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Gunter Dueck über das Aussterben von Berufen und Veränderungen in der Arbeitswelt
Magazin

Prof. Dr. Gunter Dueck – bekannt als »The Wild Duck« – ist Querdenker, ehemaliger Chief Technology Officer von IBM Deutschland, begeisteter Blogger, Sprecher und Autor. Vor seiner Karriere bei IBM war er Professor für Mathematik an der Universität Bielefeld. Er beschäftigt sich intensiv mit (zukünftigen) Gesellschaftsfragen und veröffentlichte seine ganz eigene Philosophie in drei Bänden: Omnisophie, Supramanie und Topothesie. Wir haben seine anregenden Vorträge während der re:publica und der x-mess Konferenz 2011 erlebt und ihn nun zum Gespräch gebeten.

Sie sind bekannt für Ihre lebendigen und gesellschaftskritischen Vorträge, in denen Sie z.B. anhand von Tomatensuppe sehr anschaulich zukünftige Gesellschaftsfragen zur Diskussion stellen. Erzählen Sie uns bitte kurz von ihrer Philosophie – der wilden Story in drei Bänden und wie sie dazu kamen.

Als Mathematiker bin ich an Blicke gewöhnt, die eigenes Leiden an Mathematik ausdrücken, gleichzeitige stirnrunzelnde Bewunderung für mich und die Erwartung, dass ich zum Ausgleich seltsam bin – Mathematiker eben. Informatiker und theoretische Physiker teilen mein Schicksal. Für uns wiederum sagen die meisten anderen Menschen erschreckend unkritisch »man macht es so«, ohne es tief verstanden zu haben und der Rest reagiert lustorientiert, was wir gar nicht so nachempfinden können, weil wir kaum niedere Bedürfnisse haben, zum Beispiel Glückspiel, Krawattenkaufen oder Emotionenzeigen. Es muss irgendwie verschiedene Menschenarten geben, dachte ich immer, bis man mir mal jemand ein Buch über Psychotests nahebrachte. Das verstand ich sofort! Es gibt Linkshirndomiante, die in Ordnungen, Pflichten und Traditionen denken (»man macht«!!!), Rechtshirndominante, die sich an ganz wenige ethische Prinzipien halten (Friede, Harmonie, Liebe, Wahrheit, Schönheit) und Instinktive, die glauben, dass der Mensch zwischen den Polen Lust und Schmerz lebe. Ich habe ein paar hundert Mitarbeiter von IBM gebeten, die Tests auf meiner Homepage zu absolvieren…und? Über die Hälfte ist »Rechtshirn«, unter allen Deutschen sind es aber NUR 15 Prozent. DESHALB sind wir sonderbar, dachte ich, obwohl wir nach heiligen Prinzipien handeln wollen! Wir sind deshalb seltsam, weil wir in der Minderheit sind! Und die normalen Menschen kennen nur die Normalen, also die Pflichtmenschen und die Lustmenschen – die bekämpfen sich dann in der Form »Lehrer gegen Nullbockschüler« etc oder »Manager gegen faulen Verkäufer, der seine Quote nicht macht«. Und die mit der Pflicht gewinnen immer… Die sind im Management in einer mehr als Dreiviertelmehrheit, sie diktieren die Lehrpläne, die Projektmittel und die Zensuren. Sie erfinden Incentive Systeme, die durch Möhrenvorhalten (»Boni«) die Lustorientierten zum burnoutbereiten Arbeitsesel machen. Und die Rechtshirndominierten, also Psychologen, Soziologen, Architekten, Mathematiker, Ökologen etc. etc. wundern sich über so seltsame Phänomene wie wertleere Politik und Shareheolder-Value.
Da habe ich angefangen, die artgerechte Haltung von Menschen zu thematisieren, dass es eben mehrere Arten von Menschen gibt, die anders ticken, leben und arbeiten wollen, die anders erzogen und ausgebildet werden müssen… Besonders krass ist es in IT-Firmen, wo die Mitarbeiter fast alle Rechtshirn-Akademiker sind, und dann von einem eher unakademischeren Linkshirn-Management wie Klippschüler behandelt werden. Darauf habe ich dann immer hingewiesen. Das ist sachlich richtig, aber es gilt als Querdenken, weil die Mehrheit die Macht hat und Macht höher als alle Wahrheit ist.

Auf der re:publica 2011 sprachen Sie davon, dass das Internet viele Routine-Arbeiten und Berufe vernichtet. Welche Berufe meinen Sie damit im Speziellen? Was kann ein Dienstleister also noch leisten, wenn sich die Gegenseite ihre Antwort meist schneller »ergoogeln« kann. Was muss man überhaupt noch können? Was ist die neue Professionalität im Digitalen Zeitalter?

Heute habe ich von einer Bank erfahren, die jetzt nicht nur das Überweisen auf Automaten verbannt hat, sondern nun auch allen »Kunden-Kleinkram« bis 10.000 Euro an eine Billigfirma outsourcte. Das einfache Zeug arbeiten jetzt Zeitarbeitskräfte ab. Dadurch sind in der Bank zuviele Mitarbeiter und man bittet diejenigen, die bisher nur Einfaches arbeiteten, Zeitkraft mit Niedriglohn zu werden. In den Zeitungsredaktionen bleibt nur das Wichtige, der Rest wird von Freelancern artikelweise gekauft usw. Es ist die Industrialisierung der Dienstleistungen. Normalerweise arbeitet ein Arzt, Rechtsanwalt oder Versicherungsagent alles ab, überhaupt alles, das Einfache und das Schwere. Nun teilt man die Arbeit in Routinen und Expertenarbeit und gibt die Routine an Niedriglohnjobber, die on demand arbeiten und Risikopuffer sind. Insbesondere wird solche Arbeit »einfach«, die nur Wissen übermittelt, also Reiseauskunft, Wertpapierberatung im einfachen Fall, Fahrplanauskunft, Telefonauskunft und so weiter. Das, was wir normalerweise selbst surfen können, verschwindet als Arbeit ganz und gar. Die eigentlichen Berufe in der Bank, in der Versicherung, in der Praxis oder Kanzlei haben jetzt NUR noch mit schwierigen Fällen und meist auch mit anspruchvollen Kunden zu tun. Man muss dafür jetzt also eine ganze Stufe höherer Professionalität zur Arbeit mitbringen. Man muss also mit Menschen umgehen können, Probleme lösen, Konflikte bereinigen, Ziele in Einklang bringen, emotional intelligent sind, einfühlsam und kreativ. Ich habe das Ganze »profesionell« genannt, als die Fähigkeit, alles zum Gelingen zu bringen. Ich würde gerne einmal die »Professionelle Intelligenz« als Summe einer normalen, einer emotionalen, einer kreativen, einer vitalen etc. Intelligenz an Menschen messen lassen, um zu zeigen, dass sich unsere derzeitige Berufsfähigkeitsvorstellung nur am Fachkönnen, also am IQ orientiert. Den Rest aber brauchen wir demnächst in den Berufen, die nicht industrialisiert sind.

In Ihrem Buch »Wild Duck« schreiben Sie über das Glück bei der Arbeit. Welche Veränderungen beobachten Sie in der Arbeitsgesellschaft? Wo liegt das Glück am Arbeitsplatz?

Das Buch kreist um die allgemein geteilte sichere Meinung, dass Menschen zeitvergessen glücklich am besten arbeiten. Es gibt ganz wenige Menschen, die diese Wahrheit nicht kennen, nämlich die Manager. Wenn ein Manager Mitarbeiter glücklich zeitvergessen Liedchen summend bei der Arbeit findet, pfeift er sie an, noch mehr zu tun. Nur Leute, die leiden (wie er selbst), arbeiten genug. Wenn also die Welt in einem gewinnoptimalen Zustand wäre, würden alle glücklich zeitvergessen arbeiten. Solange es aber Manager gibt, treiben sie die Mitarbeiter ins Leiden. Manager destabilisieren also jeden profitoptimalen Zustand der Welt und sind deshlab die einzigen und wahren Feinde des Profites.

Sie selbst sind ein bekenndender Querkopf, ein Andersdenker. Wie sieht eine »artgerechte Haltung« von Querdenkern am Arbeitsplatz aus. Wie motiviert man Mitarbeiter?

Ich versuche, die Arbeit meiner Mitarbeiter so zu gestalten, dass sie zeitvergessen glücklich arbeiten. »Schreibt alle Arbeit, die zu tun ist, auf und jeder nimmt sich heraus, was er gern macht und gut kann.« Das geht! Es geht auch fast ganz auf, glauben Sie es! Und wir haben dann auch als Team die Ziele übererfüllt, was eigentlich nur unter Leiden als möglich gesehen wurde. Ist das »quer«? Nein, nur rechtshirndominiertes Management, das sich um »Enablement« und nicht um »Inspection« kümmert.

Design ist eine »Option, um Komplexität zu managen« wie Falk Busse in der aktuellen Ausgabe der Revue beschrieb. Wie und Wo können, ihrer Meinung nach, Designer etwas zu der positiven Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen?

Das ist wieder die Auffassung einer speziellen Menschenart. Man kann Komplexität auch durch Pflicht, Ordnung, barbarischen Druck, Teamgeist, Vision, Kundenzentrierung etc. managen, wie es die verschiedenen Menschenarten tun. Design ist wieder so eine reine Idee. Da finde ich etwas Gemischtes wie »Professionalität« besser, da ist ja Kunde, Pflicht, Ordnung und auch Design mit drin.

Design Thinking ist in aller Munde. Für manche ist es eine Kreativmethode, für andere eine Einstellung zur Arbeit (oder Haltung) Sind Sie selbst schon damit in Berührung gekommen? Falls ja, erzählen Sie uns bitte ein wenig von Ihren Erfahrungen und Erkenntnissen. Wo liegen für Sie die Stärken, wo die Schwächen und was kann man sich für den Alltag mitnehmen?

Design Thinking – was ist das? Die Leute, die mir Design Thinking erklären, beginnen immer damit zu sagen, was es NICHT ist, nämlich das prozessorientierte, stur methodische klassische Vorgehen. Dieses vermeintlich »alte« Denken ist genau das der 85 prozentigen Linkshirnmehrheit. Design Thinking ist das der Minderheit, der ich auch angehöre. Es mag besser und erfolgreicher sein, ABER: So denkt die Mehrheit nicht, kann es auch nicht wirklich lernen und ist von Design Thinking auch nicht zu überzeugen. Besser ist es, man macht Design Thinking heimlich vor dem Kaffeeautomaten und trägt dann die Ergebnisse im klassischen PowerPoint mit vielen (Silver) Bulletfolien vor, mit Listen, Zahlen und Dollars.

Das Prototyping ist ein wichtiger Teil des Design Thinking Prozesses. Gedanken, Ideen und Bedürfnisse werden erfahrbar und greifbar. Bitte beschreiben Sie uns als Experte und kritischer Beaobachter der Bildungswelt ihren Prototyp eines verbesserten Schulsystems.

So kurz geht das nicht! Sonst wäre es schon durchgesetzt! Ich habe ja vorhin verschiedene Menschentypen genannt. Die Schule ist nur für Linkshirndominierte gemacht. Man lernt seriell, liest, füllt Pflichtenhefte aus und muss »fleißig«, »mitarbeitend«, »brav« und »zuverlässig« sein. Die andere Menschen sind nicht im Konzept. Die wollen »praktisch Relevantes und brauchbares Werzeug« (die Lust-Schmerzen-Instinktiven) oder »wirkliches Verstehen und Diskutieren der wichtigen Weltprinzipien und Technologien« (die Rechtshirndominanten). Die Rechtshirndomierten versuchen in der Linkshirnschule, die Prinzipien von sich aus zu erfassen und sind ganz gut in der Schule, halten durch, bis sie zur Uni kommen (die ist als Ganzes rechthirndomniert und okay für sie). Die Instinktiven werden in der Schule wegen Nullbock niedergemacht (»MAN MUSS lernen, auch wenn man nicht erkennt, wozu es gut ist. Jeder wird später erkennen, wie wertvoll die Quälerei eigentlich war.«). Die Instinktiven werden rausgesiebt oder kommen vielleicht erschöpft in der Uni an, aber die erwartet nur das Verstehen von Prinzipien und gibt sich absolut nicht mit praktisch Relevantem und brauchbarem Werkzeug ab…

Wir müssen also eigentlich ein Bildungssystem haben, dass eine artgerechte Haltung erlaubt, das also Pflichtkanon-, Prinzipien- und Werkzeugvorstellungen zu einem Ganzen mischt und jedem Schüler/Student gestattet, die Dinge auf seine eigene Art zu erfassen und ins Leben mitzunehmen.

An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment? Gewähren Sie uns bitte einen kleinen Ein- und Ausblick.

Ich schreibe ein Buch über Innovation und versuche mich bei einem Start-Up, das im Sinne des Buches alles richtig macht, insbsondere den obersten Grundsatz beherzigt: »Work underground as long as you can.« Wer insbesondere mit Linkshirnigen zu früh über Innovationen redet, wird mit Vorschriften, Ängsten, Warnungen und Sonderprüfungen belohnt und darf Tabellen ausfüllen. Man sollte als Innovator erst mit so weitgehend fertigen Prototypen an der Oberfläche erscheinen, die so schön sind, dass sie trotz ihrer Unvorschriftsmäßigkeit gelobt und dann für erlaubt und erwünscht erklärt werden.

Das Interview entstand im Rahmen der X-Mess Konferenz 2011

Das Interview führten Daniela Kleint & Patrick Marc Sommer. Lektorat von Anette und Foto von Gunter Dueck (privat).