Designer = Schwamm.

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Beim Thema Bildung, auch wenn ich acht Jahre selbst als Dozent gearbeitet habe, kommt mir immer wieder die gleiche Frage in den Sinn: Kann man Design eigentlich lernen? Das scheint zunächst selbstverständlich bejahbar zu sein, immerhin sprießen überall in Deutschland die Hochschulen für Design aus dem Boden (meist Design-plus-irgendetwas, als sei Design ein Plug-In, mit dem man nahezu jeden Studiengang aufpeppen kann).

Wenn so viele Leute Design studieren, dann muss die Antwort doch sein, dass man Design lernen/lehren kann. Ich bin mir da nur nicht so sicher. Natürlich kann ich bei diesem Gefühl nur völlig subjektiv von mir selbst ausgehen und keinerlei Aussage über andere treffen. Es mag sein, dass es anderen, »echten« Dozenten da draußen ganz anders geht – aber in meiner ganzen Zeit mit Studenten habe ich nie wirklich geglaubt, dass man bzw. dass ich Design lehren kann und hatte insofern ständig das Gefühl, eigentlich als Hochstapler zu arbeiten. Ich habe mir Design als Autodidakt selbst beigebracht, aus Büchern, von Vorbildern, vor allem durch Fehler gelernt. Kann man lesen, sehen und »Mist-bauen-und-von-vorn-anfangen« pädagogisch sinnvoll vermitteln? Dazu kommt, dass ich ja nie Design studiert habe, also eben auch keinerlei Vorstellung davon hatte, wie Design-Unterricht eigentlich aussehen müsste. Ergo habe ich wahrscheinlich Unterricht gegeben, wie David Carson die RayGun layoutet hat – keinen Schimmer, aber immer voll aufs Gas gehen. Die Studenten haben Stücktexte von Sybille Bergmann in Comics, archaische Typoskulpturen, wortlose Theaterinszenierungen, Hörspiele, Animationen umgewandelt und dabei wahrscheinlich mehr McLuhan mitgekriegt als ihnen lieb war. Sie haben mit Plakaten am Straßenrand gestanden und die Note hing davon ab, ob Sie damit ein Auto anhalten konnten. Sie haben Pornohefte gestaltet und Corporate Design für Terrorgruppen gemacht – und entsprechend beliebt war ich meist bei der Schulleitung. Aber gerade, weil ich keine Ahnung hatte, was ich da machte, hat das Ganze zumindest mir viel gebracht, als Experiment und Lernerfahrung. Bei all der Achterbahnfahrt zwischen den Job hinschmeißen wollen, weil man an sich selbst verzweifelt und den Job hinschmeißen wollen, weil man an den Studenten verzweifelt (und ganz generell, weil man nie genug Zeit für das Büro und den Unterricht hat), habe ich, ohne es immer selbst zu merken, einen enormen Spaß gehabt. Und zumindest ein paar Studenten hoffentlich auch. Irgendwann verbringt man dann die Nächte an der Schule, um Diplome durchzuarbeiten und irgendwann gehören ein paar Graduierte dann auch zum Freundeskreis, Jahre später noch. Und wer am Ende eigentlich vom wem gelernt hat oder noch lernt, ist aus meiner Sicht völlig offen. Ganz ehrlich also – meine Sicht auf »Bildung« im Designbereich ist wahrscheinlich enorm eigen. Aber nein, ich glaube nicht, dass man Design an sich »beibringen« kann. Kreativität ist sicher ein Werkzeug, keine magische Gabe – aber man kann sie eben nicht mechanisch erlernen wie Autofahren oder Steakbraten. Aber was man lehren kann ist Neugierde, Hunger. Entsprechend bin ich oft baff, wenn Studenten bei uns als Praktikanten im Büro arbeiten – es gibt da welche, die unseren Buchbestand nicht einmal angepackt haben. Die so gar nicht neugierig sind und tatsächlich »gestalten«, also rein graphisch arbeiten. Wobei ich anscheinend von einem ganz anderen Planeten komme und Design als angewandte Methode des gemeinsamen Denkens betrachte (was unsere Auftraggeber manchmal in den Wahnsinn treibt, zugegeben) und Optik meist eher zweitrangig finde, die ergibt sich schon.

Ich glaube, wenn ich von einer Idee der Design-Bildung sprechen könnte, dann ist es die, als Schwamm zu leben. Designer = Schwamm. Nein, nicht weich und porös, vielen Dank. Aber saugfähig. Neugierig. In der Lage, Welt aufzusaugen. Den Overload zu lieben. Um dann langfristig diskriminieren zu können, im besten Sinne natürlich. Also eine Meinung zu haben und die durchsetzen zu wollen, weil sie einigermaßen plausibel oder sogar fundiert sein könnte. Dabei kritikfähig und offen zu sein, elastisch, nicht borniert, Schwamm nicht Stein. Empathie für die andere Seite des Prozesses zu entwickeln. Design nicht nur als Designer zu sehen. Und natürlich Handwerk, Handwerk, Handwerk. Sehen lernen, Ordnungen und Pattern erkennen und wieder selbst generieren können. Texturen, Materialien, Licht, Klänge – Designer sein, heißt ein ganzes Spektrum von Qualitäten aufzusaugen und einzuordnen, weil man in der Anwendung sehr schnell und sehr effektiv tausende und abertausende von Entscheidungen treffen können muss (und kann und darf), irgendwann virtuos, scheinbar schamanenartig aus der Luft heraus. Warum dieses Papier und nicht jenes, warum jene Schrift in dieser Größe und nicht anders – und das sind ja nur die Basics, die tatsächliche Symbiose von Rohmaterialien zu einer inhaltlich und visuell schnell ergreifbaren Idee ist noch einmal eine ganz andere Sportart. Dabei, diesen Sport zu erlernen, glaube ich, kann eine Person den ganzen Unterschied machen – den Dozent sehe ich also als Mentor und Motivator, als Vertrauten, als harten Kritiker. Du kannst an manchen FHs förmlich sehen, wie mit dem Zu- oder Abgang einzelner Personen ganze Studiengänge aufblühen oder qualitativ nahezu kollabieren. Da kommt einer, gründet hier ein Institut, macht dort eine Ausstellung, organisiert eine Party und eine Druckmaschine, bringt Bücher raus, treibt seine Studenten in den Wahnsinn und zu guten Ergebnissen. An jeder FH gibt es diese Leute (hoffe ich jedenfalls), die ein System kommunizierender Röhren mit ihrer Studentenschaft aufbauen, die Geben und Nehmen. Die inspirierend, aber auch zersetzend sein können wie einst Willy Fleckhaus, um Spreu und Weizen zu trennen. Die vielleicht ein kleines bisschen an der Idee der Paideia hängen. Design ist Synästhesie. Egal ob Hochhausentwurf oder Porzellanserie, Plakat oder Kurzfilm – als Designer wandelt man eine bestimmte Art von künstlerischer Energie, die man zuvor aufgesogen hat, in eine andere neue Art um. Man kann dabei aber nur an den Tisch bringen, was man sich vorher angeeignet hat, um es spontan – abduktiv sozusagen – anwenden zu können. Diese Idee, die scheinbar aus dem Nichts kommt… die kommt ja nun mal nie wirklich aus dem Nichts. Die kommt aus dem Hintergrundsummen im Kopf. So »klaut« David Chipperfield bei den Stillleben von Giorgio Morandi, fusioniert dessen Farbstimmungen mit einer fernöstlich-schlichten Formensprache – und aus dieser Synthese scheinbarer Gegensätze wird die simple, ehrliche Geschirrserie Tonale, die bei Alessi seltsam deplaciert wirkt. Ähnlich kann man aus dem scheinbar endlosen Adagio in Beethovens Hammerklaviersonate eine Idee von Verzögerung, Ruhe, Warten, Harmonie/Disharmonie ziehen, die sich perfekt in Design umsetzen lässt. Design ist um die Ecke gedachter Input. Du schaust dir das Set-Design von Kenneth Adam in alten Bond-Filmen an und wartest bereits förmlich auf den Moment, wo du diesen atemberaubenden Mix aus Mid-Century-Reduktion und Goldfinger-Monomanie irgendwo in deiner eigenen Arbeit wieder ausgraben kannst… oder auch dieses digital nicht wiederherstellbare Feeling von handgebauter, analoger Monumentalität und seiner ganz eigenen (besseren) Glaubhaftigkeit. Es ist nicht so schwer, eine Verbindung zu sehen zwischen dem ausufernden künstlichen Vulkankrater, den Adam für »You only live twice« die Pinewood Studios bauen ließ und den im kleineren Maßstab ähnlich manischen Arbeiten von Sagmeister oder Woodtli. »Creating Ideas« ist ein denkbar einfacher Prozess der Ideenkonversion – der dich zugleich lebenslang zu einer Art Verbrennungsmotor macht. Der Geruch von Leder, das Gefühl von rostigem Eisen, das analoge Tape-Echo in einem frühen Dub-Mix… nichts bleibt von diesem Motor verschont, es gibt keinen Urlaub von dieser Art Sicht auf Welt als Inspirationsmaschine. Andere Menschen entspannen sich in Museen, Designer werden ganz unruhig, aufgeregt.

Denn Designer betrachten Kunst eigentlich gar nicht, um sie zu »verstehen« (wie etwa Kunsthistoriker) oder zur reinen Erbauung (wie Sammler), sondern, um sie ins Feuer ihrer Ideen zu werfen. Dabei ist uns meist völlig egal, ob es bildende Kunst, Musik, Schriftstellerei, Film oder Tanz, Hochkultur oder nackter Trash ist, alles ist fuel for ideas. Die eigene Biographie, das Umfeld, jede Form von Kultur, die uns begegnet – alles ist Brandbeschleuniger der Kreativität. Man kann über die Serie Mad Men denken, was man mag – die Art und Weise, in der Don Draper seine persönlichen Lebensumstände in seine Pitches und Ideen webt, wird den meisten von uns vertraut, wahrscheinlich zu vertraut vorkommen. Designer sind Parasiten, Aneigner, Allesfresser. Alles nur, damit irgendwann um vier Uhr morgens endlich die Idee in deinem Kopf ist und darauf wartet, umgesetzt zu werden. Die Basis für diesen Text ist beispielsweise um zwei Uhr nachts in ein iPad gekritzelt und erst Wochen später weiterverarbeitet worden. Für ein Design neulich gab es zwei Wochen Diskussion im Team, und spätabends am Wochenende eine komplett andere Richtung, die ich quasi overnight noch für die Abgabe skizziert habe und die nur entstehen konnte, weil wir zwei Wochen in ganz andere Richtungen gedacht haben. All das dürfte Autoren und Musikern seltsam vertraut klingen. Es ist völlig Teil deiner selbst und trotzdem springt es dich an wie ein Tiger im Dunkeln. Das tollste an Design ist, dass du dich selbst überraschen kannst.

Design ist ein zeitloser Prozess der Ideenkatalyse. Bei Draper (oder George Lois, bleiben wir beim real thing) oder bei Rand, Bass und Vignelli lief das so ohne Computer und iPhone und es wird im Kern auch in Jahrzehnten noch so sein, ungeachtet der neuen Technologien in der Zukunft. Ob Branding, Kommunikationsmechanik, Slogan, Farbharmonie oder Bildidee – all das zu entwickeln bleibt zeitlos der gleiche Prozess, den Technik nur flankiert, unterstützt oder unterminiert, es ist immer ein Vorgang des »Storytellings«. Es ist als kreativer Prozess so unabhängig von Technik wie das Schreiben, denn auch hier geht es ja nicht um Stift, Füller, Kugelkopf-Schreibmaschine oder die anschlaglose iPad-Glastastatur. Es geht um den Autor, die Geschichte, die Charaktere, es geht um die Frage, ob eine Story fliegen kann oder nicht. Gleichsam ist Design nicht Typographie und nicht DTP, nicht irgendeine Hard- oder Software. Das sind nur die Werkzeuge (die man freilich, wie ein Steinmetz, möglichst traumwandlerisch, reibungslos beherrschen sollte).

Und dann also um die Ecke gefragt: Kann man das Schreiben lernen? Nein, man kann Schreiben nicht lernen. Man braucht etwas Talent und man muss hart arbeiten wollen. Und eben doch: Ja, man kann Schreiben lernen. Begabung plus Training, Training, Training plus Anfütterung. Ich denke, die Sicht auf Welt als Inspiration kann man absolut lernen. Ebenso wie die Sicht auf sich selbst als Kreativer (einer anderen, vielleicht zweiten, gesellschaftlich orientierten Ordnung), was etwas ganz anderes ist als ein Künstler.

Insofern ist mein Bild des Lehrenden im Design vielleicht eher das eines Box-Coaches, der seinen Schützling liebevoll frustriert und quält und immer wieder scheitern lässt, überfordert, zum Tanz fordert. Ein guter Lehrer ist vielleicht eine Art Mr. Miyagi, der dich permanent Wachs auftragen und polieren lässt, bis du es im Halbschlaf kannst. Aber ist so etwas im Kontext von Fachhochschulen und Bachelor noch zu schaffen? Müssen Studenten nicht einfach mehr Zeit haben, um sich mit Kultur voll zu stopfen und um Fehlschläge zu produzieren, bis sie ihren eigenen Sound gefunden haben? Ich befürchte, dass der Bachelor die Bedingungen des Design-Studiums zumindest nicht unbedingt ad hoc verbessert hat (beim Master mag das anders sein). Das bedeutet für die Studenten einen erhöhten Druck, etwas zu »können«, was man nicht mechanisch können kann, was nicht erlernbar ist, sondern auf Schleich- und Umwegen erarbeitet sein will, was reifen muss. Ein Paradox, das man schon jetzt zahlreichen Abschlußarbeiten ansehen kann, die einerseits vom Umfang und rein technisch oft oberflächlicher werden, andererseits aber oft tiefer ins eigene, intime Ich hinein graben. In die der klaren Benotung entzogene ganz persönliche Erfahrung, die letzten Endes nur noch wenig mit Design als sozialen Mehrwert hat, nicht mehr funktionierend ist – also eher Kunst als Design ist, wunderschön anzusehen, aber wenig interessiert an der Welt als solche. Da wir im angewandten Design meist nicht unmittelbar an Selbstverwirklichung arbeiten, sonder eher, ganz low-context, einen Job zu tun haben, ist das möglicherweise ein Irrweg. Der Spagat ist, einerseits die kulturelle Selbstentfaltung zu fördern/fordern, andererseits aber auch nie aus den Augen zu verlieren, dass Gestaltung einfach ganz pragmatisch ein Beruf ist, der die Fertigkeiten eines Artisans verlangt. Ganz zu schweigen von Dingen, die ganz nebenbei im Beruf wichtig sind, ob in einer Agentur oder als Freiberufler – Organisation, Zeitmanagement, Präsentation, Auftreten, BWL, und so weiter. Ganz schön viel – und oft auch ganz schön diffus – was da erwartet wird. Insofern ist es vielleicht auch eine Aufgabe der Hochschulen (und »Bildung«), zu entdecken, wie man im Rahmen des kürzeren und kompakteren Studiums eine Neugier auf die Welt erzeugen und nähren kann, eine Lust am Lernen als lebenslangen Prozess, damit Designer als wache soziale Kommunikatoren und Provokateure von den FHs und Unis kommen, die aufgetankt sind mit Eindrücken und Einflüssen, die ihr Handwerk auch als solches begreifen und die vor allem eine große Lust auf Veränderung und Neues haben, um an den Gitterstäben des Machbaren zu rütteln. Ich freue mich jedenfalls drauf, diese Absolventen kennenzulernen.

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