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Kirsten Dietz über Zufriedenheit, Motivation und Kritik

Im Mai diesen Jahres hielt Kirsten Dietz auf der Typo Berlin einen Vortrag, mit dem Titel: »The future belongs to the brave. Sieben Thesen zu nachhaltig erfolgreichem Design«, der aus ihrem Erfahrungsschatz als Mitinhaberin des Designbüros Strichpunkt schöpfte. Sie untermalte ihre Thesen mit Arbeiten aus der eigenen Agentur und nicht nur junge Gestalter stimmte der Vortrag (den ihr euch hier anschauen könnt) nachdenklich. Wir haben über ihre Thesen mit ihr gesprochen.

Der Einstieg in den Beruf des Designers ist nicht immer einfach und neben der Positionierung im Berufsumfeld auch von Existenzängsten geprägt. »Geld verdienen heißt nicht automatisch glücklich zu sein.« sagten Sie auf ihrem TYPO-Vortrag. Wie schafft man diesen Spagat zwischen Anspruch, Geld verdienen und Zufriedenheit?

Indem man sich immer wieder klar macht, dass Geld definitiv nicht alles ist – und schon gar kein Gradmesser für echten Erfolg. Mich hat immer ein positives Feedback zu meiner Arbeit weitaus mehr befriedigt als ein hohes Honorar. Wenn beides zusammenkommt, um so besser – aber lieber ein paar Wochen keine Butter aufs Brot als ein paar Wochen einen Job machen, zu dem man nicht stehen kann. Am Anfang meiner Selbständigkeit habe ich kaum mehr verdient als ein Student im Nebenjob – aber ich habe konsequent nein gesagt, wenn es um Aufgaben ging, die meinem Qualitätsverständnis widersprachen. Und aus Erfahrung kann ich heute sagen: das hat sich ausgezahlt. Denn wenn man einmal mittelmäßiges Zeug in der Mappe hat, wird man auch nur noch für Mittelmaß angefragt. Das wird ein Teufelskreis.

In jedem Beruf kommt man nach langer Zeit darin an einen Punkt, an dem sich Prozesse eingespielt haben, Arbeitsabläufe bekannt sind – sprich: man wird routiniert und Routine ist bekanntlich der Tod der Motivation. Wie motiviert man sich – besonders als Kreativer – immer wieder?

Indem man sich vornimmt, dass immer erst der nächste Auftrag der beste ist, den man je gemacht hat.

In Ihrem Typo-Vortrag sagten Sie, dass Sie glauben, dass es sehr viel schlechte Gestaltung gibt, weil alles schnell machbar ist, Fehler aber wichtig für gute Gestaltung sind. Wie erzieht man Designer dazu Fehler zu machen, um gut zu werden?

Indem man sich die Zeit nimmt, Fehler zu machen und sie als selbstverständlichen Teil des Arbeitsprozesses begreift und definiert, statt als Ärgernis. Und- indem man, wie oben schon gesagt, unzufrieden bleibt, den Anspruch an sich höher schraubt, als ihn der Kunde definiert hat.

Mit Crowdsourcing hat sich das Bild von Kommunikationsdesign nach außen verändert. Dienstleistung wird zur Massenware. Wie sehen Sie Crowdsourcing im Designbereich? Welche Chancen und Risiken birgt es?

Am Ende eines Prozesses, den die Masse gestaltet, steht Massengeschmack. Ein wirklich gutes Projekt braucht Ecken und Kanten, um in Erinnerung zu bleiben – auch bei den Kunden. Massengeschmack schleift die Kanten ab, das sieht man bei den drögen Kampagnen, die aufgrund von Marktforschungsergebnissen bis hin zur vollkommenen Belanglosigkeit »optimiert« wurden.

Design-Preise sind in den letzten Jahren zunehmen in Verruf geraten und doch scheinen Designer und Agenturen sich gerne damit zu schmücken. Auch Strichpunkt gehört zu einer der meist ausgezeichneten Agenturen in Deutschland. Wie wichtig sind Preise und Awards?

Am wichtigsten ist es, wenn man selbst von sich sagen kann, das Maximum für ein Projekt gegeben zu haben. Es ist aber ein gutes und hilfreiches Feedback, wenn das eine Jury aus erfahrenen Kollegen genauso sieht – oder eben auch nicht. Preise sind gut fürs Ego. Kommen sie von einem renommierten Wettbewerb mit transparentem Juryprozess, sind sie auch eine gute Benchmark, an der man sich orientieren kann – denn Marktforschung bewertet keine Innovationen, Juries schon. Man sollte also zwischen Award und Award unterscheiden – zwischen solchen, bei denen man sich für den Marketingleiter auf Kundenseite eine Urkunde kauft, mit der er bei seinem Chef glänzen kann, und solchen, in denen kompetente Kollegen ernsthaft darum ringen, aus dem Guten das Beste herauszufiltern. Deshalb nimmt Strichpunkt auch nur an ausgewählten Awards teil.

Generell: Es mag ein persönlicher Eindruck sein, aber Kritik an der Arbeit der anderen, man mag hier und da sogar von Häme sprechen, scheint besonders unter Gestaltern sehr verbreitet zu sein. Ist das etwas, dass Ihnen als Inhaber einer erfolgreichen Design-Agentur oft begegnet?

Erfolg macht neidisch, das ist überall so. Natürlich gibt es Designer, die uns einfach blöd finden. Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber über eine so lange Zeit mit an der Spitze zu stehen, ist dann doch vielleicht weniger Zufall als das Ergebnis knallharter Arbeit. In Summe begegnen uns die meisten Kolleginnen und Kollegen aber sehr positiv – und wenn man hört, dass die eigenen Arbeiten und die eigene Haltung andere inspirieren, ist das ein wunderbares Gefühl, für das ich sehr dankbar bin. Und wir haben andere Gestalter nie als Konkurrenz wahrgenommen, sondern freuen uns, wenn tolles Design auch woanders entsteht.

Vielen Dank!

Das Interview führten Nadine Roßa & Patrick Marc Sommer

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