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Andrea Nienhaus über Verantwortung im Design

Andrea Nienhaus ist Diplom-Designerin und lebt und arbeitet als freiberufliche Designerin und Dozentin in Berlin. Bereits während ihres Studiums der Visuellen Kommunikation an der Universität der Künste Berlin und der University of the West of England hat sie sich auf die Gestaltung und Kommunikation von gesellschaftlichen Themen und Auftraggebern aus dem gemeinnützigen Sektor spezialisiert. Sie ist Gründerin des Gemeinschaftsbüros und Veranstaltungsortes Glas+Bild in Berlin-Kreuzberg. Gemeinsam mit Matthias Fellner bietet sie die »Kleine Designwerkstatt« an.

Was ist deine persönliche Definition von Design?

Zu der Frage lassen sich ganze Konferenzen und Bücher füllen und ich habe bis jetzt auch noch nicht die »eine« und meine allgemeingültige Definition gefunden.
Design als »Substantiv« ist für mich die Gestaltung, die die Form eines Prozesses oder eines Gegenstands beschreibt. Dieser kann zwei, drei oder vierdimensional sein.
Design als »Verb« heißt für mich, etwas sichtbar machen, visualisieren, entwerfen und testen.

Design als »Disziplin« ist sehr unscharf. Alles scheint mit Design zu tun zu haben. Design ist auch eine Querschnittsdiziplin. das ist mir sehr vertraut durch meine eigene Arbeit. Design als Qualitätskriterium wie z.B. »Designermode« oder »Designersofa« – das kann ich nicht mehr hören. Kurzum: Design ist für mich ein ganzheitlicher, komplexer Prozess, mit dem Lösungen gesucht und gefunden werden.

»Design« beschreibt die grundsätzliche Gestaltung unserer Umgebung, unserer Umwelt. Dazu gehören Räume, Objekte, Oberflächen, Interfaces und Handlungsabläufe. Ich gebe einer Sache, einem Prozess, eine »Ge-Stalt«, eine Form. Dazu gehören auch die Fragen: Was ist die Idee, wozu dient es, wie wird die Idee übersetzt, wie wird sie entworfen und realisiert? Was und wie (be)nutze ich es schließlich?

Eigentlich ist ein Gärtner ja auch ein Designer. Wenn man so will, ein Koch auch, denn sie gestalten aus einzelnen Zutaten etwas und schaffen etwas Neues. Der Herstellungsprozess ist Teil des Designs, ebenso wie das fertige Produkt.
Kann jede/r Designer sein? Nicht jeder würde das von sich behaupten. Mich interessiert daher, wie man andere Menschen dazu befähigen kann, selber zum Designer zu werden, auch ohne Designausbildung. Selbermachen, »Do-It-Yourself« ist in diesem Zusammenhang eine sehr spannende Entwicklung, die es gerade zu beobachten gibt.

Was war dein Antrieb, dich als Designerin auf gesellschaftlich relevante Themen zu spezialisieren?

Mich haben neben der visuellen Gestaltung immer schon politische und gesellschaftliche Zusammenhänge interessiert. Zu meinen Abiturfächern damals in der Schule gehörte neben Kunst auch Mathematik und Sozial- und Politikwissenschaften.
Als ich an die Kunsthochschule kam, habe ich die gesellschaftlichen Fächer zunächst sehr vermisst, bis schließlich »Visual Culture« –Seminare angeboten wurden, zu meiner großen Freude.

»Wie sieht es aus?«, das war mir einfach als Frage an gestaltete Materialien immer zu wenig. Die Oberfläche allein ist für mich nur ein Teil des Ganzen. Ich wollte wissen »Wo kommt es her?«, »Für wen soll das sein?«, »Was soll damit passieren?«. Wir leben in einer gemachten, gestalteten Welt und dahinter stecken immer bestimmte Interessen, die dies ermöglichen. Über mein Engagement für einen studentisch organisieren Sozialmarketingwettbewerb während meines Studiums sammelte ich erste Erfahrungen in der Kommunikation für Non-Profit-Organisationen. Das war schließlich auch mein beruflicher Einstieg in das Themenfeld. Design ist immer eingebunden in Kontexte, in technologische, wirtschaftliche, kulturelle und soziale Zusammenhänge. Und die möchte ich verstehen und in meiner Arbeit miteinander verknüpfen.

Nach welchen Kriterien suchst du deine Projekte aus? Hast du schon Projekte abgelehnt, weil sie für dich nicht vertretbar waren?

Ich arbeite ausschließlich für Projekte, in denen ich einen gesellschaftlichen Mehrwert sehe und deren Aufgabe darin besteht, etwas zu verbessern und die Gesellschaft im positiven Sinne verändern wollen. Ich mag Vorhaben, deren Sinn über eine reine Umsatzsteigerung hinausgeht. Ich muss mir immer die Frage beantworten können: Wofür mache ich das? Auf der anderen Seite reicht ein rein altruistischer Ansatz auch nicht aus, denn schließlich muss ich Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen. Wenn ich Projekte abgesagt habe, dann aus dem Grund, weil das Budget zu klein war und ich mir es nicht leisten konnte, wenig bis nichts daran zu verdienen. Daher suche ich mir Auftraggeber aus, die ein Mindesthonorar bezahlen können und gleichzeitig einen gesellschaftspolitischen Ansatz verfolgen.

Nicht jeder Designer kann oder möchte ausschließlich für nachhaltige oder soziale Projekte arbeiten. Wo fängt Verantwortung im Design deiner Meinung nach an?

Jeder kann und muss für sich selbst entscheiden, für welche Projekte, oder besser Auftraggeber er oder sie arbeitet. Wenn sich jemand ausschließlich für ein sehr gutes Honorar entscheidet, ist das auch o.k., denn es ermöglicht andererseits auch eine persönliche Freiheit. Mit dem nötigen Reflexionsvermögen ist für mich so eine Entscheidung vertretbar. Als erstes interessiert mich daher die Antwort auf die Frage: Warum mache ich das?

Als Designer gestalten wir unsere Umgebung und die unserer Mitmenschen. Wir tun nichts nur für uns, sondern immer für andere. Leider arbeiten Designer oft am Ende einer Konzeptionskette. Das heißt, wie etwas umgesetzt und aussehen soll, entscheidet oft auch jemand anderes. Zum Glück gibt es hier mittlerweile einen Paradigmenwechsel und auch Unternehmen haben erkannt, Designer schon früh in die Entwicklungsphasen miteinzubeziehen.

Verantwortung bezieht sich nicht auf einzelne Berufsgruppen wie die der Designer. Es wäre anmaßend zu sagen, dass es vor allem auf Designer zuträfe. Ärzte, Politiker, Juristen, Lehrer, Angestellte, sie alle übernehmen Verantwortung, in dem, was sie tun. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen, seien es gesellschaftliche, ökologische, ökonomische oder kulturelle. Wenn ich als Designerin z.B. Informationsmaterial entwerfe, dann trage ich Verantwortung für die Auswahl des Materials und den damit verbundenen Ressourcenverbrauch, für die Art und Weise, wie ich das Material gestalte, wer damit erreicht wird und wer nicht. Wir sollten uns die Fragen stellen, wer am Herstellungsprozess beteiligt ist und warum, und welche Kosten entstehen und welche wir vermeiden?

Sollte das Thema Verantwortung schon in der Designausbildung einen höheren Stellenwert bekommen?

Das Thema Verantwortung sollte überall einen hohen Stellenwert haben, denn es ist Kern unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Das fängt zunächst bei uns selber an. Es geht weiter im Kleinen z.B. in der Beziehung, Familie, Freunde, in unserem Job, und endet im Großen, in globalen Zusammenhängen. Es geht immer darum, die Konsequenz für das eigene Handeln zu übernehmen. Wenn Designern bewusst ist, was ihre Arbeit bewirkt, dann ist auch klar, wofür sie Verantwortung übernehmen, und wofür auch nicht. Der erste Schritt ist, sich bewusst darüber zu sein, in welchem Zusammenhang unsere Arbeit steht und welche Auswirkung sie hat oder haben könnte.

Das Bedürfnis vieler Studierender, in dem Zusammenhang zu arbeiten, schätze ich hoch ein. Die jüngere Generation ist auch politischer als noch vor ein paar Jahren. Sie sind sensibilisiert für globale Zusammenhänge und wissen um die Ungewissheit ihrer (beruflichen) Zukunft. Jugendstudien belegen genau das. Die Frage ist, inwieweit die Design-Ausbildung ihnen hier gerecht wird. Ich kann das schwer einschätzen, da mein Studium schon einige Jahre zurückliegt. Damals hätte ich mir jedenfalls mehr dazu innerhalb meines Studiums gewünscht.

2012 gab es in München die Internationale Designkonferenz mit dem Titel »Verantwortung gestalten«, die see-Conference mit dem Schwerpunkt »Nachhaltigkeit« und die TYPO Berlin mit dem Motto »sustain«. Gesellschaftliche Themen rücken in Design-Kreisen immer stärker in den Vordergrund. Wie siehst du diese Entwicklung?

Es freut mich, dass sich große Design-Konferenzen diesen Themen widmen, aber mich interessiert gleichzeitig, ob die Themen auch etwas in der Branche bewirken.
Und, mal ehrlich: Neu sind die Themen nicht! Bereits im Bauhaus haben sich Designer mit dem gesellschaftlichen Kontext ihrer Arbeit auseinandergesetzt. Anfang der 70er Jahren schrieb Viktor Papanek das Buch „Design for the real World“ und proklamierte einen ökologisch-sozialen Designansatz. In den 80er Jahren entwickelte sich in Deutschland eine starke Umweltbewegung, aus der u.a. eine Partei hervorging (Die Grünen), die heute etabliert ist und deren Programmatik zu Teilen in den konservativen Parteien Fuß gefasst hat.

Es sind Manifeste in den 90er Jahren geschrieben worden, wie das »First Things First«, in dem sich namenhafte Designer zu einem verantwortungsvollen Umgang innerhalb ihrer Disziplin verpflichteten.

Neu sind die Ansätze nicht, aber sie kommen wieder, mit anderen Herausforderungen.

Ich hoffe zum einen, dass die Themenentwicklungen der Konferenzen langfristig sind, sich etablieren, sie tatsächlichen Einfluss auf die Branche haben werden und dadurch neue Designansätze verfolgt werden. Wenn Designer sich viel mehr die Kontexte anschauen, in denen sie tätig sind, sie viel mehr darauf achten, für welche Personengruppen sie arbeiten, sie sich mehr mit den Materialien beschäftigen, mit denen sie täglich arbeiten, und sie innerhalb ihres Einflussradius daraus Schlüsse ziehen und diese umsetzten, dann ist das ein guter Schritt.

Zum anderen verweist der ausgiebig benutzte Begriff »Nachhaltigkeit« nicht nur darauf, ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Zusammenhänge mitzudenken, sondern beinhaltet auch den Ansatz der Partizipation. Und das verändert das bisherige Designverständnis gewaltig. Es geht über das Verständnis von »nachhaltig« = »ökologisch» weit hinaus.

Der Designer Konstantin Grcic sagte einmal in einem Interview »But if things are well made and people like them, they’ll last. That’s sustainable«. Ich mag diesen Satz sehr, denn damit verweist er nicht nur auf den Nutzen, sondern auch die Schönheit der Dinge. Und genau das ist auch »nachhaltig«, im Sinne von »langlebig«.

Und dennoch: »Nachhaltigkeit» hat genau so wenig ausschließlich mit »Verpackung« zu tun, wie der Designbegriff selbst.
Es geht nicht allein um die äußere Erscheinung, sondern um die Idee dahinter, den Sinn, den Mehrwert, die Wirkung. Erst wenn das beantwortet ist, wenn die Kontexte und deren Auswirkungen klar sind, dann können wir wirklich von »nachhaltigem Design« sprechen. Sonst bleibt das Wort so leer wie eine nett gestaltete Obstschale aus Bio-Bambus.

Andrea Nienhaus
http://www.andreanienhaus.de

Kleine Designwerkstatt
http://www.kleinedesignwerkstatt.com

Das Interview führte Jenny Lettow

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