Christoph Niemann über Reduktion in der Illustration und Vertrauen in die Kraft des Bildes
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Christoph Niemann einfach nur als Illustrator zu bezeichnen ist fast schon unverschämt. Der geborene Schwabe ist viel mehr als das: ein scharfer Beobachter, ein Zyniker, ein Karikaturist des Alltäglichen – all das beschreibt seine Arbeit sicher am besten. Auf dem Blog Abstract Sunday auf der Website der New York Times erhält man einen Eindruck seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe. Er kann aber genau so tief in die kindliche Abstraktionswelt eintauchen, wie er in seinen Kinderbüchern beweist. Und sympathisch ist er obendrein. Wir haben die Gelegenheit genutzt und den Neu-Berliner auf der TYPO Berlin 2011 zum Interview gebeten.

Warum bist du nach 10 Jahren in New York wieder nach Deutschland, bzw. Berlin zurück gekehrt?

Ich habe an der Kunstakademie in Stuttgart studiert und wollte eigentlich auch während des Studiums schon im Ausland studieren. Das habe ich dann in Form von Praktika gemacht und war daher bereits während des Studiums zwei Mal in New York, bei Paul Davis und bei Pentagram. Anfangs hatte ich ein Journalistenvisum, habe dann aber bald für eine GreenCard beworben, die ich auch bekommen habe. Alles in allem habe ich 11 Jahre in den USA gelebt.

Anfangs habe ich mich mit meiner Mappe klassisch bei Agenturen vorgestellt, so wie man es als Berufsanfänger macht. Ich bin darüber relativ schnell bei der New York Times gelandet und von dort an andere Jobs gekommen. Wenn man einmal bei der Times gearbeitet hat, hat man einen guten Ausgangspunkt, die Leute schauen sich immer zuerst die Times an. Das gedruckte Bild ist immer noch sehr wichtig.

Seit kurzem lebe ich in Berlin und arbeite aber auch hier weiter für Kunden aus den USA. Illustration ist dort wichtiger als hier, man hat dort mehr Vertrauen in die Kraft des Bildes. In Deutschland haben die Redakteure sehr viel Macht, sie erklären sehr gerne Bilder textlich, die auch so gut funktionieren würden. Hier hat der Text oft Vorrang vor dem Bild. Wahrscheinlich würden die meisten Redakteure sogar am liebsten nur Text-Cover machen. Da habe ich in den USA, z.B. mit Adam Moss, dem Herausgeber des New York Magazins, andere Erfahrungen gemacht. Er hat auch als Redakteur eine sehr gut visuelle Vision.

Wie würdest du deinen illustrativen Stil beschreiben?

Meine Arbeit ist immer sehr konzeptionell, ich nähere mich nie nur über das Visuelle an. Aus der Idee, die immer das wichtigste ist, ergibt sich dann das Arbeitsmaterial: Collage, Malerei, Vektorzeichnung. Da bin ich nicht sehr festgefahren. Manchmal richtet sich das auch ein wenig nach dem Druck der Industrie. Es gibt dort sehr schnelle Deadlines, manche Anfragen bekomme ich durch einen Anruf zwei Stunden vor der Deadline. Da bleibt wenig Zeit für Experimente.

Ein eigener Stil ist unter Illustratoren die Norm. Die Art Direktoren wollen keine Überraschungen. Ein bestimmter Stil ermöglicht einem bestimmte Jobs, disqualifiziert aber auch für andere. Das gehört zum Alltag eines Illustrators. Ich versuche mich nicht auf einen bestimmten Stil festzulegen. Das macht mein Leben nicht immer einfacher, aber ich glaube es gibt mir auf Dauer viel breitere Möglichkeiten.

Welche Rolle spielt Farbe in deinen Arbeiten?

Mit 12 wollte ich unbedingt Schwarz/Weiß-Illustrator werden. Ich fand den Umgang mit Farbe aus der technischen Sicht sehr schwierig, ich hatte damals so eine Airbrush-Spritzpistole, die immer nur Ärger machte, das Ergebnis war nie so wie ich es wollte und sie war ständig verstopft. Ich habe es dann mit Markern versucht aber auch das war nicht das was ich wollte. Schwarz-Weiß schien mir da die beste Alternative zu sein, das Arbeiten nur mit einem Bleistift oder Tusche war so viel besser zu kontrollieren! Ich hab maximal die Farbkombination Schwarz/Weiß/Rot in Erwägung gezogen, die ist ohnehin unschlagbar.
Meinen Frieden mit Farben in der Illustration habe ich erst mit dem Computer gemacht. So schien mir das Medium Farbe das erste Mal wirklich beherrschbar zu sein.

Generell ist aber der Einsatz von Farbe immer im Kontext zu sehen. Die reduzierte Form kann passend sein, genauso wie in einem anderen Zusammenhang auch Regenbogenfarben sinnvoll sein können. Aber es stimmt schon, dass bei mir die Reduktion eine wichtige Rolle spielt, die meisten meiner Arbeiten sind eher reduziert in der Farbwahl, je weniger Farben desto besser.

Hast du so etwas wie eine Lieblingsarbeit unter deinen Arbeiten?

Das kann ich so nicht sagen, aber mir ist es sehr wichtig, dass die Leute meine Arbeiten verstehen. Erst wenn das Publikum eine Arbeit versteht, ist es für mich auch eine erfolgreiche Arbeit. Das kann man vorher nicht immer gut abwägen. Manche Sachen kommen super an, andere wieder gar nicht. Ich kann nicht etwas gut finden, was beim Publikum nicht ankommt. Die Kommunikation mit dem Publikum spielt dabei immer eine wichtige Rolle.
Die Arbeit, auf die ich das meiste und extremste Feedback bekommen habe, ist die für das Japan New Yorker Cover »Dark Spring«. Da hat man deutlich gemerkt, dass es bei den Betrachtern sofort »Click« gemacht hat.

Illustrator ist für viele Designstudenten ein Traumberuf. Du bist quasi ein »alter Hase«. Welche Tipps hast du für Berufsanfänger?

Zunächst ist es auch in dem Job wie bei den meisten anderen auch: es ist immer viel Glück dabei. Und jede Menge Arbeit, wie bei allen Designjobs. Je härter man arbeitet, desto mehr kommt am Ende dabei raus. Schwierig ist auch, dass von 100 Illustratoren bestimmt 87 eigentlich lieber Künstler sein wollen und die Bestätigung in ihrer Arbeit als Künstler sehen. Ich glaube auf Dauer wird man als Illustrator nur glücklich, wenn man einen größeren Kick davon bekommt eine Zeichnung von sich in einem Magazin zu sehen, das nach 2 Tagen im Müll landet, als ein Bild von sich an der Wand eines Sammlers zu wissen.

Ganz wichtig ist auch ein breites Grundwissen über Alltägliches und eine gute Allgemeinbildung. Man muss in einem Thema zu Hause sein, um es gut wiedergeben zu können. Man merkt Arbeiten an, ob sich jemand mit einem Thema auseinandergesetzt hat oder nicht, sonst verstellt man sich zu sehr. Enthusiasmus ist in der Illustration unglaublich wichtig.

Das Interview entstand im Rahmen der TYPO Berlin 2011, geführt von Nadine Roßa und Patrick Marc Sommer
Das Foto ist von Alexander Blumhoff

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