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500g Innovation, Design & Usability bitte.

Artikel von Daniel Bretzmann

Die Anforderungen an Designer, die im Bereich Interaction-Design arbeiten, entwickeln sich permanent weiter. Statische Konzepte und Inhalte sind in Zeiten von Sozialen Netzwerken und Echtzeit-Diensten zwischenzeitlich fast undenkbar geworden. Alles wird mit allem vernetzt und mobil verfügbar gemacht. Das perfekte Zusammenspiel der Disziplinen Informationsarchitektur, visuelle Gestaltung und technische Realisierung ist heute die Basis für die erfolgreiche Entwicklung einer Web-Applikation mit hoher Usability.

Auch Neuland hat Geschichte.

Viele Briefings für den Relaunch oder die Neuentwicklung einer Website ähneln sich sehr. Die neue Website soll ein innovatives Design haben, das den Benutzer visuell anspricht und im besten Fall sogar begeistert - für das Unternehmen, das Produkt oder die Dienstleistung. Gleichzeitig muss dem User vermittelt werden, welche »Funktion« die Website hat, welche Inhalte sie für ihn bereithält und wie diese zu erschliessen sind.

Bei der Konzeption und Gestaltung einer Website werden viele unterschiedliche Phasen und Prozesse durchlaufen, die häufig das Ziel verfolgen, die eigentlichen Seiteninhalte in den Vordergrund zu stellen. Gleichzeitig werden der »Seitenrahmen« und das User-Interface sehr schlicht gehalten, um nicht vom Inhalt abzulenken. Diese Strategie ist bei Corporate Websites weit verbreitet und führt mehr und mehr zu konformen Lösungen und strukturellen Standards. Ist der User es beispielsweise gewohnt, über eine horizontale Leiste am oberen Bildschirmrand zu navigieren, überträgt er dieses gelernte Wissen automatisch auf andere Seiten mit der gleichen Struktur oder einem ähnlichen Interface-Design und erwartet eine ähnliche Funktionalität dahinter. Orientiert man sich an gelernten Mustern und bekannten Konzepten von anderen Seiten, wird auch ein modernes und ansprechendes Design einer neuen Website insgesamt eher konservativ wahrgenommen, kann jedoch zu einem hohem Mass an Usability beim Benutzer führen.

Blue Sky – Wir lassen uns von keinem Medium einschränken.

Die grundlegenden Vor- und Nachteile der Flash-Plattform gegenüber dem aktuellen Trendthema HTML5 sollen hier nicht behandelt werden. Dennoch galt die Flash-Technologie unter Designern lange als gesetzt, wenn es um innovative Konzepte und aussergewöhnliches Design im Web ging. Neue und ungesehene Konzepte begegneten uns eher auf der Flash-Plattform, wo es scheinbar keine Grenzen und Gesetze gab. Oft waren die Konzepte rein visuell orientiert und legten weniger Wert auf ein stringentes Navigationskonzept oder auf das einfache Erschliessen der Inhalte. Inzwischen haben Basisfunktionen wie dass Navigieren über den Vor/-Zurück-Button des Browsers oder Deep-Linking auch Einzug in moderne Flash-Seiten gehalten und bedienen sich damit grundlegender und vom User gelernter Mechaniken im Web.

Viele Seiten verlangen vom Benutzer immer noch bei Null anzufangen – dazu ist nicht jeder bereit. Aus der Fülle an Möglichkeiten und Ideen bleiben somit am Ende wenige gelernte Muster in der Benutzung dieser Seiten übrig. Dass Flash oft als nicht besonders benutzerfreundlich eingestuft wird, hängt vielleicht weniger an der Technologie selbst, sondern mehr am Einsatz und der Benutzerführung des Users innerhalb einer Flash-Applikation.

Ein guter Gedanke reicht.

Es ist erstaunlich, wie schnell sich ein Medium entwickeln kann, wenn die Bausteine sich frei verbreiten, optimieren und kombinieren lassen. Neue Inhalte und innovative Ideen brauchen auch andere Lösungen und den Mut, ein Stück Neuland zu erobern. Legt man bei der Konzeption und dem Design einer Website das Augenmerk auf eine Innovation, die neu und ungesehen ist, kann sich der User auf diese eine Aufgabe konzentrieren und bei der Benutzung der Seite erlernen. Alle weiteren Funktionalitäten oder Konzepte sollten ihm unterdessen vertraut und bekannt erscheinen. Er wird in einem Aspekt, den er noch nicht kennt, gefordert und bekommt gleichzeitig dennoch das Gefühl von Kontrolle und Vertrautheit.

Setz man diese neue Idee als Designer oder Entwickler konsequent in mehreren Projekten ein, hat man mit etwas Glück die Chance, einen Teil zur innovativen Weiterentwicklung im Bereich Benutzerführung und Interface-Design beizutragen und eigene Standards voranzutreiben und zu definieren.

Es ist daher gut möglich, dass sich eine neue Idee für die Benutzerführung im Web innerhalb eines Jahres so weit verbreitet, dass sie sich zum Quasi-Standard entwickelt. Wird ein innovatives Konzept von der Mehrheit der User als richtig empfunden, entsteht meist kurz darauf eine offene und kostenlose Lösung, auf die in Zukunft noch mehr Designer und Entwickler zugreifen können und werden. Der Open-Source-Gedanke verknüpft mit freien Bibliotheken und Frameworks treibt die Entwicklung und Verbreitung automatisch voran und beschleunigt sie je mehr Seiten darauf aufbauen.

Revolution statt Evolution.

Alle bestehenden Regeln zu brechen und gelernte Konzepte über den Haufen zu werfen, ist manchmal nicht nur wagemutig sondern schlichtweg notwendig. Den revolutionären Weg, den Apple mit dem ersten iPhone in Sachen Benutzerführung- und Interaktion gegangen ist und auf dessen Basis letzen Endes auch das iPad entstanden ist, zeigt einen weiteren Weg, wie sich Innovationen im Bereich der Benutzerführung verbreiten und etablieren lassen.

Inzwischen sind uns die Gesten und Funktionsweisen des iPhones bestens bekannt. Sie wurden uns vorab durch unzählige Werbespots und Produktvideos vorgeführt und erklärt, um uns auf den ersten realen Kontakt mit dem Gerät bestens vorzubereiten und nicht scheitern zu lassen. Die gelernten und akzeptierten Gesten, welche uns inzwischen vertraut und völlig natürlich vorkommen, sind das Ergebnis des perfektes Zusammenspiels aus Marketing, Informationsarchitektur, Interface-Design und Joy-Of-Use in der Benutzerführung - ausgeführt auf modernster Hardware.

Das iPhone oder iPad hält viele Funktionalitäten unsichtbar für den User bereit und stellt Kontext-Menüs und Buttons nur dann zur Verfügung wenn diese notwendig sind. Die Anlehnung an reale Objekte bei der visuellen Gestaltung der iPad-Applikationen hat keine rein gestalterischen Gründe. Vielmehr helfen diese Zitate aus der realen Welt Funktionalitäten anzudeuten, ohne sie über einen Button abbilden zu müssen.

Es bleibt alles anders.

Wenn sich Geräte wie das iPad in Zukunft zu einer weiteren und ganz normalen Kategorie von Geräten entwickeln, auf denen sich die Anwender durch das Web bewegen – ohne Maus und Tastatur, im Hoch- oder Querformat - so werden sich auch für die Designer und Entwickler von Web-Applikation neue und ungesehene Möglichkeiten eröffnen, für die ein Weg zwischen Innovation und Usability gefunden werden muss.



1 Kommentar

Peter Hoppe

Herr Bretzmann,

das ist ein gelungener Artikel.

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