Erfolg, mündet Design in Effekten, die weit über das Gestalten eines Geschäftsberichtes oder einer Website hinausgehen. Design ist angewandte Unternehmensberatung.

Die kommunikative Wasseraderfindung und Aufwertung, die gutes, engagiertes Design für ein Unternehmen oder eine Einrichtung bedeutet, ist so signifikant für deren Erfolg, dass Design (und eben nicht nur die Produktdesign) längst neben Preis, Qualität und Service der zentrale Faktor in der Wertkette von Produktion zu Verkauf ist. Design ist überraschend oft mehr als ein Deckmäntelchen, sondern offenbart eine Haltung der Unternehmen, die auf gutes Design setzen, die tiefer geht und die einen Respekt vor den Kunden sowie Liebe zum eigenen Produkt zum Ausdruck bringt.

Everything counts…

Aber das Chemiebaukasten-Kind in mir weiß, dass unsere Mixturen besser werden, wenn die Rohstoffe reiner sind. Insofern ist für mich die Frage nach wirklicher Hochwertigkeit immer eine Frage, die zu den Zutaten führt – Qualität entsteht immer am besten aus Qualität. So spannend es sein mag, aus Fast-Food-Zutaten ein gutes Gericht zu zaubern, so sehr weiß doch jeder Koch, dass erst frische Zutaten, eine einwandfreie Qualität von Gemüse oder Fleisch, kleinste stimmige Details in den Aromen, zu einem wirklich phantastischen Gericht führen. Detail ist alles, alles ist Detail. Auf unsere Arbeit übertragen sind es zunächst ganz offenbar lesenswerte, mit Liebe geschriebene und involvierende Texte und gute, ästhetisch sowie technisch einwandfreie Fotos. Das klingt genauso einfach wie es ist, aber im Alltag ist unfassbar, wie viel Energie man in genau diese Banalität stecken muss. Wie oft habt ihr im Kleinen oder Großen schon versucht – immer mit der Angst im Nacken, den Auftraggeber mit eurem Interesse an den Details auch noch zu vergraulen – , Material nachbessern zu lassen oder selbst zu überarbeiten, selbst wenn es mit eurer ureigentlichen Arbeit nicht direkt verbunden ist, weil ihr einfach glaubt, dass diese Zutaten für ein überzeugendes Endergebnis essentiell sind? Ich würde wetten, jeder von euch tut das permanent und fragt sich in schwachen Stunden, warum man sich eigentlich so beherzt um Dinge kümmert, die dem Klienten scheinbar egal sind, anstatt den Shit einfach zusammen zu klotzen und stumpf das Geld zu kassieren. Aber macht euch nichts vor – gerade die Tatsache, dass ihr auf Qualität besteht, den Auftraggeber zu überzeugen versucht und motiviert, dass ihr Entwürfe ändert, nachbessert, Texte umschreibt, Bilder neu anfragt, Logos in Vektorqualität auftreibt und immer wieder und wieder an den Details schmirgelt und feilt… gerade diese Tatsache macht euch erst zu guten Designern. Es mag wie aufreibender Alltagskleinkram wirken, aber es ist die Essenz unserer Arbeit – Dinge besser machen. Nicht mit den Schultern zucken, nicht den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Kompromisse machen (und suchen), aber immer wieder jeden Morgen neu an den Schreibtisch zu gehen und um das Beste zu kämpfen. Die Qualitätssicherung im Kopf, der Versuch, immer das Bestmögliche herauszuholen und das am schlimmsten Denkbare zu vermeiden. Designer wollen die Nutzbarkeit und die Wirkung dessen verbessern, was sie entwickeln – und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen.

Das große Ganze

Es ist insofern eine oft logische Konsequenz guten Designs, dass es langfristig auch ganze Prozesse beim Auftraggeber optimieren kann. Die Wertschöpfung am Ende hat das Potential, zurückstrahlen in die Produktion und Planung, wenn der Klient in der Lage ist, die Anregungen des Designers intelligent aufzugreifen und umzusetzen. Der Design-Chemiker schließlich nimmt ja das Produkt in seinem Labor unter die Lupe, zentrifugiert es, findet die Essenz, aber auch die Schwachpunkte und kann aktiv helfen, die Markenkommunikation drastisch aufzuwerten. Tatsache ist, dass Design erst dann messbar wirken kann, wenn es als Planungsparadigma gedacht wird und nicht nur als »Hoppla, wir müssen ja auch noch Werbung machen«-Notlösung am Schluss stattfindet. Eine solide Zielgruppen- oder Marktanalyse, eine saubere Strategie mit stets evaluierbaren Zielen, ein diesen Zielen und dem Unternehmensvolumen angemessenes Budget, aber auch ein ehrlich gutes Produkt, ein motivierter Verkauf und guter Service – all diese Zutaten sind für erfolgreiches Design entscheidend, sie sind Aspekte des ganzheitlichen Designs und sollten aus der Perspektive des Designs kritisch betrachtet werden. Je solider das Fundament, umso wirksamer kann Design wirken. Natürlich kann man mit einer schicken Package auch furchtbaren Müll verkaufen – aber langfristig funktioniert das nicht, in Zeiten von Online-Foren zur Bewertung von tatsächlicher Nutzererfahrung mit einem Angebot weniger denn je. Echte Substanz entscheidet, die Einheit von inhaltlicher Qualität und im Marketing gegebener Versprechen. Ziel eines guten, integrierten Designs ist also eben nicht, Zinn in Stahl zu verwandeln, sondern dafür zu sorgen, dass da von Anfang an gutes Erz gefördert wird, das Ziel ist Ehrlichkeit. Ein guter Designer wird sich also für jedes kleine Detail dessen interessieren, was er am Ende »verpacken« soll – und ein guter Auftraggeber weiß, wie wertvoll der Input eines engagierten Designstudios für sein Unternehmen ist. Auch wenn der Begriff des »Design Thinking« inzwischen ziemlich abgenutzt ist – in der Praxis ist es so simpel wie nahe liegend, und auch keineswegs neu, von Anfang an und in jedem Lebensprozess einer Einrichtung darüber nachzudenken, welche Ziele man hat und wie man sie evolutionär und langfristig erreicht. Will Gestaltung am Ende erfolgreich sein und begründbar funktionieren, tut der Auftraggeber sich immer selbst den größten Gefallen, wenn es von Anfang an eine Philosophie des runden Tisches gibt, in der er und sein Designer im Diskurs die beste Lösung erarbeiten, sich an die Essenz der gemeinsamen Hochwertigkeit heranarbeiten. Egal, was man tut, ob Schrotthandel oder Theater, Autobau oder Architektur – es gibt immer mehrere passende Wege, in seinem Feld die bestmögliche Arbeit zu tun. Design ist die Landkarte, mit der man diese Wege findet, denn die Manifestation von Intelligenz in der Konzeption, Produktion und im Marketing ist nun einmal ein Designprozess. Was liegt näher, als Designer, deren ureigenstes Interesse es ist, Prozesse so reibungslos und funktional wie nur eben möglich zu gestalten, und die ja schon am Ende der Kette einen spürbaren Mehrwert schaffen, von Anfang an einzubinden? Design, von Anfang an richtig gemacht, erzeugt Hochwertigkeit als Folge von Aussiebungsprozessen, von Optimierungen, von kritischem Denken und Besser-Machen-Wollen. Designer sind die Wissenschaftler des Alltags, die von dem Trieb beherrscht sind, die Dinge optimieren zu wollen. Das Richtige ist dabei dann das Funktionierende, ist das Schöne, ist das Erfolgreiche – es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen »verkauft sich« und »sieht gut aus«

Auf dem Maskenball der Verpackungskünstler

Derzeit geht es bei Design sehr viel um die Oberfläche, den Style. Das mag daran liegen, dass primär auf Schaueffekte setzendes Design, das keine Auseinandersetzung fordert, sich in reizüberfluteten Pitches, in rasant durchgeklickten Online-Portfolios und bei hektischen Jury-Entscheidungen einfach besser durchsetzen kann. Die Folge ist, dass heute ganze Design-Lookbooks wie aus einer Hand aussehen, obwohl sie eine ganze Schar verschiedener europäischer Designer aus unterschiedlichen Ländern präsentieren… die halt nur mehr oder minder auffällig identisch gestalten, Echos von Echos in der Echokammer des größten Lookbooks von allen – dem Internet. Es mag auch daran liegen, dass die erfolgreichen Designer weniger und weniger Zeit (und Budget) haben, sich wirklich intensiv und lange mit einem Re-Design einer Marke o.ä. zu befassen und oberflächliche, eben vor allem visuell funktionierende, aber kaum mehr begründbare Lösungen entwickeln. Es mag auch sein, dass genau diese Lösungen in Pitches am einfachsten funktionieren, wenn selbst die Auftraggeber über individuelle Farbvorlieben sprechen und nicht mehr über konkrete Kommunikationsziele, wenn alles im Nebel persönlichen Geschmacks zerstäubt wird. Diese Ästhetisierung von Design, von der sich niemand ganz freisprechen kann, produziert natürlich wunderschön anzusehende Arbeiten von herausragenden Designern/Illustratoren. In diesem Segment von Design als eher visueller Leistung lässt sich Hochwertigkeit sicher an subjektiven oder modischen Parametern festmachen. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Methoden entwickeln werden, um in Form einer aktiven Designkritik über diese ästhetische Dimension von Design urteilen zu können, wie wir heute Film- oder Plattenkritiken schreiben. Grafik-Design wird sich wie Kunst, Photographie oder Architektur als visueller Kulturfaktur etablieren und sich noch mehr als bisher einen Weg in Magazine, Galerien und Museen bahnen. Ich mag diesen Aspekt von Design per se, aber manchmal beschleicht mich die Angst, dass diese Spezies von Design sich ungesund vervielfältigt und allzu dominant wird, es nur noch um modische Launen, um den Gestalter-als-Künstler geht, nicht mehr um die »Sache«, die es zu verbessern gilt, nur um subjektive (und damit unangreifbare) und weniger um objektive Vorstellungen von »Hochwertig«. Es ist eine resignierte Haltung, die ich hinter manchen Arbeiten vermuten, die nur noch kommentieren oder schlicht sperrig-»anti« sind (wohlgemerkt alle auf recht gleiche Art), oder die auf der anderen Seite nur noch Nichtigkeiten schön verpacken wollen – so als könne man nicht mehr die Kraft aufbringen, das große Ganze besser zu machen. Man kommentiert die Misere, aber als Beobachter, passiv, cool, eben rein ästhetisch. Was sich in den 90er Jahren noch wie ein Befreiungsschlag anfühlte – raus aus dem Korsett des Sachzwangs, rein in den Posthistorismus -, führt heute in ein oft seltsam unterkühltes Spiegelkabinett, in dem narzisstische Verkleidungskünstlern sich einander gleichgültig smarte Insider-Zitate zuflüstern. Es ist ein seltsamer Fin-de-Siècle-Maskenball und nach fast zwei Dekaden hat kaum noch jemand die Kraft, wirklich zu tanzen und im Halbdunkeln sehen alle Gäste verdammt ähnlich aus.

Design als Mission

Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn es im Design einen großen Bereich visueller Arbeiten gibt, die frei und abenteuerlich sind, die ohne Leine spazieren gehen. Ich bin vielleicht nicht ganz sicher, ob dieser Bereich derzeit so mutig und frei ist, wie er sein müsste – aber Design-als-Kunst ist ein wichtiges Feld, keine Frage. Aber wenn es um »Hochwertigkeit« geht, komme ich immer wieder zurück zu einem anderen, etwas älteren Designbegriff, dem ich eine Renaissance wünsche. Während Dieter Rams (und leider im nur geringeren Maße der großartige Hans Gugelot) gerade wieder en vogue sind, weil Jonathan Ive den reinen Look des Braun-Designs bei Apple aufgreift, sind es tatsächlich die Thesen hinter dem Design von Rams, die man ähnlich auch bei Bill oder Aicher wiederfinden kann, diese Ideen des Designs der sechziger Jahre, eines soziopolitischen Ansatzes, der aus meiner Sicht einen verblüffend Weg zu einem anderen Begriff von »Hochwertigkeit« zeigt.

»Hochwertig« ist hier nicht das, was modern ist, oder gefällt, was einer ästhetisch-künstlerischen Vorstellung des Designers entspricht sondern das, was evolutionär funktioniert, sich durchsetzt, was also bleibt. Dieses Design fungiert als permanenter Innovations- und Verbesserungszyklus, als Schumpeterscher Prozess von Selbstkritik, Hinterfragung, Erneuerung. Es ist nur zwangsläufig, dass ein derart an der Nützlichkeit orientiertes Design einen Hunger hat, sich in betriebliche Aspekte einmischen will, die auf den ersten Blick nichts mit »Grafik« zu tun haben. Dieses Design hat stets den Beigeschmack des Missionarischen, weil es ganzheitlich denkt und Nutzungsaspekte eines Produktes ebenso ernst nimmt wie die Usability einer Homepage. Es ist einfach die logische Fortführung jenes Denkens, das uns als Designer im Detail um Verbesserungen kämpfen lässt. Es ist der Kampf des Chemiebaukasten-Kindes um die besten, pursten Zutaten für das größtmögliche BUMM, eine Art Askese des Guten. Um Rams noch einmal zu zitieren: »Weniger, aber besser.« Unterm Strich ist dieses Design der anstrengende und oft ohne Frage auch frustrierende Versuch, im eigenen Arbeitsethos, in Gesprächen, im Umfeld immer wieder nach Vernunft und Angemessenheit zu suchen, die Prinzipien des eigenen Entwerfens auf das Umfeld auszuweiten. Die Vorstellung von »hochwertig« endet hier nicht bei Schriftwahl und Druckveredelung. Keine Frage, dass die Design-Missionare sich hierbei nicht selten aufreiben, frustriert sind, ausbrennen, in die Lehre flüchten oder nach und nach zu den schlimmsten »Wer zahlt hat Recht«-Zynikern mutieren. Weil die Welt sich in ihrer Komplexität nicht rigide entwerfen und steuern lässt, ist der Ingenieurs-Ansatz eines Otl Aicher im Grunde zum Scheitern verurteilt, zu statisch, zu steif, wo der Ansatz der reinen Ästheten zu schlaff, zu hedonistisch, zu pseudo ist. Weil Design immer ein sozialer Prozess ist und eben nicht wie Wissenschaft in einem durchgehend kontrollierbaren oder wie Kunst in einem zutiefst individuellem (ergo auch kontrollierbaren) Umfeld stattfindet, sondern in einem Spannungsfeld von widersprüchlichen und oft fehlerhaften Kommunikationen, Wünschen, Zielen ist ein hartes Streben nach »Exzellenz« eine perfekte Strategie zum Unglücklichsein. Ein Designer wird niemals die Resonanz und Tiefe der Arbeit eines »echten« Künstlers erreichen, ohne sozusagen unbemerkt das Feld zu wechseln – andererseits wird niemals ein Designer auch nur eine ganze Firma re-organisieren und verbessern können, von der Gesellschaft als solche ganz zu schweigen. Aichers Designer als Weltentwerfer und flammender Erzieher würde heute an der eigenen Rigidität und Freudlosigkeit ersticken.

Come together

Die Zerteilung des Designs in Ästheten und Moralisten, Stylisten und Ingenieure, Realos und Fundis, ist nun schon so alt wie die Entdeckung des Selbstbewusstsein des Designs im Jugendstil oder Dada oder Bauhaus. Das dürfte sicher ein 100 Jahre altes Thema sein – und es wäre überfällig, diesen Gegensatz als Reichtum zu verstehen. Ja, wir haben derzeit sicherlich zu viele reine Stylisten, syntaktische Meister ohne Inhalte, aber die Austauschbarkeit der meisten Arbeiten ist auch für die Protagonisten der Szene greifbar. Auf der anderen Seite wird auch der strengste selbsternannte »Informationsarchitekt« erkennen müssen, dass Kommunikation eben kein Haus ist, keine Architektur hat, sondern arationalen Aspekten folgt, die man spielerisch und explorativ integrieren kann. Auch Freude an der Nutzung sind eben »objektive« Funktionsfaktoren. So ist zu hoffen, dass die Ästheten auf der Flucht aus dem ermüdenden Nihilismus ihrer Arbeit weiter nach tieferen Inhalten suchen und die Moralisten ihrerseits die Magie des Spaßes und die Leichtigkeit des intuitiven Spiels entdecken. Was seit Jahren wie zwei unvereinbare Lager scheint, kann in der Fusion eine dynamische, lebendige Idee von angewandtem Kommunikationsdesign ergeben, eine Art Dritten Weg als Ausweg aus der Sackgasse, in der die Branche steckt. Design als Kreuzzug funktioniert ebenso wenig wie Design als Cocooning in die Heile Ich-Kuschelwelt. Ein dritter Weg zwischen missionarischem Eifer und nonchalanter Oberflächlichkeit ist eine Chance, sich in aller Bescheidenheit wieder im Sinne Aichers als Weltverbesserer zu verstehen, ohne dabei wie Wile E. Coyote ohne jeden Lerneffekt immer wieder an der Unmöglichkeit dieser Aufgabe zu scheitern. Das wäre eine Chance, aus dem nihilistischen Anti-Design herauszukommen, das nichts erschafft, nur cool sein will, und die Energie und die Leidenschaft und auch die Wut der Gestalter wieder in positive, die Zukunft suchende Entwürfe zu leiten. Anstatt die Gegenwart müde zu dekonstruieren würden wir so wieder die Zukunft (mit-)gestalten.

Und unsere Suche nach Hochwertigkeit könnte dabei ganz neue Dimensionen erreichen…

Nachbemerkung
Die Vorsicht-Glas-Texte sind tatsächlich nur lautes Nachdenken über Design und die eigene Arbeit und die Zukunft… meist in einem Rutsch geschrieben und entsprechend ausufernd, ungeordnet, unstrukturiert. Sie sind nicht mit einem echten Essay zu verwechseln, auch wenn es so niedergeschrieben verdächtig danach aussieht – insofern denkt euch am besten ein Gespräch in einer verrauchten Kneipe morgens um sechs als Umfeld, dann stimmt der Ton schon eher. Sie sollen nicht belehren oder besser wissen, auch wenn es manchmal so klingen mag. Und morgen kann ich vehement das Gegenteil behaupten.

Kolumne von HD Schellack

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