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Der Spiegel Titelbildgestaltung – Interview mit Stefan Kiefer

Stefan Kiefer wechselte nach 13 Jahren freischaffenden Wirkens als Illustrator und Grafik-Designer 1996 zum SPIEGEL und gestaltet dort seitdem die Cover, seit Anfang 2000 leitet er das Titelbild-Ressort. Kiefer lebt und arbeitet in Hamburg und lässt sich, wie viele andere Designer, für sein gestalterisches Tun auch durch Musik inspirieren: er ist Drummer der SPIEGEL-Hausband »THE MIRRORS« und legt ab und zu als DJ »DisCover« GrooveJazz auf. Wir sprachen mit Stefan Kiefer über Titelbildgestaltung und seine Arbeit beim SPIEGEL.

Titelbildgestaltung ist vor allem Ideenfindung. Wie ist Ihr Ideenfindungsprozess nachdem die Titelstory sich herauskristallisiert hat? Können Sie uns Ihren Arbeitsprozess kurz abreißen?

Die Ideen, jede einzelne davon, sind unser größtes Kapital. Damit fängt alles an. Die Ausführung, welcher Künstler es für uns zeichnet, wer fotografiert oder ob’s sogar ein Typo-Titel wird: Alles zweitrangig. Hauptsache, ‘ne gute Idee. Wenn wir erst das Thema und vielleicht sogar eine Titel-These haben, ist alles erlaubt, was zum Finden einer guten, besonderen Idee beiträgt: Hauptsache, niemand hatte diese Idee vor uns. Darauf achten wir peinlich genau. Dann werfen wir uns oft im Team die Bälle zu, brüten aber auch gern mal allein, oft meldet sich dann auch mit dem Bild eine gute, originelle Zeile. Denn die Titelzeile ist mindestens so wichtig wie die visuelle Idee, zumindest beim SPIEGEL: Beides muss absolut passen und schlüssig sein und sich bestenfalls ergänzen. Weil das beste, originellste Titelbild uns nichts nützt, wenn es keiner versteht.

Über 50% der Titelillustrationen für die Spiegel Titelseite kommen aus den USA. Sind die amerikanischen Illustratoren besser, schneller oder besser vernetzt als die Deutschen? Was können deutsche Illustratoren Ihrer Meinung nach von ihnen lernen?

Illustration in Amerika hat einfach eine ganz andere Tradition. Die Künstler dort sind meistens hervorragend ausgebildet, sehr engagiert und professionell und oft auch unschlagbar schnell. Hinzu kommt, dass wir meistens nach Illustratoren suchen, die mehr oder weniger realistisch oder sogar fotorealistisch arbeiten – und davon gibt es in Deutschland nur sehr wenige. Und die Guten, die es gibt, arbeiten schon seit vielen Jahren für uns. Illustration hat hierzulande einen ganz anderen Stellenwert und wird in der Regel auch anders eingesetzt als wir es nun ausgerechnet brauchen – und wir können von keinem deutschen Illustrator erwarten, dass er/sie sich extra für uns einen Stil zulegt, nach dem hauptsächlich wir suchen. Der Markt ist hierzulande für diese Art der Illustration einfach zu klein.

Beeinflusst Sie Ihre Berufserfahrung als Illustrator heute in Ihrer Position als Artdirektor? Ist ein Artdirektor, der die Seite der Künstler/Illustratoren/Fotografen aus eigener Erfahrung kennt, im Vorteil?

Absolut. Das merke ich immer wieder, seit so vielen Jahren. Ich kenne aus eigener, mühsamer Erfahrung meiner Freelance-Zeit genau die Schwachstellen der Künstler – aber auch ihre besonderen Stärken. Und ich kann mit ihnen auf Augenhöhe reden, was sehr oft sehr hilfreich ist. Denn wir behandeln unsere Illustratoren nicht als Dienstleister, sondern als Partner. Wir beide haben nur Eines im Sinn: Einen möglichst originellen und sehr professionell gemachten SPIEGEL-Titel abzuliefern, der von Millionen Menschen gesehen und wertgeschätzt wird.

Gibt es Trends in der Titelbildgestaltung? Lohnt es sich, mitzugehen?

Hhhm. Diese Trends, wenn es sie denn gibt, interessieren uns nicht wirklich, um ehrlich zu sein. Und das soll jetzt nicht arrogant klingen. Denn, an wem sollten wir uns denn orientieren? Wir geben uns extrem viel Mühe, immer wieder das Besondere zu finden in Idee und Gestaltung, Niemanden zu kopieren, von Niemandem abzukupfern. DER SPIEGEL hat vielleicht die längste Tradition in der aufwendigen Bebilderung des Titels in Deutschland. Und nicht jede Woche ist ein gestalterisches Highlight – wie sollte das auch gehen? Aber letztlich bemühen wir uns wirklich uns immer wieder neu zu erfinden. Das ist aber kein Trend für uns, sondern Pflichtprogramm.
 

Zeitschriften sind vergängliche Objekte, sie werden gelesen und recycled. Die Spiegelcoverillustrationen touren in einer Ausstellung »Die Kunst des Spiegel« durch die Welt. Sind die Cover für Sie Kunst?

Diese tolle Ausstellung mit 200 Originalillustrationen aus 50 Jahren, die für den SPIEGEL entstanden, und die über 8 Jahre durch die Welt getourt ist, von Hamburg bis nach New York oder auch Südkorea, war ein wirklich großer und schöner Erfolg, für alle Beteiligten. Vor allem aber für die Kunstgattung »Illustration«. Denn wir sind in großen und namhaften Museen gezeigt und damit auch geadelt worden. Diese Institutionen hätten sich ohne dieses Projekt vermutlich nie ernsthaft mit dem Begriff »Kunst« in Verbindung mit »Illustration« beschäftigt – nun war es auf einmal das Selbstverständlichste der Welt.

Was ist das erfolgreichste Titelbild bisher und auf welches Titelbild sind Sie besonders stolz?

Der erfolgreichste SPIEGEL-Titel aller Zeiten hat gar nichts mit Illustration zu tun – aber sehr viel mit den USA, bzw. New York. Und der Erfolg ist sicher weniger der Gestaltung zu verdanken als dem Weltereignis: Die Rede ist vom 11. September 2001. Stolz bin ich auf etliche Titelbilder, vielleicht besonders auf unseren minimalistischen Titel zum Tode von Loriot – auch wenn »Stolz« in diesem Zusammenhang sicher der falsche Begriff ist.

Wie oft gibt es Überschneidungen in den Illustrationskonzepten von Titelseiten mit anderen Magazinen (z.B. Focus, Stern, Time ?) – wie geht man damit beim SPIEGEL um?

Solche Überschneidungen sind zum Glück selten, weil beide genannten deutschen Magazine fast nie Illustrationen vorn drauf haben, Time übrigens auch kaum noch. Und wenn es mal passiert, nehmen wir’s sportlich – gedruckt ist gedruckt. Was uns allerdings ärgert, sind die manchmal argwöhnischen Kommentare auf den Medienseiten einiger Tageszeitungen oder in den Mediendiensten, die offensichtlich nur darauf warten, uns mal ein Bein zu stellen. So wurde uns einmal vorgeworfen, wir hätten ein Titelmotiv mit einem »Nothalt-«Knopf (zur Finanzkrise) von der polnischen Newsweek geklaut. Erstens waren die Motive sich nicht wirklich ähnlich, außer dass sie dasselbe Thema bebilderten, und zweitens wusste zumindest ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal von der Existenz einer polnischen Variante des US-Magazin.

Wird die Verlagsindustrie die neuen Gestaltungsmöglichkeiten auf Tablet Readern (iPad & co) in Zukunft ausnutzen? Sind die Titelbilder der Zukunft vielleicht sogar kleine bewegte Trailer?
Wie sehen sie insgesamt die Zukunft von E-Books?

Als das iPad vor der Tür stand, waren wir richtig euphorisch, was die zukünftigen Möglichkeiten mit vielleicht sogar animierten Titelbildern anging. Wir haben für die ersten Ausgaben sogar selbst kleine Animationen entwickelt – mit viel Herzblut und viel Arbeit. Aber dann kam doch relativ schnell die Ernüchterung, ob der doch noch relativ überschaubaren Zahl der iPad-User, die z.B. den SPIEGEL auf dem iPad lesen. Das hat sich inzwischen doch erfreulich entwickelt und die Kollegen unserer iPad-Redaktion, die Tür an Tür mit uns sitzen, erfinden großartige neue Formate für das iPad oder Androide, wirklich Klasse. Für den Titel jedoch wird es noch etwas dauern, bis wir da größer einsteigen. Eine Frage des Aufwands, ganz ehrlich. Das können wir auf Dauer (noch) nicht leisten. Und eBooks…auch da eine ehrliche Antwort: Fantastisch, 2000 Bücher oder mehr in der Jackentasche haben zu können…aber ich gehöre zu den Menschen, die es nach wie vor lieben, ein gedrucktes Buch in der Hand zu haben, das man anfassen, riechen und wirklich umblättern kann, mit allen Nachteilen.

Die Spiegelcover erschließen sich manchmal erst auf den zweiten Blick. Müssen Sie diese Entscheidung auf die Klugheit der Leserschaft zu vertrauen oft verteidigen? Hat der moderne deutsche Leser noch Zeit für Feinsinniges?

Oh ja, unbedingt! Das beste Beispiel ist der Titel der vergangenen Woche: »Triumph der Unauffälligen«. Nach Aussage vieler Kollegen und vieler Leser der »Titel des Jahres«. Ein recht anspruchsvolles Motiv, für den klassischen »zweiten Blick«, das ganz hervorragend am Kiosk funktioniert hat: Er ist einer der bestverkauften Titel des Jahres!

Sie haben auch Buchtitel gestaltet (zum Beispiel für den Rowohlt + Fischer Verlag). Worin unterscheidet sich die Buchcovergestaltung von der Magazincovergestaltung?

Eine gute Frage. Eigentlich nicht wirklich, denn wenn jemand einem unserer Titel das Etikett »Sieht aus wie ein Buchcover« umhängt, empfinden wir das als Kompliment, auch wenn es vielleicht anders gemeint sein könnte. Ich würde gern mehr Bücher gestalten, wenn ich die Zeit dazu hätte. Das Einzige, was ich am Buchmarkt sehr problematisch finde, ist das System der Titelentscheidung. Hier wird sich so sehr auf das Urteil der Buchhandelsvertreter verlassen, die letztlich auch nur ihrem individuellen Geschmack vertrauen müssen, dass ich mir als Gestalter schon oft die Haare raufen musste ob wenig nachvollziehbarer Entscheidungen. Beim SPIEGEL-Titel versuchen wir sowenig wie irgend möglich einem vermeintlichen Massengeschmack oder einer vorherrschenden Meinung hinterherzulaufen, das macht die Arbeit hier wirklich spannend. Wir verlassen uns auf unser eigenes Urteil – und wissen nie vorher, ob’s am Kiosk auch funktioniert. Aber freuen uns spitzbübisch, wenn eine gute Idee von den Lesern auch verstanden wird.

Vielen Dank!

Das Interview führten Clara Roethe und Patrick Marc Sommer. Das Interview entstand im Rahmen der Typo Berlin 2012.

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