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Dmig 4 ---------------- Interview

Die Usability von
Spiegel Online

SPIEGEL ONLINE ging 1994 als erstes Online-Nachrichten-Magazin weltweit online und hat sich seitdem zur wichtigsten deutschen Informationsseite im Web entwickelt. Damit setzt SPIEGEL ONLINE auch in Bezug auf Webdesign und Usability Maßstäbe. Wir haben den SPIEGEL-ONLINE Art Director Hanz Sayami zum Interview gebeten.

Interview von Nadine Roßa mit Hanz Sayami,
Art Director von Spiegel Online,
http://www.spiegel.de

Als eine der meistbesuchten Websites in Deutschland sind die Anforderungen an die grafische Gestaltung der Seite natürlich besonders hoch. Wie sehen die Gestaltungsprozesse aus?

Der Benutzer soll bei uns einfach und schnell den Inhalt wahrnehmen können - die Nachrichten. Die möglichst offensive und klare Darstellung des Inhalts: Darum geht es bei uns im Kern und deshalb beziehen wir im Gestaltungsprozess immer weite Teile der Redaktion ein, um zum bestmöglichen Ergebnis zu kommen.

Welche Anforderungen muss das Layout erfüllen und welche technischen Gegebenheiten spielen dabei eine Rolle?

Natürlich muss sich eine Seite wie SPIEGEL ONLINE an höchsten technischen Standards orientieren. Wichtig ist die Kompatibilität auf möglichst vielen Plattformen und Browsern. Darum setzen wir nur Techniken ein, die eine hohe Marktverbreitung haben.

Wie grafisch oder besser: wie wenig grafisch sollte das Layout eines Nachrichtenmagazins sein?

Auch auf einer Nachrichtenseite ist Form und Gestaltung wichtig – das Auge isst schließlich mit. Wir bei SPIEGEL ONLINE glauben an ein eher reduziertes, minimalistisches Design, das den Fokus auf die eigentlichen Nachrichten lenkt.

Relaunches von bekannten Websites gehen oft mit viel Kritik von Seiten der User einher, so auch bei SPON. Damit diese nicht ungehört bleibt, hat SPON ein eigenes Forum dafür eingerichtet. Wie wichtig ist das Feedback der User für die Gestaltung der Website?

Sehr wichtig. Wir nehmen es ernst und führen selbst gelegentlich Untersuchungen durch. Über all die Jahre sind immer wieder Bereiche der Seite nach Leserwünschen angepasst worden, und wir glauben, inzwischen ein ganz gutes Gespür dafür zu haben. Aber natürlich - über Details kann man immer streiten, und man kann es leider nicht allen recht machen, dafür ist unsere Anzahl an Lesern zu hoch.

Wie wird die Benutzerführung auf SPON getestet?

Wir messen wie jede Seite im laufenden Betrieb Klicks, um das Benutzerverhalten zu analysieren. Welche Bereiche werden besser geklickt, welche schlechter, wie funktioniert ein bestimmtes neues Element? Usability Tests bei externen Instituten sind uns bei größeren Umstellungen wichtig, unter anderem beim jüngsten Relaunch im August 2009.

Woraus ergeben sich konkrete Anforderungen für Design-Anpassungen und (Soft-) Relaunches auf SPIEGEL ONLINE?

Ein Beispiel: Eine der größten Herausforderungen und Kernaufgaben im Online-Journalismus ist es inzwischen, pure Nachrichten mit Hintergrundinformationen, -artikeln und -grafiken zu verknüpfen. Wir wollen ein Thema mit all seiner Informationstiefe möglichst als homogene, kompakte Einheit präsentieren. Wir ordnen jetzt fast alle Meldungen sogenannten Themenkomplexen zu und stellen das in unserem Artikellayout auch optisch dar.

Die SPON-»Haus-Schrift« ist die Verdana. Gab es intern Diskussionen um die »richtige« Schriftart? Gibt es Überlegungen in Zukunft auch mit Webfonts zu arbeiten, um die Website näher an das Print-Erscheinungsbild anzupassen?

Verdana ist seit 1996 die Standardschrift auf SPIEGEL ONLINE – und unumstritten. Wir hatten bis heute keine Diskussion über die »richtige Schriftart«. Wie gesagt: Wir müssen auf Standards setzen, die eine hohe Marktverbreitung haben, da kommen Webfonts nicht in Frage. Zumal die Verdana schön ist und wir meinen, dass sich ein Onlineauftritt in Teilen durchaus anders präsentieren darf als ein Printprodukt. Der Leser hat sich an die Hausschrift auf SPIEGEL ONLINE inzwischen sicher genauso gewöhnt wie an die SPIEGEL-Schriften im Magazin.

Das intensive Lesen am Monitor ist trotz iPhone immer noch schwierig.

Gerade deshalb ist es wichtig, auf gewohnte und klare Schriften wie die Verdana zu setzen. Und natürlich eine schnörkellose Optik zu schaffen, die die reine Information in den Fokus rückt.

Was unterscheidet den Inhalt von Spiegel und SPIEGEL ONLINE? Und was unterscheidet den SPIEGEL ONLINE- vom Spiegel-Print-Leser?

DER SPIEGEL ist ein Wochen-, SPIEGEL ONLINE ein Tagesmagazin, ja: Minutenaktuelles Informationsportal. Wir sind schneller, müssen es sein, und das ist im Kern der Unterschied. Der Leser sucht auf SPIEGEL ONLINE eher die rasche kompetente Information als Stücke von Magazinlänge. Aber ansonsten – sowohl im Magazin als auch online geht es um gute Recherche, um gute Aufbereitung, um verlässliche und möglichst exklusive Information.

Infografiken sind aus Nachrichtenmedien nicht weg zu denken. Das Web bietet darüber hinaus die Möglichkeit diese multimedial aufzubereiten. Wann und wo halten Sie diese für sinnvoll und greifen auf diese Möglichkeit der Informationsvisualisierung zurück?

Infografiken sind absolut wichtig. Manche Sachverhalte sollte man ausschließlich grafisch abbilden, finde ich. Erinnern Sie sich an die Bundestagswahl? Da wurden in Printprodukten wieder seitenlang Ergebnisse in Text- und Tabellenform präsentiert.
Wie viel emotionaler, informativer und für den Leser nützlicher ist da eine interaktive Infografik! In Grafiken können Leser mehr und schneller Informationen aufnehmen. Im Internet haben wir die ganze Spielfläche: Wir können Texte, Tabellen, Bilder, Grafiken, Videos, Audios und beliebige Kombinationen aus diesen Elementen darstellen, statisch oder interaktiv – weswegen wir bei SPIEGEL ONLINE die Regel haben: Frage dich, welche Aufbereitungsform am besten zu Deinem Thema passt. Gerade bei komplexen Sachverhalten und wichtigen Statistiken setzen wir in aller Regel Infografiken ein.

Werbeflächen im Web sind oft des Webdesigner’s Alptraum, aber dennoch unumgänglich. Inwiefern beeinflussen die verschiedenen Werbeformen auf SPIEGEL ONLINE das Layout?

Richtig, Werbeflächen sind unumgänglich und wichtig. Natürlich beeinflussen sie die Seitenstruktur. Aber es gibt im Werbemarkt eine Menge Standards, um die herum man ein gutes Layout entwerfen kann - in das sich die Anzeigen so fügen, dass sie kein Alptraum sein müssen. Im Gegenteil. Ich glaube, wir schaffen das ganz gut.

Wie sehen Sie die Zukunft von Print-Magazinen, auch hinsichtlich neuer Technologien wie dem iPad?

Solche Geräte sind eine Chance, Printprodukte digital anders zu erleben, durch innovative Darstellung. Das ist in vielerlei Hinsicht eine interessante Herausforderung.
Für dieses Jahr sehe ich noch keine hohe Durchsetzung des Marktes mit Tablets, aber 2011 könnte es durchaus interessant werden. Darum sind jetzt in der Tat die kreativen Köpfe gefragt, Designs zu entwickeln, die sich gut anfühlen - die den Nutzer, oft: den neuen Nutzer ansprechen und die Printwelt in der digitalen Welt zu einer neuen Erfahrung machen.



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