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Wissensaustausch im Internet

Artikel von Pascal Jeschke





Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung meiner Diplomarbeit im Fach Soziologie. Nun stellen sich viele von Euch – berechtigterweise – die Frage, was Soziologie mit Design zu tun hat. Diese Frage möchte ich im Vorfeld mit einem Wikipedia-Zitat knapp beantworten: »die Soziologie erforscht alle Aspekte des sozialen Zusammenlebens der Menschen in Gemeinschaften und Gesellschaften. Sie fragt nach Sinn und Strukturen des sozialen Handelns [...]. Ihre Untersuchungsobjekte sind die Gesellschaft als Ganzes ebenso wie ihre Teilbereiche: soziale Systeme, Institutionen, Organisationen und Gruppen.«

Soziologie ist also überall und für jeden von Bedeutung, egal ob Designer, Stratege oder Bäcker. Soziologische Erkenntnisse sind damit auch für Webdesigner relevant, beispielsweise bei der Gestaltung und dem Aufbau einer Community wie Design made in Germany oder dem Flashforum, welches in meiner Arbeit exemplarisch untersucht wurde.

Wir befinden uns im Umbruch zu einer Wissensgesellschaft. Wissen wird neben Grundbesitz, Arbeitskraft und Kapital zur wichtigsten Ressource und ist damit gleichbedeutend mit Macht (Paal et al. 2005). Die Verteilung, Nutzung und Erzeugung von Wissen wird zu einem erklärten Ziel in einer Wissensgesellschaft (Wilkesmann und Rascher 2003). Für ein einzelnes Individuum bedeutet die Weitergabe von Wissen aber immer auch einen Machtverlust (Wilkesmann und Rascher 2002).

Nach der Tauschtheorie möchte ein Akteur mit jeder Handlung stets einen Nutzengewinn erzielen. Dabei werden Kosten und Nutzen wie in einer Gleichung gegenübergestellt und diejenige Handlungsalternative gewählt, die einen Nutzengewinn erwarten lässt (Etzrodt 2003). Wieso tauschen Individuen also beispielsweise in Online-Foren ihr Wissen? Gerade in Online-Foren tummeln sich Gleichgesinnte, häufig sogar die direkte Konkurrenz. Auf den ersten Blick erscheint es am nützlichsten, vom Gut zu profitieren, aber nicht dazu beizutragen. Wenn niemand etwas beiträgt, kommt ein solches Gut aber nicht zu Stande, wir sprechen dann von einem Kollektivgutdilemma (Hardin 1968). Um diesem Dilemma zu entgehen, müssen die Mitglieder des Forums motiviert sein, ihr Wissen zu teilen, der Nutzen muss die Kosten übersteigen (Diekmann 2001).

Welche Motive gibt es, trotz hoher Kosten, sein Wissen mit anderen zu teilen? Worin liegt der Nutzengewinn für das einzelne Individuum? Theoretisch ist folgendes denkbar:

  1. Intrinsische Motivation
    Eine Aktivität wird um ihrer selbst willen ausgeübt, der Weg ist das Ziel. Der Nutzengewinn liegt bei dieser Motivation in der Freude an der Tätigkeit (Osterloh et al. 2004). Die Arbeit, in diesem Fall das Beantworten von Forenbeiträgen, sind keine Kosten, sondern Nutzen.
  2. Extrinsische Motivation
    Die Handlung wird nicht um ihrer selbst willen ausgeführt, sondern um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen (Ryan und Deci 2000). Der Nutzengewinn liegt im Ergebnis des Handelns. Verschiedene extrinsische Motive sind in Online-Foren denkbar:
    • Direkte externe Anreize: eine Gegenleistung erfolgt in direkter Form, beispielsweise ein »Dankeschön«, Sachgegenstände etc.
    • Aufbau positiver Reputation: die indirekte Gegenleistung erfolgt durch soziale Anerkennung der Community (Wilkesmann et al. 2004). Dies kann zur Selbst-Vermarktung genutzt werden (Hars und Ou 2001), was schließlich auch in konkreten Job-Angeboten münden kann.
    • Erwartete Reziprozität: ein Individuum teilt sein Wissen, um in Zukunft auf die Hilfe der anderen zu zählen. In diesem Zusammenhang spielt die Aktivität eines Mitglieds eine mögliche Rolle; je häufiger jemand antwortet, desto schneller wird diesem Mitglied geholfen (Kollock 1999).
    • Lerneffekt: Mitglieder antworten auf die Fragen anderer, um dabei selbst etwas zu lernen. Dies geschieht zum einen durch das Austüfteln eines Lösungsweges und zum anderen durch den folgenden Diskussionsstrang, aus dem wertvolle Informationen gezogen werden können (Hemetsberger 2001). In der Diskussion können komplett neue Lösungsansätze entstehen, woraus alle Beteiligten einen Nutzen ziehen und Wissen generieren.
  3. Glaubens-undZielinternalisierung
    Das Individuum (hier ein aktives Forumsmitglied) hat Ziele, Werte und Glauben der Gruppe (das Forum) internalisiert und adoptiert das von der Gruppe gewünschte Verhalten. Das individuelle Interesse ist also gleichbedeutend mit dem der Gruppe (Hemetsberger und Pieters 2001); die Weitergabe von Wissen ist selbstverständlich.
  4. InterpersonelleBeziehungen
    Individuen nehmen an Communities teil, um ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erfahren und um Freundschaften zu knüpfen (Hemetsberger und Pieters 2001).
  5. Handlungsroutinen
    Eine generelle Entscheidung für ein Tun kann das tägliche Kosten-Nutzen- Abwägen überflüssig machen (Wilkesmann und Rascher 2004).

Diese theoretischen Motive habe ich praktisch untersucht. Dazu führte ich mit verschieden aktiven Mitgliedern (Gelegenheitsgäste, regelmäßige Teilnehmer, Stammnutzer) des Flashforums neun leitfadengestützte qualitative E-Mail- Interviews durch, eine in der Sozialforschung neue Art der Befragung.

Meine Untersuchung zeigte, dass sich das Kosten-Nutzen-Abwägen von Individuen zur aktiven Teilnahme an einem Online-Forum tatsächlich auf die rationale Tauschtheorie zurückführen lässt. Ein individuelles Abwägen der Interviewpartner wurde in den geführten Interviews sehr deutlich. Das Beitragen zum öffentlichen Gut ist also keinesfalls ein »Phänomen«, sondern lässt sich mit Motiven konkret beschreiben.

Die Kosten beschränken sich auf wenige Faktoren (Zeit ist hierbei der größte Kostenpunkt, wohingegen das Weitergeben von Wissen an die direkte Konkurrenz überhaupt keine Rolle spielt), die individuellen Nutzengewinne fallen dagegen sehr facettenreich aus und beschränken sich nicht auf ein einzelnes Motiv. Die Motive sind dabei teilweise eng miteinander verwoben und verschachtelt. Es ist immer ein Wechselspiel verschiedenster Faktoren, welches das Individuum dazu veranlasst, eine Antwort zu schreiben oder nicht.

Schwerpunkte in den Motiven sind aber durchaus zu erkennen: so bildet das allgemeine Interesse am Thema und die intrinsische Motivation die Grundlage für das Posten. Meine Interviews erweckten den Eindruck, der Spaß an der Sache sei so selbstverständlich, dass er keiner weiteren Erläuterung bedarf. Die wichtigsten Motive auf extrinsischer Seite sind die Lerneffekte, die Reziprozität sowie die Glaubens- und Zielinternalisierung. Alle Motive sind aber, wie gesagt, miteinander verknüpfbar. So kann sich der Lerneffekt auf die positive Reputation auswirken, die Reputation wiederum auf das Antwortverhalten anderer und auf die wirtschaftlichen Motive (z.B. Job- Angebote) usw. Das könnte man bis ins Unendliche ausspinnen. Je nach Art des Forums können die Schwerpunkte dabei anders gesetzt sein.

In Online-Foren wird Wissen getauscht und neues Wissen generiert. Von diesem Wissen profitiert letztlich jeder: Individuen, Institutionen und Gesellschaft. Wieviel neues Wissen dabei entsteht, kann nicht gemessen werden. Das Internet mit all den darin bereitgestellten Diensten ist das entscheidende Medium für den Zugriff auf Wissen und wird diese Stellung weiter ausbauen. Gesellschaften, die nicht über die nötigen Mittel verfügen oder die per Zensur die Informationsquellen einschränken, werden an Wissen und dadurch auch an Macht (weiter) verlieren. Als (Web-)Designer ist es unsere Aufgabe, Inhalte so aufzubereiten, dass sie leicht vermittelt und leicht getauscht werden können. Wir können versuchen, Anreize zu schaffen, Wissensaustausch aktiv voranzutreiben. Wir sind also durch unsere Arbeit aktiv an Wissensvermittlung, -verteilung und -erzeugung beteiligt.

Literatur

Etzrodt, Christian (2003): Sozialwissenschaftliche Handlungstheorien. Eine Einführung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH Diekmann, Andreas (2001): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek: Rowohlt Hardin, Garrett (1968): The Tragedy of the Commons. In: Science, 162:1243– 1248 Hars, Alexander; Ou, Shaosong (2001): Working for Free? – Motivations of Participating in Open Source Projects. Proceedings of the 34th Hawaii International Conference on System Sciences (Veranstaltung). Hemetsberger, Andrea (2001): Fostering cooperation on the Internet: social exchange processes in innovative virtual consumer communities. URL http://opensource.mit.edu/papers/hemetsberger2.pdf. (Abgerufen am: 24.03.2010) Hemetsberger, Andrea; Pieters, Rik (2001): When Consumers Produce on the Internet: An Inquiry into Motivational Sources of Contribution to Joint-Innovation. Derbaix, Christian (Hrsg.); Kahle, Lynn R. (Hrsg.); Merunka, Dwight (Hrsg.); Strazzieri, Alain (Hrsg.). Proceedings of the Fourth International Research Seminar on Marketing Communications and Consumer Behavior (Veranstaltung). La Londe, Seiten 274–291 Kollock, Peter (1999): The Economies of Online Cooperation. Gifts and Public Goods in Cyberspace. Osterloh, Margit; Rota, Sandra; Kuster, Bernhard (2004): Open Source Software Produktion: Ein neues Innovationsmodell? In: Lutterbeck, Bernd (Hrsg.); Gehring, Robert A. (Hrsg.): Open Source Jahrbuch 2004. Zwischen Softwareentwicklung und Gesellschaftsmodell. Berlin: Lehmanns, Seiten 121– 137 Paal, Stefan; Novak, Jasminko; Freisleben, Bernd (2005): Kollektives Wissensmanagement in virtuellen Gemeinschaften. In: Gondolla, Peter (Hrsg.): Wissensprozesse in der Netzwerkgesellschaft. Bielefeld: Transcript, Seiten 119–145 Ryan, Richard M.; Deci, Edward L. (2000): Intrinsic and Extrinsic Motivations: Classic Definitions and New Directions. In: Contemporary Educational Psychology, 25:54–67 Wilkesmann, Uwe; Rascher, Ingolf (2002): Lässt sich Wissen durch Datenbanken managen? Möglichkeiten und Grenzen von elektronischen Datenbanken. In: Zeitschrift Führung+Organisation, 71:342–351 Wilkesmann, Uwe; Rascher, Ingolf (2003): Wissensmanagement. Analyse und Handlungsempfehlungen. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung Wilkesmann, Uwe; Rascher, Ingolf (2004): Lässt sich Wissen durch Datenbanken managen? Motivationale und organisationale Vorraussetzungen beim Einsatz elektronischer Datenbanken. In: Edeling, Thomas (Hrsg.); Jann, Werner (Hrsg.); Wagner, Thomas (Hrsg.): Wissensmanagement in Politik und Verwaltung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Seiten 113–129 Wilkesmann, Uwe; Rascher, Ingolf; Berlepsch, Petra v. (2004): Wissensmanagement. Theorie und Praxis der motivationalen und strukturellen Vorraussetzungen. München und Mering: Rainer Hampp


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