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Helden gesucht

Für glaubwürdiges Storytelling im Corporate-Bereich muss man die Geschichten letztlich »nur« finden. Doch die wirklich interessanten Storys müssen Kreative oft erst hervorlocken

Ist die Geschichte eines Unternehmens oder einer Marke gefunden, muss sie sich neben zeitlich begrenzten Kampagnen auch langfristig in Corporate Design und Publishing widerspiegeln. Laut Andreas Viedt, Vorstandsmitglied bei WirDesign in Berlin, schwingt Storytelling schon immer implizit mit, wenn man gute Lösungen entwickelt – auch wenn das Buzzword erst seit ein paar Jahren kursiert. »Letztlich geht es darum, Abstraktes konkret zu machen, und das funktioniert besonders gut über Geschichten«, so Viedt.


Heimatgeschichten – Bei Heimat hat jeder Mitarbeiter eine persönliche Visitenkarte mit einem Foto von einem Ort, der für ihn Heimat bedeutet. Diese Geschichten sind gute Gesprächseinstiege

Der Kunde Gewobag wünschte sich einen Bericht, der sein soziales Engagement dokumentiert. Um dies als konkrete Geschichte erzählen zu können, entwickelte WirDesign die Idee einer Radtour, bei der die Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter des Berliner Wohnungsunternehmens zu ihren Wohnungs- und Sozialprojekten fahren. Der Report ist als eine Art Logbuch gestaltet, das Kennzahlen mit persönlichen Erfahrungen verbindet. Daraus ergab sich eine Fülle von gestalterischen Möglichkeiten wie handschriftliche Notizen, Straßenpläne und Lesezeichen. Visualisierung ist für Viedt ein wesentlicher Verstärker von Storytelling: »Eine gute Geschichte braucht immer auch eine gute visuelle Umsetzung – und umgekehrt.« So könne man mit einer großen schwarzen Fläche mehr Emotionen auslösen als mit zig Fotos grinsender Menschen. Aber wirklich interessant wird es erst, wenn man die Geschichte hinter der schwarzen Fläche kennt.


Persönliche Perspektive – In dem von wirDesign gestalteten »Logbuch« des Berliner Wohnungsunternehmens Gewobag unterstützen und veranschaulichen Elemente wie handschriftliche Notizen und Stadtpläne die Geschichte einer Kiez-Radtour

Karl Anders, das sich selbst Büro für Visual Stories nennt und bekannt ist für seine oft unkonventionelle Herangehensweise, sucht die spannenden Geschichten innerhalb der Unternehmen. Für das MMI gestalteten die Hamburger das Semesterprogramm komplett neu, indem sie statt auf trockene Lehrpläne auf persönliche Geschichten ehemaliger Teilnehmer setzten. Mit modernem Editorial Design und unterhaltsamen Inhalten weckt das Magazin »M« nun weit mehr Interesse für die Fortbildungen der VW-Handelsakademie.


Find the Story – Karl Anders machte aus dem drögen Lehrplan der VW-Handelsakademie MMI ein schickes Magazin, das die Vorteile einer Fortbildung exemplarisch an Menschen erzählt

Um neue Wege im Corporate Design gehen zu können, müssen Agenturen zuerst ihre Kunden überzeugen. WirDesign nutzt Storytelling deshalb schon bei der Kundenpräsentation und erzählt, wie sie zu einer Lösung gelangt ist. »Im Grunde ist es eine klassische Heldengeschichte, die vom ersten Briefing über verschiedene Einfälle, Sackgassen und Wiederholungen zum Ziel führt«, erklärt Andreas Viedt. Gerade im Zeitalter kollaborativer und agiler Arbeitsmethoden sei es wichtig, den Kunden frühzeitig ins Boot zu holen und ihm verständlich zu machen, wie eine Lösung hergeleitet wurde.

Noch einen Schritt weiter geht Karl Anders, die die Kunden partizipatorisch in den Gestaltungsprozess einbindet. Für Sirona, einen Hersteller dentaler Produkte und Technologien, veranstalteten die Kreativen unter dem Motto »Business Aerobics« einen Workshop fürs Teambuilding, zu dem sich alle in Sportklamotten in einer Turnhalle einfinden sollten. Die Übungen und Spiele, die über den Tag verteilt stattfanden, wurden vor Ort festgehalten und in Form einer Zeitschrift aufgearbeitet. Die Mitarbeiter wurden so selbst zum Teil einer Geschichte, die sie anschließend in den Händen halten konnten.

Teilhabe kann sogar das Corporate Design direkt beeinflussen. Für Hamburg Hoch 11 sammelte Karl Anders bei einem Live-Layouting die wesentlichen Bausteine einer neuen Identity. Mittels teils verrückter Spiele definierten die Mitglieder des Kreativenvereins an nur einem Abend Farben, Typo und weitere visuelle Eckpfeiler. Der interaktive Entstehungsprozess sorgte für eine hohe Identifikation mit dem neuen Design – und für jede Menge Stoff zum Erzählen für die Teilnehmer.


Aktive Teilhabe – Die Bausteine für das Corporate Design des Kreativenvereins Hamburg Hoch 11 trug das Designbüro Karl Anders mithilfe von Spielen bei einem Live-Layouting-Event zusammen

Nina Kirst / Artikel aus Page 04.2014

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