Aktuell 29.08.2014

Mann trifft Frau

Yang Liu bewies bereits vor ein paar Jahren, dass sie als Designerin eine sehr gute Beobachtungsgabe besitzt, als sie mit Ost trifft West ein Buch heraus brachte, das auf sehr witzige und charmante Art ihr Heimatland China mit Europa und im speziellen Deutschland verglich. Das Buch beschrieb sie damals als eine Art Tagebuch, das sie nach ihrer Ankunft in Deutschland zu führen begann. Im Piktogrammstil stellte sie beide Seiten gegenüber und genau dieser reduzierte Stil gab der Aussage diese plakative Wirkung, denn – so sagte sie im Mai auf der TYPO Berlin – »Reduktion ist die höchste Kunst der visuellen Darstellung«.

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Nun ist mit Mann trifft Frau Yangs neues Buch im Taschen Verlag erschienen und damit wagt sie sich in Zeiten der Gender-Debatte auf mutiges Terrain. Denn natürlich arbeitet ein Buch, das Männer und Frauen miteinander vergleicht mit Klischees und Stereotypen. Z.B mit den Kommunikationsproblemen, mit denen die beiden Geschlechter zu kämpfen haben. Über sieben Jahre hinweg hat Yang diese zusammengetragen und auch wenn sie betont, dass die Illustrationen ihre persönliche Sichtweise sind, muss man sich eingestehen, den meisten davon im privaten oder beruflichen Alltag schon mal begegnet zu sein. Wie sehr oft in ihrer visuellen Sprache gelingt es ihr auch dieses Mal durch die Reduktion schlicht aber plakativ zu arbeiten und so die Aussage noch mehr zu verstärken. Sie bilden verschiedene Alltags- oder Lebenssituationen ab und die unterschiedliche Wahrnehmung beider Geschlechter, z.B. den Klassiker Männer könnten kein Multitasking, Frauen hingegen schon.

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Ganz ohne Text kommt es nicht aus. Die Situationen werden daher mit kurzen Stichworten erklärt, was in der Tat notwendig ist, um den ganzen Witz zu verstehen.

Obwohl das Buch sehr humoristisch ist, schafft es, dass man an vielen Stellen die Geschlechterrollen hinterfragt. Und man darf es durchaus auch als gesellschaftskritisch verstehen, etwa wenn es um die Rolle der Frau als Mutter geht oder ihre Rolle als Hausfrau. Ich habe Yang Liu noch ein paar Fragen zum Buch gestellt.

Das Buch ist vor wenigen Wochen erschienen, wie waren die bisherigen Reaktionen darauf?

Das Buch ist genau seit 18. August im Handel, vor 10 Tagen. Ich habe selber einige Rezensionen gelesen, bislang waren sie alle recht positiv, besonders berührten mich zwei private Leserzuschriften, die sich für das Buch bedankt und gesagt haben, wie sehr sie davon begeistert sind. Das sind für mich sehr besondere Rückmeldungen und auch immer die schönsten.

Hattest du vorher die Befürchtung, dass man dir vorwerfen könnte, dich mit dem Buch zu sehr in Stereotypen zu verlieren oder auf Klischees rum zu reiten?

Für mich war das Verhältnis zu den sogenannten ‘Klischees’ kein Maßstab für die Auswahl der Motive. Entscheidend für mich waren ausschließlich meine persönliche Wahrnehmung des Themas, und ob ich die Motive für relevant halte oder nicht. Klischees können überholt und überaltert sein, sie können aber immer noch wahr sein und ihre Relevanz in unserer heutigen Gesellschaft haben, auch wenn wir manche kleine Wahrheiten ungern zugeben.

Es ist gerade deshalb wichtig, diese zu untersuchen, um zu sehen, wie weit wir wirklich in der Frage der Gleichstellung gekommen sind, oder ob einige Fortschritte noch nicht weitgehend genug in der Gesellschaft verankert sind.

Ich habe eine Dokumentation meiner persönlichen Wahrnehmung mit diesem Buch dargelegt, um den akuten gesellschaftliche Ist-Zustand festzuhalten. Ähnlich wie mein letztes Buch ‘Ost trifft West’, ohne sie zu urteilen.

Du kommst ursprünglich aus China, lebst aber schon lange in Deutschland. Wie nimmst du die aktuelle Gender-Debatte in Deutschland war und wird sie so oder ähnlich auch in China geführt.

Da ich selber fast ausschließlich in Metropolen gelebt habe und mein Buch sich auch in erster Linie an die weltweite urbane Gesellschaft richtet, kann ich auch hier über die Unterschiede dieser Gesellschaft sprechen. Die Gender Fragen werden in alle Kulturen immer mehr öffentlich debattiert, jedoch aus unterschiedlichen Grundlagen und mit anderen Resonanzen:

In China gab es nie eine Frauenbewegung in dem Ausmaß wie in Deutschland, aber der Prozess der Emanzipation hat sich in der Praxis teilweise stärker durchgesetzt. Seit über 60 Jahren sind die Frauen finanziell selbstständig, deshalb ist meiner Generation die gesellschaftliche Rolle der bloßen Hausfrau vollkommen unbekannt, denn sie existiert schlicht nicht mehr. Die Frauen sind in diesen 60 Jahren gesellschaftlich zunehmend stärker geworden. So ist es inzwischen in Metropolen wie Beijing und Shanghai seit der Generation meiner Eltern gängig, dass fast ausschließlich die Männer den Haushalt machen, und durchaus üblich, dass Frauen, auch
junge, Führungspositionen besetzen.

In Deutschland muss man sehr zwischen West und Ostteil unterscheiden. Der westliche Teil hat einen sehr langen und ereignisreichen Weg der Emanzipation hinter sich, und insgesamt ist Deutschland sicherlich in vielen Hinsichten führend, was die gesetzliche Gleichstellung anbelangt. Dennoch gibt es sehr viele Haushalte, wo die Frauen das Meiste der darin erforderlichen Arbeiten zu bewältigen haben, vor allem wenn es um die Kinderbetreuung geht. Im östlichen Teil hingegen ist die Situation, wahrscheinlich wegen der politischen Vergangenheit, ähnlich der in China, die Frauen sind vergleichsweise sehr viel selbstständiger und weniger an die traditionellen Rollen gebunden als im Westen. In Deutschland insgesamt ist es aber trotz allem immer noch zu beobachten, dass Frauen (und besonders junge) in Führungspositionen bestaunt werden.

Was glaubst du müsste sich ändern, damit sich die Geschlechter mehr annähern? Ist das überhaupt möglich?

Ich denke nicht, dass die Geschlechter sich in Ihren Verhaltensweisen annähern sollen. Vielmehr muss das in der Gleichstellung getan werden, insbesondere in der Arbeitswelt, um die Arbeitsbedingungen und -abläufe mehr auf die Bedürfnisse der Frauen zuzuschneiden. Im Moment leben und arbeiten wir immer noch in einer Arbeitswelt, in der die grundlegenden Strukturen aus einer anderen Zeit kommen, als die Rollen noch anders aufgeteilt waren.

Es ist aus meiner Sicht definitiv möglich, sich in der Gleichberechtigung der Geschlechter anzunähern, ein Beispiel: In einer gleichberechtigten Gesellschaft müsste es alltäglich werden, dass Jungs und Männer auch Kleider und Röcke anziehen können wenn sie mögen, im Moment ist es nur üblich, dass Frauen sich alle Kleidungsstile eineignen, bei Männern stoßen wir immer noch auf komische Reaktionen.

Im Berufsleben könnte es denkbar sein, dass männliche Mitarbeiter sich extra Frauen-Gesprächsthemen aneignen, um z.B. bei einer Chefin (bis dahin müsste es schon lange alltäglich sein, dass Frauen Führungspositionen sind) gut anzukommen.

Man kann Yangs Talk über das Buch auf dem Creative Morning hier ansehen.

Mann trifft Frau
Hardcover, 13 x 13 cm, 128 Seiten, 12 Euro

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