Nachgefragt: Illustrator André Gottschalk

12.10.2010 - 09:00 Uhr Blog

Inzwischen ist André sowas wie ein Dmig-Popstar, wenn ihr in letzter Zeit öfter hier wart, dürfte euch seine Illustration für das Cover von Dmig5 aufgefallen sein. (Das übrigens nach wie vor hier als Poster erworben werden kann).

Wie ich finde ein guter Grund, André und seine Arbeit mal ein bisschen genauer vorzustellen.

Bitte stell dich kurz vor: Wer bist du, was machst du?

Mein Name ist André Gottschalk, ich wohne in Berlin und arbeite hier seit 2007 als freischaffender Illustrator. Eigentlich bin ich gebürtiger Berliner, habe aber meine Sturm- und Drang-Phase im schönen Thüringen verbracht und zum Studieren verschlug es mich ans historische Bauhaus nach Dessau. Und nun bin ich wieder zu meinen Wurzeln nach Berlin zurückgekehrt.

Ich arbeite vorrangig für Verlage, Magazine und Zeitungen, seltener für andere Designbüros. Nach meinem Studium in Dessau habe ich mich dafür entschieden, Design und Illustration zu verbinden, um illustrationslastiges Grafikdesign zu machen, doch mittlerweile habe ich mich ganz auf Illustration beschränkt. Die Arbeit als Illustrator entspricht meiner Leidenschaft und Arbeitsweise am meisten.

Dabei ist das Medium völlig egal. Die Arbeit an kleinen, spannenden Projekten, umgesetzt mit einer prägnanten, visuellen Idee mag ich am meisten. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass Projekte mit einer gewissen Komplexität auf Dauer den Reiz verlieren. Daher: klein aber fein. Am liebsten sind mir die Aufträge, bei denen der Artdirektor einer Tageszeitung um 17 Uhr anruft und am kommenden Tag um 10 Uhr vormittags die fertige Illu abgeliefert haben möchte. Keine Zeit, Dinge zu verwerfen, keine Zeit, zu komplex zu werden und kryptisch zu denken, aber alle Möglichkeiten für die Umsetzung.

Wie bist du zur Illustration gekommen?

Den direkten Weg zur Illustration gab es für mich nicht. Dass meine ganze Ausbildung in einem Designstudium mündet, war nicht wirklich von Anfang an geplant. Von Design und Computern hatte ich nämlich nicht die geringste Ahnung. Einzig und allein mit Zeichenstift und Pinsel konnte ich schon immer gut umgehen.

Nach dem Gestaltungsabitur und einer klassischen Berufsausbildung zum Werbekaufmann hätte ja meine Ausbildung theoretisch schon beendet sein können. Doch glücklicherweise entpuppte sich mein Ausbildungsbetrieb als Druckerei mit großer Siebdruckwerkstatt, die nichts mit Werbung am Hut hatte. Somit stand ich erst einmal für drei Jahre am Siebdrucktisch und habe abertausende Aufkleber und bedruckte Arbeitsbekleidung für Klempner X oder Bäcker Y produziert. Eigentlich eine Tortour, jedoch wurde dort mein Interesse für Illustration und Design so richtig entfacht. Die Möglichkeiten waren unbegrenzt. So entstanden an vielen Abenden nach der regulären Arbeitszeit mehrere private Siebdruckprojekte, beispielsweise ein zehnfarbig gesiebdrucktes Buch und viele Poster.

Darüber hinaus gab es Thüringen in den 1990er Jahren eine große Streetart- und Graffitiszene, die auf mich einen großen gestalterischen Einfluss hatte, was man sicher auch noch meinen Arbeiten ansieht. Der Umgang mit Typografie und die Verbindung von Bild und Schrift und die Unabhängigkeit von bestimmten Medien ist geblieben. Mit dem Designstudium habe ich mir dann endlich auch vorstellen können, Gestaltung dauerhaft als Broterwerb zu betreiben. Natürlich habe ich schon weit vor meiner Ausbildung viel gezeichnet, aber ich hätte nicht im Traum daran gedacht, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Wie würdest du deinen illustrativen Stil bezeichnen?

Ich glaube, meinen Stil kann man gar nicht genau beschreiben, weil er sich ständig ändert. Jedenfalls bin ich stetig dabei Neues auszuprobieren und das Spektrum der Techniken, die mich reizen, zu erweitern. Freunde und Bekannte sagen aber immer, dass sie sofort erkennen, wenn etwas von mir stammt. Scheinbar habe ich doch bestimmte Elemente, einen bestimmten Strich, der immer wieder auftaucht. Prinzipiell kann ich aber sagen, dass ich immer sehr reduziert arbeite, sehr gerne auch schwarz/weiß, und fast immer menschliche oder tierische Motive suche.

Es gibt meistens unangenehme Ecken und Kanten, welche die Illustrationen selten lieblich, eher spröde wirken lassen. Meistens gibt es eine markante Schlüsselidee in der Illustration, die dann auch die Umsetzung trägt. Bei privaten Projekten ist das nicht viel anders aber natürlich weniger angewandt.

Mit welchen Materialien arbeitest du bevorzugt?

Leider muss ich sagen, dass ohne den Rechner kaum etwas geht. Das wirkt sich auch massiv auf mein Denken in der Planungsphase für eine Illu aus. Mit der Gewissheit, bestimmte Korrekturen und Effekte jederzeit mit Photoshop etc. vornehmen zu können, geht man ganz anders an die Arbeit und nimmt diesen Luxus auch gerne in Anspruch. Und obwohl meine Arbeiten allesamt handgemacht sind, will ich ohne digitale Möglichkeiten nicht mehr arbeiten. Das ist sicher auch dem Zeitdruck verschuldet, der oft verlangt, sich keine Fehlversuche zu leisten, da sonst der Termin nicht gehalten werden kann. Der Bleistift, Feder und Tusche zählt aber dennoch zu meinen wichtigsten Werkzeugen.

Ich würde mir wünschen, in Zukunft wieder einmal meine Siebdruckerfahrung zu reaktivieren, um ein paar Projekte zu realisieren, aber dafür benötigt man richtig viel Zeit und Ruhe.

Gibt es so etwas wie Lieblingsmotive oder Lieblingsjobs, bei denen du nicht nein sagen kannst?

Unabhängig von Honoraren und hohen Auflagenzahlen sind meistens die Jobs am schönsten, bei denen man freie Hand bei der Umsetzung hat. Sicher die Jobs, die am unrentabelsten sind, aber die mir auch noch nach langer Zeit gut gefallen und die viel Spaß gemacht haben. Entsprechend ist die eigene Konzeptionsphase intensiver, aber in der Umsetzung redet einem meist keiner rein. Oft hat man da die Möglichkeit, fast wie in seinen Studienzeiten, Dinge auszuprobieren, Grenzen auszureizen, und viel freier zu arbeiten.

Trotzdem gibt es kaum Jobs, die mir völlig gegen den Strich gehen. Es ist immer sehr reizvoll, sich binnen kürzester Zeit in ein Thema hineinzudenken und eine Visualisierung zu finden. Oft ist es aber so, dass Kunden ganz konkrete Vorstellungen haben, wie eine Illustration auszusehen hat. Dann erhalte ich genaue Vorlagen mit einem gewünschten Stil, den ich gar nicht leisten kann. Kennt wahrscheinlich jeder. Man kann so etwas entweder dezent ignorieren und seine eigene Umsetzung dem Kunden anbieten oder im schlimmsten Fall den Auftrag ablehnen. Das kommt aber sehr selten vor, da sich Auftraggeber fast immer von alternativen Möglichkeiten überzeugen lassen.

Du arbeitest ohne Agenten. Wie kommst du an deine Jobs?

Ja, stimmt, ich arbeite ohne Agenten. Bis jetzt ging das auch sehr gut. Immer wenn ein Auftrag abgeschlossen war, klingelte das Telefon, und der nächste Auftrag kam rein. Da war viel Glück im Spiel. Oft höre ich aber von Freunden und Bekannten, dass es auch ganz anders laufen kann. Ich glaube aber, dass auf Dauer und einer gewissen Größe von Projekten eine Agentur für die Akquise und die finanziellen Verhandlungen sinnvoll ist. Es gab aber für mich noch keine dringende Notwendigkeit für die Zusammenarbeit mit Agenten.

Wenn ich Kundenakquise betreibe, mache ich das meistens durch die direkte Kontaktaufnahme per Email oder Gespräch. Da mein Online-Portfolio immer auf dem aktuellsten Stand ist, hat der potenzielle Kunde immer gleich einen Überblick meiner Arbeiten und kann schnell entscheiden, ob die Illustrationen in sein Magazin, etc. passen. Das passiert meistens recht kurzfristig und man bekommt unmittelbar nach einer Kontaktaufnahme einen Auftrag, was wiederum ein Vorteil von freien Illustratoren zu freien Grafikdesignern ist. Einen Illustrationsauftrag bekommt man in der Regel viel einfacher, als einen Auftrag für die Neugestaltung eines CIs oder eines Firmenlogos. Illustrationen sind viel unverbindlicher und zeitlich stark begrenzt, jedenfalls in Magazinen und Zeitungen. Das Risiko und die Hemmschwelle der entscheidenden Personen in einem Verlagshaus oder einem Designbüro sind demnach geringer, eine Illu in Auftrag zu geben. Durch die allgemeine Zeitungskrise ist es zwar schwerer geworden aber wenn man dann sein Spektrum vom Editorial-Illustrator Richtung Werbung oder Raumgestaltung erweitert, wird das Leben definitiv einfacher. Das muss aber jeder für sich entscheiden, ob er das will.

Du lebst in Berlin, glaubst du, dass das einen erkennbaren Einfluss auf deine Arbeit hat?

Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass Berlin einen sonderlich großen Einfluss auf meine Arbeit hat. Einzig der Fakt, dass es riesige Konkurrenz im Umfeld gibt, übt einen dauerhaften Druck auf mich aus. Das ist aber ein grundsätzliches Problem, welches in Berlin leider sehr stark ausgeprägt ist, und viele Gestalter sehr darunter leiden.

Als Illustrator ist man sowieso weniger an momentane Trends gebunden als es bei zeitgenössischen Grafikdesignern der Fall ist. Als Illustrator arbeitest du an deinem eigenen Stil, schaust sicher trotzdem nach links und rechts, aber am Ende hat das nichts mit Trends oder der Stadt zu tun. Wirklich toll an Berlin ist, dass der öffentliche Raum mit seinen gut gestalteten Kulturplakaten, die ganze Streetart und die vielen Kunst- und Designausstellungen einem das Gefühl geben, dass man hier als Gestalter richtig ist.

Was rätst du Studenten und Schulabgängern, die auch Illustrator werden wollen?

Wirklich lange im Geschäft bin ich ja noch nicht, daher sind meine Erfahrungswerte eher gering. Aber ich glaube, wer Illustrator werden will, muss nicht zwingend Illustration studieren oder überhaupt studieren, obwohl das sicher ein Vorteil sein kann.

Wenn man genug Talent hat und sich ein gutes Portfolio erarbeitet hat, wird niemand auf dein Zeugnis schauen, und fragen, wie und wo du ausgebildet wurdest. Gerade am Anfang ist es extrem wichtig, gezielt Projekte zu machen, die das Portfolio aufwerten, die man zeigen kann und den Stil weiterentwickeln. Im Anschluss ist es wichtig, seine Arbeiten gut zu präsentieren und diese den richtigen Leuten zu zeigen – Magazinen, Verlagen, Artdirektoren – je nachdem, welchen Bereich man gerne erschließen möchte. Ich bin immer hin und her gerissen, ob es von Vorteil ist, mehrere Stile anzubieten, oder ob man durch seinen ganz speziellen Stil versucht, eine Nische zu finden.

Was wirst du in 10 Jahren machen?

Im Moment kann ich mir gut vorstellen, dass ich auch in 10 Jahren noch Illustration im selben Rahmen betreibe. Aber wenn sich die Arbeitsabläufe nicht besser organisieren lassen und ich aufgrund der Kurzfristigkeit der Jobs weiterhin ständig die Nacht zum Tag mache, sehe ich bald aus wie meine eigene Großmutter. Und fühle mich auch so.

Links

Mehr von André’s Arbeiten auf seiner Website: http://www.andregottschalk.com

Das Dmig-Poster hier bestellen.