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Holger Windfuhr (FAZ) über die Zukunft der Zeitung

Print nimmt eine gänzlich andere Rolle ein als Digital – und erfüllt andere Bedürfnisse. Holger Windfuhr ist Artdirector der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ein Gespräch über die FAZ und die Zeitung der Zukunft.

Rüdiger: Deutschland ist der größte Zeitungsmarkt Europas. Pro Tag werden von überregionalen Zeitungen 700.000 Exemplare im Abo und rund 100.000 Exemplare am Kiosk verkauft. Wie siehst du die Zukunft der Zeitungen?

Holger: Wenig überraschend: Das Digitalgeschäft gewinnt weiterhin an Bedeutung – die klassische Webseite (mobile-optimiert), E-Paper etc. Die Notwendigkeit, für aufwändig produzierte journalistische Inhalte auch im Digitalen zu bezahlen setzt sich allmählich durch.

Erzählformen sind vielfältiger und ergänzen die schriftliche Erzählweise: Podcasts, Videos, interaktives Storytelling, Infografiken, Augmented und Virtual Reality. Verlage müssen sich breitere Skillsets aneignen und ausbauen. Teams werden interdisziplinärer, um die Stärken des jeweiligen Mediums oder Kanals auszuschöpfen.

Die Zeitung als Printprodukt wird bestehen, allerdings auf einem anderen Niveau. Es wird aber noch einige Zeit lang Leser geben, die die Zeitung lieber als Print-Produkt lesen möchten. Auch jüngere.

Rüdiger: In Deutschland hat sich das Kompaktformat bisher nicht durchgesetzt. Welche Trends kannst du im europäischen Zeitungsdesign ausmachen? Unterscheiden sich deutsche Trends von internationalen Entwicklungen?

Holger: Seit einigen Jahren: eine größere Klarheit – in Print wie online. Weniger Elemente, mehr Weißraum, eine plakativere Bildsprache und verstärkt Infografiken. Die Reduktion auf das Wesentliche. Und eine stärkere Hierarchisierung und Leserführung.
Die Schnelligkeit, in der sich Nachrichten im Internet verbreiten, wirkt sich auch auf die Bildsprache aus. Das nachrichtliche Foto ist oft Sekunden nach einem Ereignis online. Die reine Nachricht – und das dazugehörige Bild – ist vielen schon bekannt. Es wird erwartet, dass die Tageszeitung die Nachricht analysiert, einordnet und bewertet. Das erfordert auch eine differenziertere Bildsprache, um diesen Tiefgang optisch zu reflektieren.
Weltweit nehmen viele Tageszeitungen „magazinige“ Elemente auf: Hintergrundkästen, Info-Elemente, Marginalspalten, Kurzinterviews usw. Im angelsächsischen Bereich wird eine weitaus größere Bandbreite an Schriftschnitten und -stilen eingesetzt als in Deutschland – siehe die New York Times, Washington Post und viele regionale Tageszeitungen in den USA.

Rüdiger: Die Zeitung kämpft täglich um die Hoheit der Aktualität und deren Inhaltliche Einordnung mit den digitalen Medien. Die Titelseite stellt so etwas wie die Visitenkarte einer Zeitung am Point of Sale dar – was hat sich hier in den vergangenen Jahren verändert?

Holger: Der Point of Sale bzw. Einzelverkauf wird zunehmend schwieriger. Aber nichtsdestotrotz – oder vielleicht auch gerade deshalb – auch auf der Titelseite macht sich eine grafische Vereinfachung bemerkbar. Plakative Bildsprache, pointierte Elemente und eine klare Gliederung. Insbesondere im deutschsprachigen Raum.

Rüdiger: Böse Typografie gibt es nicht. Gute schon. Gut ist Typografie dann, wenn sie dem Inhalt die richtige Form gibt.

Holger:… und die Typografie der FAZ ist gut?

Typografie entsteht nicht aus dem Nichts. Typografie verbindet eine Publikation auch mit einer Tradition und Geschichte. Im besten Fall mit Ihrer Raison d’être. In der ersten Ausgabe der FAZ vom 1.11.1949 schrieben die Herausgeber über die Ziele dieser neuen Zeitung.

Ein Auszug: „Für sie müsste die Wahrheit der Tatsachen heilig sein; sie müsste sich der strengen Sachlichkeit in der Berichterstattung befleißigen; sie müsste auch den Andersmeinenden gegenüber immer Gerechtigkeit walten lassen; und sie müsste sich bemühen, nicht an der Oberfläche der Dinge stehen zu bleiben, sondern ihre geistigen Hintergründe aufzusuchen.“ … „Natürlich denken wir nur an diejenigen, die sich mit uns bemühen wollen über die Dinge nachzudenken, statt Schlagworten nachzulaufen. Für die Denkfaulen möchten wir nicht schreiben.“

In diesem Sinne: ja.

Rüdiger: Die FAZ hat, wie du auch sagst, ein ausgesprochen traditionelles – wenn man so will konservatives – Design, hat aber auch in den letzten Jahren an Auflage verloren. Kann das Design deiner Meinung nach einen negativen Trend stoppen?

Holger: Kein Trost, aber alle haben an gedruckter Auflage verloren. Es bleibt auch ein herausfordernder Markt. Aber alle Darbietungsformen unserer Inhalte zusammengenommen, erreichen weitaus mehr Leser denn je zuvor. Das ist auch die große Chance.

Das Design kann Inhalte zugänglicher machen, eine emotionale Nähe erzeugen, überraschende Momente bieten, Aufmerksamkeit erzeugen, ein Schmunzeln hervorrufen, den Inhalt optisch auf den Punkt bringen. Aber eine Zeitung – geduckt oder digital – wird höchstens einmal gekauft, wenn die Erwartungen an den Inhalt nicht zumindest erfüllt werden.

Kurz gesagt: eine starke Verkaufsunterstützung, ja. Die Herausforderung ist, den Inhalt attraktiv, aber in der Form und auf allen Kanälen und Erzählweisen wiedererkennbar aufzubereiten, wo und wie es die Leser erwarten und verlangen. Design spielt hier eine weitere wichtige Rolle: der Marke über alle Darbietungsformen hinweg eine gemeinsame, starke Identität zu geben.

Rüdiger: Vielen Dank!

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