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Dmig 4 ---------------- Interview

ZEIT für einen
Relaunch

Letztes Jahr gab es einige Relaunches großer deutscher Nachrichten-Websites. Ein gelungenes Beispiel ist der von www.zeit.de. Information Architects (iA) und »Zeit Online« reduzierten die Site auf ein einfaches Gestaltungsraster und klare Linien – die Zahl der täglichen Visits sowie die Anfragen von interessierten Werbekunden hat seitdem stark zugenommen. Chris Lüscher von iA und Online-Chefredakteur Wolfgang Blau geben Einblick in die Hintergründe

Interview von Christophe Stoll und Johannes Schardt mit Chris Lüscher und Wolfgang Blau

Ihr Relaunch war grundlegend – warum? Geht es nun eher evolutionär in kleinen Schritten weiter?

Wolfgang Blau: Im Idealfall ist die Architektur einer Site so flexibel und modular, dass große Relaunches gar nicht nötig sind. »Zeit Online« war aber im Laufe vieler Jahre ohne ein übergeordnetes Konzept gewachsen und dabei so unüberschaubar geworden, dass wir mehrere Tage brauchten, um sämtliche Seitentypen und Funktionen aufzuzeichnen. Wir kamen uns vor wie Archäologen, die sich durch frühere digitale Zivilisationsschichten graben. Der Entwicklungsredakteur und Multimediajournalist Fabian Mohr hat das Bild vom Obstbaum geprägt: Die alte Site war ein gesunder, aber verwilderter Obstbaum, der mutig gestutzt werden musste, damit er mehr Früchte trägt. Wir haben weit über einhundert redundante Seitentypen und Funktionen abgeschaltet, was uns schwerfiel, aber nötig war.

Es heißt, bei digitalen Produkten und modernem Journalismus sei »der Prozess das Produkt« – wie sehen Sie das?

Blau: Ja, die technische Produktentwicklung ist nie abgeschlossen. Aber allein die Tatsache, dass eine permanente Entwicklung möglich ist, darf nicht dazu führen, dass Projekte nie beendet werden. Auf manche Detailprojekte muss man auch mal einen Deckel draufmachen können, obwohl sie erst 80 Prozent des Möglichen erfüllen. Auch in Bezug auf das journalistische Arbeiten beschäftigen wir uns mit diesem Trend zum permanent beta oder process journalism – zum Beispiel der ständigen Fortschreibung eines Artikels. Bei großen Nachrichtenereignissen wie dem Erdbeben auf Haiti oder dem Klimagipfel in Kopenhagen ist inzwischen auffällig, in welcher Qualität und Geschwindigkeit die englischsprachige Wikipedia nachrichtlich informiert. Wir betrachten auch Leserdebatten als Teil des journalistischen Prozesses und haben sie deshalb in die Artikelseiten integriert.

»Wir haben über einhundert redundante Seitentypen und Funktionen abgeschaltet, was uns schwerfiel, aber nötig war«
Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online

Haben Sie – überspitzt gefragt – um Werbeformate herum gestaltet? Oder haben Sie zuerst den Auftritt gestaltet und dann geschaut, was am besten passt?

Lüscher: Die Gestaltungsraster orientieren sich an den wichtigsten Werbeformaten. Werbung ist die wichtigste Einnahmequelle und verdient daher mehr als eine nachträgliche Integration – auch wenn sie Nutzer manchmal stört.

Blau: Beim Design war uns wichtig, erst einmal zu verstehen, welchen finanziellen Stellenwert die verschiedenen Werbeflächen und -formate haben, um sie mit dem Verlag zu priorisieren. Dann haben wir für jeden Seitentyp festgelegt, welche Werbemittel sich wo und in welcher Anzahl einsetzen lassen.

Die neue Site erinnert ein wenig an Blogs. Auch die Navigationen verschiedener Nachrichtensites wird immer ähnlicher ...

Blau: Wir wollen unsere Leser mit unseren Inhalten zum Nachdenken bringen – nicht mit unserer Navigation. Es gibt inzwischen bestimmte Erwartungen an Nachrichten-Site-Navigationen, die man nicht enttäuschen sollte. Auch ein Luxusauto unterscheidet sich vom Mittelklassewagen nicht dadurch, dass man es durchs Dachfenster oder den Kofferraum besteigt, sondern durch sein intuitives, elegantes Design, seine bessere Verarbeitung und Motorisierung – also durch den Inhalt und die Eleganz der Nutzerführung.

Chris Lüscher: Das Internet benötigt neue Ordnungs- und Darstellungsformen von News, neue Erzählformen, und wir experimentieren damit auch regelmäßig. Gleichzeitig darf man nicht aus den Augen verlieren, dass es auch online hauptsächlich um eine möglichst leicht verständliche und zugängliche Darstellung von Inhalten geht – und die besteht nun mal immer aus denselben Elementen: Texte, Bilder, Töne, Videos. Allzu experimentelle Darstellungsformen erschweren den Zugang meist. Gedruckte Zeitungen verkaufen sich vor allem durch die Titelblattfläche above the fold – das haben Websites lange Zeit übernommen, vor allem bei Bannern. Ist das bei bei Ihnen ein Thema?

Blau: Da muss man zwischen Homepage und Artikelseiten differenzieren. Die Homepage sollte schon im ersten Screen einen Überblick verschaffen, zum Scrollen einladen und bis ganz unten einen Spannungsbogen bieten. Artikelseiten sollten ohne viel visuellen Lärm den Einstieg in einen Artikel liefern – das gilt vor allem auch für Leser, die über eine Suchmaschine kommen. Lüscher: Wir sind davon überzeugt, dass User scrollen, und versehen unsere Designs mit starken Elementen im Fußbereich. Eine gute Seite sollte nach unten nicht langsam ausklingen, sondern bis zur letzten Teaserbox spannend bleiben.

Oft nimmt die visuelle Qualität wenige Wochen nach dem Launch ab. Wie verhindern Sie das?

Blau: Das stimmt. Wir können uns diesen Post-Relaunch-Effekt nur so erklären, dass es im Vorfeld keine ausreichende Abstimmung zwischen Redaktion, Verlag und Vermarkter gab, dass Parteien die Site erst nach dem Relaunch gesehen und ihre Wünsche dann im Hauruckverfahren durchsetzten. Um genau das zu verhindern, haben wir vor Beginn der Designphase zahlreiche Gespräche mit sämtlichen Stakeholdern geführt, sodass nun alle stolz auf die neue Site sind.

»User scrollen, deshalb darf eine Site nicht langsam ausklingen, sondern muss bis zum Schluss spannend sein«Chris Lüscher, Leiter von Information Architects Zürich

Welche Aufgaben und Herausforderungen gibt es für Designer in der »Zukunft des Journalismus«?

Blau: Eine wichtige Zukunftsaufgabe des Journalismus ist, das Internet nicht nur als zusätzlichen Vertriebskanal für bisherige journalistische Formen zu begreifen, sondern als ein Ökosystem, in dem sich die Rolle der Journalisten verändert und erweitert. Journalismus ließ sich früher leichter als eine Profession definieren. Heute ist Journalismus eine Aktivität, die – ähnlich wie Sport – von einer Minderheit auch professionell ausgeübt wird. Eine Designaufgabe, die wir noch nicht gelöst haben, ist, wie wir die Diskussionen rund um Artikel auf unserer Site abbilden können. Wir wollen, dass unsere Inhalte auch in Social Networks und via Twitter gefunden und diskutiert werden. Dadurch entstehen jedoch parallele Diskussionsstränge, die nichts voneinander wissen. Eine elegante technische und gestalterische Lösung, die diese Debatten-Cloud abbildet, habe ich noch nicht gesehen. Ich beobachte natürlich den plattformübergreifenden Ansatz von Disqus.com und finde, was die Bündelung betrifft, auch Rivva.de immer besser. Uns fasziniert zudem auch die Entwicklung des sogenannten data journalism, die insbesondere vom britischen »Guardian« vorangetrieben wird. Dort hat man dem Thema inzwischen ein eigenes Blog gewidmet.

Lüscher: Wir sehen gerade online sehr viele positive Zeichen für die Zukunft des Journalismus. Design sollte ein journalistisches Produkt optimal zugänglich machen, die Informationsarchitektur kann erstaunlich komplex sein. Es gibt hier also durchaus Raum für eine Differenzierung durch gutes Design.

Welche Rolle spielen neue Publikationsplattformen wie Tablet-Computer oder TV-Geräte mit Internetzugang?

Blau: Wir arbeiten gerade an mehreren App-Projekten. Wir versuchen dabei einen guten Mittelweg zu finden: Einerseits wollen wir Apps schaffen, die die Stärken des jeweiligen Geräts optimal nutzen. Andererseits wollen wir angesichts der vielen neuen Geräte unsere Inhalte nicht für alle immer wieder redaktionell konfektionieren müssen – etwa bei den Bildformaten. Das führt vermutlich dazu, dass wir uns in Text, Bild und Video auf wenige journalistische Präsentationsformen beschränken müssen, die alle Plattformen problemlos darstellen können.



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