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Stiftung Buchkunst – Interview mit Alexandra Sender

Vor wenigen Tagen wurden die schönsten deutschen Bücher 2013 veröffentlicht.
Wir haben mit Alexandra Sender, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, über die Hintergründe des Wettbewerbs gesprochen.

Beim Wettbewerb »Die schönsten deutschen Bücher« gibt es ein 3-teiliges Bewertungsverfahren. Könnten Sie uns einen Einblick über den genauen Ablauf der Bewertung des Wettbewerbs geben?

Die Erste Jury besteht aus sieben Herstellern, Gestaltern und einem Buchbinder. Sie arbeiten nach Sachgruppen, wobei die Juroren für die jeweilige Sachgruppe ausgewiesene Kompetenz und Erfahrung mitbringen. Sie sichten in drei Tagen alle eingesandten Bücher und reichen die Bücher weiter, die grundsätzlich die Kriterien des Wettbewerbs erfüllen, d.h. überdurchschnittlich in Konzept, gestalterischer Umsetzung und Verarbeitung sind. In der Regel sind das ca. 30% der eingesandten Bücher. Diese werden dann der Zweiten Jury vorgelegt, die ebenfalls aus sieben Juroren besteht. Seit letztem Jahr wird in die Zweite Jury neben Gestaltern und Herstellern auch ein Buchhändler berufen. Vier Tage lang prüfen die Juroren Kategorie für Kategorie jedes Buch auf Leib und Nieren, machen Anmerkungen zu Detailtypografie, Konzept und Verarbeitung und vergeben »Noten« für die einzelnen Bücher. Nach Sichtung einer Kategorie werden die Benotungen ausgewertet, die Anzahl der Bücher reduziert sich so meistens schon auf die Hälfte. Mit diesen Büchern geht es dann in die Diskussion. Jedes Buch wird in einer Art Plädoyer von einem der Juroren beschrieben. Anschließend wird in mehreren Durchgängen abgestimmt, ob ein Buch weiter in der Diskussion bleiben soll und wenn ja, warum. In diesen intensiven Diskussionen kristallisieren sich dann nach und nach die Favoriten heraus, die im besten Fall einstimmig Konsens finden. Am Ende des 4. Tages stehen die 5 x 5 Schönsten deutschen Bücher fest.

Zu einem späteren Zeitpunkt wählt eine fünfköpfige Sonderjury aus den 25 Schönsten schließlich das »schönste deutsche Buch« des Jahres. In dieser Sonderjury haben neben einem der Vorstandsmitglieder, einem Gestalter und einem Hersteller neuerdings auch ein Buchhändler sowie ein Pressevertreter eine Stimme.

Der Förderpreis für junge Buchgestaltung wurde optimiert. Was hat sich an dem Preis alles verändert?

Der Förderpreis ist inzwischen ein eigenständiger Wettbewerb geworden, der sich auf die Suche nach experimentellen Buchkonzepten von heute und morgen begeben hat. Die Altersbeschränkung wurde aufgehoben und anders als der Titel des Wettbewerbs vielleicht vermuten mag, sprechen wir damit keineswegs nur den Nachwuchs an, sondern alle, die sich mit ihren Buchprojekten mit dem Medium und seinen Möglichkeiten auseinandersetzen bzw. diese in ihren Konzepten produktiv nutzen. Da es in diesem Wettbewerb also nicht um die Perfektion in der Umsetzung, sondern um die Idee geht, können hier Profis wie Studenten gleichermaßen punkten. In diesem Jahr haben wir erfreulich viele und vor allem erfreulich viel gute Hochschularbeiten erhalten. Aber auch einige wirklich innovative Verlagsproduktionen, die genau das darstellen, was der Wettbewerb zeigen möchte: Büchermachen wird immer ein innovativer Prozess bleiben, auch scheinbar fest codierte Formate wie ein Ausstellungskatalog erfinden sich immer wieder neu. Und dass gerade bei den Studenten viele tolle Ideen entstehen, bei denen die Gestaltung einem Inhalt erst eine Bühne schafft, das macht den Reiz dieses Wettbewerbs aus.

Was empfehlen Sie Verlagen und Buchgestaltern bei der Gestaltung?

Die Stiftung Buchkunst versteht sich als Beobachter und Diskursplattform, Empfehlungen liegen uns daher eher fern. Aber natürlich bekommen wir aus unserer Perspektive eine Menge von den Themen mit, die die Hersteller und Gestalter gerade bewegen.
In den Jurys wird immer viel über die Bedingungen gestalterischer und herstellerischer Arbeit diskutiert. Da kommen gerne bestimmte Themen auf den Tisch wie zum Beispiel die Gestaltung der Cover, die oft in der Hand der Werbeabteilung liegt, statt sie dem Hersteller zu überlassen und so ein Buch aus einem Guss sicherzustellen. Da tun sich wahre Grabenkämpfe auf, Argumente mit besseren Verkaufszahlen konkurrieren mit gestalterischen Ansprüchen. Genauso alt ist die Rechtfertigungsdebatte, ob sich eine hochwertigere Ausstattung rechnet.
Wenn wir etwas empfehlen würden, dann vor allem das: Je enger die Abstimmung zwischen Verleger, Marketing, Vertrieb und Herstellung, umso stimmiger und erfolgreicher das Gesamtprodukt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bücher?

Ich zitiere da gerne unsere Vorstandsvorsitzende Karin Schmid-Friderichs, die mit ihrer Prophezeiung sicher recht behalten wird, dass die Zukunft der Bücher vor allem eins sein wird: schön!
Das gedruckte Buch besinnt sich derzeit auf seine sinnlichen Vorzüge und stellt diese stärker denn je heraus, hinterfragt sich auf seine eigenen Konstitutiven, verzichtet hier auf eine Bindung, trumpft dort mit opulenten Materialien auf. Ob diese Selbstreflexion nach Abflauen der digitalen Euphorie nicht auch wieder etwas nachlassen wird, erwarte ich mit Spannung. Das Medium Buch ist eine in sich schlüssige, perfekte Erfindung, die sich nicht neu erfinden muss und im irreduziblen Vorteil gegenüber der flüchtigen Existenz digitaler Datensätze ist. Die aktuellen Versuche, das Buch im Digitalen zu kopieren – Simulation von Seitenblättern visuell wie auditiv, das im digitalen Medium nicht notwendige Zitat der Doppelseite, die Papierfärbung des Screens etc. – sind Abbilder eines Originals, das so im Digitalen nicht funktioniert. Da wird das E-Book noch seine ganz eigene Identität finden (müssen). Das Buch hingegen hat eine unverwechselbare Identität und wird bei aller bucheigenen Innovation sich selbst treu bleiben – und wir Menschen dem Buch. Was nicht bedeutet, dass wir nicht zukünftig auch alle digital lesen werden.

Wie hoch schätzen Sie die Gestaltung des Buches als Ursache des Verkaufserfolges ein? Wie wird dieses Thema von der Stiftung gesehen?

Diese Frage ist das traditionelle Legitimationsleid der Buchgestalter und Hersteller: Die verkaufsfördernde Bedeutung von Buchgestaltung ist nicht valide messbar. Ob ein erfolgreiches Buch sich auch deshalb so gut verkauft, weil es die richtige Form gefunden hat, dieser Nachweis ist schwer zu führen. Im Zweifel wird man den Erfolg immer dem Inhalt des Buches zuschreiben, was auch nicht falsch ist. Am Primat des Inhalts will die Stiftung Buchkunst ja auch keineswegs rütteln. Umgekehrt hört man aber immer wieder von Büchern, die trotz hoher Qualität des Inhalts nur geringen Erfolg haben und das mitunter auch wegen der falschen Zielgruppenansprache, d.h. der falschen Verpackung. Einen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt kann man also nicht leugnen. Aber genau das ist ja seit eh und je das Bestreben der Stiftung Buchkunst: Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein gut gemachtes Buch ein Mehrwert ist, und das müsste konsequent auch heißen, dass man gerne dafür bezahlt, wie wir es für andere Mehrwerte auch tun. Die von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Bücher sind solche Objekte, die man haben möchte, weil sie ihren Inhalt so gekonnt inszenieren und einen für einen Inhalt erst entzünden, für den man sich vorher vielleicht gar nicht interessiert hat.

Ist von der Stiftung Buchkunst in Zukunft ein Preis für das schönste E-Book geplant? Wie sehen die Zukunftspläne der Stiftung aus? 

Geplant ist da noch nichts, der Zeitpunkt für einen solchen Preis ist in meinen Augen auch noch nicht gekommen. Derzeit würde ein solcher Preis eher ein Qualitätspreis sein, der die funktionalen Aspekte der herstellerischen Umsetzung in den Vordergrund rücken müsste. Aber die Stiftung verfolgt das Thema aktiv, zum Beispiel auf einem Podium im Museum Angewandte Kunst Frankfurt am 5. Juni 2013, wo wir uns mit Prof. Günter Karl Bose von der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Wendelin Hess, dem Gestalter und Verleger des Schweizer Echtzeit Verlags, und dem Medientheoretiker Prof. Christof Windgätter von der Technischen Kunsthochschule Berlin über den aktuellen Stand des E-Books unter gestalterischen Gesichtspunkten unterhalten werden.

Das Interview führte Patrick Marc Sommer.

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