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FarbKultur – Ein Gespräch über das Arbeiten mit Farbe

Nancy Crow ist die momentan einflussreichste amerikanische Textilkünstlerin, sie wird als »one of the premier colorists in contemporary American art« bezeichnet. Ihre Arbeiten sind abstrakte Explorationen von stoffgewordenen Farben und Farbzusammenhängen, in denen sie die Möglichkeit sieht, aus ihrem Innersten zu erzählen. Sie unterrichtet weltweit ihren Umgang mit Farbe.

Eintrittskarte.
Für die von Nancy Crow kuratierte Ausstellung »Color Improvisations« wurden alle 50 Exponate in DNA-Blöcke übersetzt, die auf Eintrittskarten, Merchandising und im Katalog als »Leitsystem« verwendet werden.

Thomas Curtze-Schatton arbeitet als Designer in der strategischen Abteilung der Panama Werbeagentur in Stuttgart. Er ist verantwortlich für die kreativen Aufgabenstellungen in der Markenfindung und -profilierung und agiert damit als Grenzgänger in den Bereichen Kreation, Corporate Design und Marketingberatung.

Thomas Curtze-Schatton: Farbempfinden ist eine kulturelle Errungenschaft. Erst die Verwendung von Farbe als gestalterische Kraft schärft auch unser Farbempfinden. Kulturgeschichtlich: Erst wenn die Dinge nicht mehr die Farbe haben müssen, die ihnen von Natur gegeben sind, wenn ich technologisch in der Lage bin, Farbe zu gestalten, entwickelt sich Farbsinn.
Übertragen heißt das: Wenn ich heute ein Corporate Design angehe, muss ich auch über die Firmenkultur nachdenken. Wie weit sind die schon in ihrem Farbempfinden? Was können sie ihrem Zielpublikum abverlangen? Farbe ist ein scheinbar billiges und allgegenwärtiges Mittel der Differenzierung, aber auch das anspruchvollste.

Nancy Crow: Die Möglichkeiten, Farben einzusetzen, zu kombinieren – das ist in der Tat eine besondere Herausforderung. Wenn ich Kurse oder Seminare gebe, erlebe ich, wie sehr andere mit der Farbgestaltung kämpfen; wie sie sich damit abmühen, eine Farbharmonie zu bilden. Es gibt diese Tendenz, Farben in einer belanglosen Art zusammenzustellen, eher so, wie man glaubt, dass es alle anderen auch tun würden.
Selbst Gestalter stellen ihre Farben so zusammen, dass sie auf der sicheren Seite sind. Manchmal sagen sie mir, sie würden nur Farben verwenden, die sie auch als Kleidung tragen würden. Ich bitte Dich! Woher kommt so eine Einstellung?

Thomas: Ich denke da eher an den Zusammenhang zwischen Sprechen mit Hilfe von Farbe und Sprechen ÜBER Farbe. Als Gestalter lege ich Wert darauf, dass mein Handeln und damit meine Entwürfe nachvollziehbar bleiben. Dabei spielen Begrifflichkeiten und Worte eine große Rolle. Gerade bei dem schwierigen Thema Farbe fallen allgemeingültige Beschreibungen, ja selbst die Benennung der Farbzusammenhänge schwer. Die Argumentation leidet, und umso beliebiger werden Entscheidungen gefällt.

Nancy: Für mich war Farbe immer der einfachste Bestandteil meines Schaffens. Ich muss nicht um Farbkombinationen ringen, weil sie mir leicht fallen. Und ich glaube tatsächlich, dass Farbe und die Gestaltung mit Farbe und das Kombinieren von Farben eines der berührendesten Geschenke in unserem Leben sein kann. Daher begreife ich Farbe als eine Form von Zuspruch und positiver Emotion.

Thomas: Als Künstlerin profitierst Du davon, dass unsere Kultur einmal Farbe von den Gegenständen befreit hat. In der abstrakten Kunst hast Du die Möglichkeit, Farbe nicht mehr als eine Eigenschaft der Dinge, als beschreibende Kraft zu sehen, sondern ihre Selbständigkeit anzuerkennen.

Nancy: Hat Farbe jemals eine durch und durch abstrakte Qualität? Ist Farbe »am abstraktesten« auf einer vollständig einfarbigen, drei mal drei Meter großen Leinwand ? Würde diese enorme Farbfläche nicht dann den Betrachter fragen, WARUM sie ganz in einer Farbe gehalten ist?

Thomas: Für mich ist Farbe abstrakt in einem Sinne wie Musik abstrakt ist. Musik ruft scheinbar mühelos Emotionen und Stimmungen auf, sie kann Szenen »untermalen«, sie kennt Motive, Rhythmus, Harmonie. Vielleicht hat Farbe zum Beispiel bei der Gestaltung eines Corporate Designs die gleiche Rolle wie der Soundtrack im Film. Andererseits hast Du in Deiner Arbeit den Begriff des Improvisierens eingeführt …

Nancy: Durch das Improvisieren erteile ich mir selbst die Erlaubnis, freier zu werden, auf neuartigen Wegen zu unerwarteten Ideen zu gelangen. Das heißt, zu Beginn einer Arbeit bin ich weniger kritisch mit mir selbst und agiere dadurch angstfreier. Ich werde erst wieder richtig penibel, wenn die Arbeit ein Stadium erreicht hat, in der sie verfeinert werden muss.
Eine meiner lebenslangen Herausforderungen als Künstlerin ist es, mir selbst Freiheit zu gewähren. Wenn ich unterrichte und andere beobachte, erkenne ich, wie selten wir uns ein Handeln ohne gleichzeitige Wertung erlauben. Dabei bringt uns genau das näher an unsere tatsächlichen Fähigkeiten heran.
So habe ich Farbtheorie immer gehasst, als ich damals die entsprechenden Kurse an der Universität belegte. Ich weigerte mich, über den Farbkreis und diese sehr intellektuelle Information nachzudenken. Natürlich habe ich die Farbübungen erstellt, die von mir im Studium erwartet wurden, aber schlussendlich entschied ich, den Farbkreis zu ignorieren und meine eigenen Kombinationen zu finden. Ich werde immer zu den kräftigen, satten Farben greifen. Dann bringe ich sie mit Brauntönen, gebrochenen Weißtönen, neutralen und bläulichem Grauschattierungen zusammen, was ich für eine anspruchsvolle, differenzierte Bandbreite halte.

Thomas: Die Frage ist doch, ob das wirklich »Deine« Farben sind, oder auch die Deines persönlichen Werdegangs mit all seinen Einflüssen und Abhängigkeiten. Natürlich bereichern sie das Farbvokabular all jener, die Deine Arbeiten sehen – aber eben mit ihren eigenen Augen sehen und interpretieren.

Nancy: Ich glaube, Menschen sind unglaublich von der Farbigkeit beeinflusst, in die sie hineingeboren werden. Die riesigen, trockenen Landschaften Australiens mit ihren Ocker- und Weizentönen, Schwarz, Dunkelbraun, die neutrale oder gebrannten Farben der Steine – all das sehe ich in den Arbeiten, die ich aus Australien kenne. Eine Freundin von mir betont, sie bevorzuge ganz klar die neutralen Farben, weil sie in den weiten Ebenen Kanadas aufgewachsen ist. Aber ich würde nicht so weit gehen, etwa von einer »Deutschen Farbe« oder von einer »Schweizer Farbe« zu sprechen.

Thomas: Kindern fällt es nicht leicht, Farben zu erlernen. Und auch später kann man erkennen, wie Menschen ihr Farbempfinden kontinuierlich weiterentwickeln müssen. Sie werden mehr oder weniger erwachsen, sie machen diverse Moden mit und unterwerfen sich neuen kulturellen Einflüssen. Je internationaler diese Einflüsse werden, umso globaler wird auch das Farbempfinden.
Gerade unter Designern ist diese Entwicklung zu beobachten. Ihre Entwürfe sollen weltweit »funktionieren«, und ebenso ist auch ihre Inspiration in Form von Designwettbewerben oder -plattformen zumindest internet-weit. Wenn sich Farbempfinden also in einem ständigen Fluss befindet, und dieser Fluss immer mehr in einem weltumspannenden Meer mündet, könnte das ein Aussterben traditioneller Farbpaletten bedeuten?

Nancy: Betrachten wir es aus der anderen Richtung: Ich weiß von der einheimischen Textilkunst in Länder wie Guatemala, Peru oder Bolivien, die sehr farbintensiv ist, dass sie schleichend verschwindet. Die Menschen lernen eher am Computer ihren Lebensunterhalt zu verdienen als durch das Weben. Auf der anderen Seite besteht wenig Bereitschaft, für Handarbeit einen angemessenen Preis zu bezahlen. Hinzu kommt, dass wenige Menschen, die außerhalb dieser Kulturen stehen, Verständnis oder Wertschätzung für die Einzigartigkeit dieser Arbeiten aufbringen. Ob das nun »regionale Farbpaletten« aussterben lässt – wer weiß.

Thomas: Die Schwierigkeit im Corporate Design besteht oft darin, mit Hilfe von Farben ein Designsystem von transkultureller Gültigkeit zu entwerfen – im gleichzeitigen Wissen um die eigene Subjektivität. Jeder von uns bringt seine eigene Farbhistorie an den Start, die mehr oder weniger gut reflektiert ist. Das Corporate Design für einen internationalen Kunden soll aber bitteschön objektiv und passgenau in jeder Kultur das Richtige ausdrücken, und das möglichst unabhängig von schnellen Moden und kurzlebigen Trends. Aber dann irgendwann im Verlauf des Prozesses heißt es: Zeitlosigkeit vs. Individualität.

Nancy: Ich versuche ebenfalls beides zu vereinen, auch wenn ich mir die Aufgabe anders stelle: Meine persönliche Herausforderung besteht darin, Farbe zunehmend intelligenter und anspruchsvoller einzusetzen. Ich konzentriere mich darauf, meine Palette in noch mehr Nuancen, Schattierungen und Tonwerte aufzufächern, und mir dadurch neue Wege zu eröffnen.

Text von Thomas Curtze-Schatton

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