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Reflektionen zur Design-Bildung

Bildung ist ein Prozess, dessen Ziel es einmal war, „ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst, zu anderen und zur Welt zu finden.“ (Wilhelm von Humboldt) Wenn ich mich nun frage, ob es so etwas wie eine Design-Bildung gibt und wie ein dementsprechender Prozess angestoßen werden könnte, so hängt die Antwort davon ab, was unter Design verstanden wird. Die Offenheit und Vielseitigkeit ist für mich das Faszinierende am Design-Begriff. Etwas wurde in Form gebracht, damit dieser – nennen wir es einmal so – „Zusatz“, in spezifischen Zusammenhängen Wirkungen entfalten kann. Es geht also im Design um die Form immer nur soweit, als diese als solche überhaupt wahrgenommen und für je eigene Zwecke genutzt werden kann. Eine solche Nutzung der Form muss keineswegs den Intentionen jener entsprechen, die sich für eine Formgebung als Urheberinnen betrachten. Ein Theaterplakat kann, angebracht auf der Innenseite einer Toilettentür, über Jahrzehnte hinweg den Benutzerinnen dieses Raumes wertvolle Dienste erweisen, indem es Emotionen provoziert, erinnert, Assoziationen anstößt, etc., aber keineswegs, wie vielleicht ursprünglich erhofft, Theaterkarten verkauft. Auch wenn also Formgebung erst in seiner Nutzung Wirkung entfacht, so ist diese im Detail weder vorherzusehen noch festschreibbar. Das Lob für gelungene Gestaltung gilt zwar im Allgemeinen den Urheberinnen, dennoch ist es immer auch eine nicht zu unterschätzende Leistung, Design in der gesamten Bandbreite der Möglichkeiten für sich nutzbar zu machen. Überraschender Weise läuft daher eine reflektierte Formgebung und eine unreflektierte Designnutzung deutlicher ins Leere als eine unreflektierte Formgebung bei einer reflektierten Nutzung. Mit anderen Worten, eine Design-Bildung verspricht dann von überzeugender Wirkungen zu sein, wenn beide Seiten – Urheberinnen und Nutznießerinnen – gleichermaßen und gemeinsam eine Kultur der Formgebung in gegenseitiger Rückkoppelung entwickeln.
 
Innerhalb homogener sozialer Gemeinschaften hat sich zu jedem Zeitpunkt so etwas wie eine gemeinsame Konvention entwickelt, die den Umgang mit Formensprachen regelt. Wir leben heute in einer Medienumgebung, die vermeintlich deutlicher denn je Wirkungszusammenhänge erkennen lässt. Digitale Informationsströme lassen sich immer besser kontrollieren. Vor allem große Konzerne versuchen daraus ihre Schlüsse zu ziehen um ihr Kommunikationsangebot den errechneten Bedürfnissen der  Menschen anzupassen. Ohne Zweifel ist es hierbei oft gelungen, „wunde Punkte“ zu finden, Gefühle, Sehnsüchte, Bedürfnisse anzusprechen, Begehren zu erwecken, Handlungsoptionen als wünschenswert erscheinen zu lassen. Design wurde in diesem Sinne vielen Menschen eine zweite Heimat, wenn nicht sogar jenes Zentrum, von dem aus alles andere gewertet und geordnet wird. Der Zusatz, die additive Oberfläche wird vielfach nicht als eine virtuelle Welt betrachtet, sondern als eine schützende Haut genutzt, die uns hilft, dem Leben so viel als möglich abzugewinnen.
 
Bei aller Vielfalt der Erscheinungsformen haben sich immer wieder, zumindest innerhalb bestimmter Kulturkreise, Vorlieben, Tendenzen, „Gleichförmigkeiten“ entwickelt. Diese Übereinkünfte werden innerhalb von Bildungsinstitutionen gerne als feststehende Regeln interpretiert, die es nun nur noch einzuhalten gilt. Auf diese Weise ist ein System gegenseitiger Verstärkungsmechanismen entstanden, das  insofern als solches kaum wahrgenommen wird, da diese Konventionalsierungen einen Mechanismus sukzessiver Transformation erlauben und befördern. Die permanenten modischen Mutationen werden erwartet und akzeptiert, sowohl in der Inszenierung eines „Bruchs“ (z.B. vom Tastentelefon zum Touchscreen), als auch als minimalste Variationen (z. B. von kantigen zu abgerundeten Formen). Diese Bemühungen lassen sich in nahezu allen Gestaltungsbereichen beobachten – so zum Beispiel bei Kleidungsstücken, Automobilen, Gebrauchsgegenständen oder grafischen Versatzstücken.
 
Wurde somit ein „Idealzustand“ erreicht, in dem Design-Bildung und Design-Produktion optimal aufeinander abgestimmt sind? Führt die sich ständig steigernde Beobachtung der Designrezeption zu einer permanent verbesserten Anpassung der „Oberflächen“ an die Bedürfnisse der Menschen?
 
Jedes Zeigen ist zugleich immer auch ein Verbergen. Mit jedem weiteren Stück gestalteter Oberfläche steigert sich dessen Plausibilität, wird das vielleicht nur zufällig Entstandene zu einer zwingenden Größe. Zweifelsohne hat das menschliche Vermögen, sich einen visuellen Kokon zu spinnen, uns unabhängiger von den jeweiligen Lebenssituationen werden lassen. Die sich so anbahnende Blindheit bringt jedoch auch Gefahren mit sich. Es kann Augenblicke geben, in denen es zu unserem Wohle ist, auch unbequemen und fremden Erfahrungsräumen unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Wie kann Design-Bildung dazu beitragen, dass wir mit ausreichender Sensibilität unserer Gestaltungsarbeit nachgehen? Das scheinbar Selbstverständliche verliert rasch seine zwingende Kraft, wenn sichtbar wird, wie es entstanden sein könnte. Wenn historische Gestaltungsformen wieder in die Umstände ihrer Entstehung gestellt und auf diesem Wege „dekonstruiert“ werden, so wird klar, dass immer alles auch anders hätte werden können. Es gibt nicht nur eine Methode, gesprochene Sprache visuell festzuhalten. Es lassen sich unterschiedliche Ansätze beobachten, wie Menschen versuchen, ihr Zusammenleben mit Hilfe von Zeichensystemen zu ordnen. Vieles von dem, was entstanden ist, erschien zum Zeitpunkt der Entstehung als brauchbare und passende Antwort auf eine konkrete oder allgemeine Fragestellung. Wenn sich diese „Antworten“ über längere Zeiträume als „brauchbar“ erwiesen haben, bedeutet dies jedoch nicht, dass es keine besseren Alternativen gegeben hätte, sondern nur, dass diese nicht gefunden wurden. Warum sich bestimmte Ansätze als „tragfähig“ erweisen, ist nur selten an einem einzelnen Beispiel zu erkennen. Es handelt sich bei jenen Designleistungen, die als historisch bedeutsam herausstechen, immer um komplexe „Dispositive“, wie Michael Foucault heterogene Ensembles nennt, die eine Wirkungseinheit bilden. Design wird vorwiegend genutzt, um handlungsfähig zu bleiben, ohne das Zusammenspiel dieser komplexen Systeme ergründen zu müssen. Eine reflektierte Herangehensweise würde demnach bedeuten, vorübergehend auf die Komplexitäten reduzierende Potenz von Design zu verzichten, um fähig zu bleiben, auch dann formgebend einzugreifen, wenn Konformität verhindert, aus Sackgassen auszubrechen.

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