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Fragen an Illustratoren: Anne Lück
Magazin

Wie war dein Einstieg in die Branche und was war dein erster Job?

Meinen Einstieg habe ich zum einen Menschen, die mich gut beraten haben, zu verdanken, und Illustratoren, die mich inspirierten. Erstere sind Dozenten meiner niederländischen Uni die mich netterweise ermutigten durchaus den »einfacheren« Weg wählen zu dürfen. Für mich hatte Zeichnen immer mehr mit Entspannung, als mit Arbeit zu tun, und ich musste tatsächlich erst die Augen dafür geöffnet bekommen, darin auch einen beruflichen Weg zu erkennen. Prägend war dafür auch mein Praktikum bei Mutabor im Anschluss an den Bachelor, wo man mich dankenswerterweise mit Leuchttisch und Grafiktablett einfach »mal machen ließ« und ich im Bezug auf Kreativität, Kompetenz und die Größe der Projekte ganz neue Dimensionen miterleben durfte.
Mein erster Job resultierte dann aus diesem Praktikum, als eine der Artbuyerinnen in die Stern-Redaktion wechselte und mich mutig mit meinem ersten Auftrag konfrontierte.

Arbeitest du hauptsächlich als Illustrator oder hast du noch andere Schwerpunkte und falls ja, welche?

Die letzten sechs Jahre habe ich ausschließlich als Illustratorin gearbeitet, hauptsächlich im Editorial-Bereich. Seit einiger Zeit aber habe ich zunehmend Lust noch etwas Neues hinzuzunehmen und würde gern noch einen Master in Kunsttherapie dranhängen. Um mich darauf einzustimmen, bin ich jetzt halbtags im Bundesfreiwilligendienst und lerne die Arbeit in einer Berliner Behindertenwerkstatt kennen, was sich tatsächlich als unerwartet inspirierend gestaltet.

Auf welchen Themenbereich hast du dich spezialisiert? Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Mit welchen Techniken arbeitest du?

Ich tue mich selbst immer etwas schwer, meinen Stil zu beschreiben, weil alles recht intuitiv entsteht, aber ich mag es, zu Collagieren, Elemente frei anzuordnen und mit deren Größe zu spielen. Es darf gern etwas skurril oder surreal werden und insgesamt liebe ich den Umgang mit Farbe und im Prozess der Kolorierung eine Harmonie herzustellen mit Brüchen und Kontrasten.

Digital oder Analog?

Mittlerweile arbeite ich hauptsächlich digital, aber manchmal muss es auch einfach wieder der Pinsel und das Tuschetöpfchen sein, die Spritzer, die Fehler und das leicht Schiefe mit dem unerwarteten Reiz.

Gibt es ein Objekt, ein Thema, das für dich besonders schwer zu zeichnen ist?

Hm, eigentlich nicht, aber wenn ich etwas benennen muss, dann ist es wohl am ehesten die realistische Perspektive, ein realistischer Raum mit stimmiger Fluchtung und realen Größenverhältnissen. Das macht einfach keinen Spaß :)

Wie ist dein Arbeitsprozess für eine Illustration?

Beim Briefing habe ich eigentlich direkt ein Bild im Kopf. Ich collagiere dann so lange herum, bis ich dem am nächsten gekommen bin oder es bestenfalls noch stimmiger wird. Wenn der Kunde die Outlines abgesegnet hat, beginnt der schöne Teil mit der Kolorierung, das ist dann meist wie Wellness.

Was passiert, wenn einem Kunden deine Illustration überhaupt nicht gefällt

Glücklicherweise ist das lange nicht mehr vorgekommen – kleine Korrekturen davon mal ausgenommen. Aber ich erinnere mich, dass ich einmal den Fehler begangen habe, bei einer Auftragsarbeit etwas ganz Neues auszuprobieren, obwohl sich das Briefing an einer konkreten Arbeit von mir orientiert hatte. Die arme Artbuyerin war dann verständlicherweise ziemlich überrascht (um nicht zu sagen schockiert), als ich ihr die Reinzeichnung schickte und ich habe daraus gelernt, das Testen neuer Techniken besser auf die freien Arbeiten zu konzentrieren.

Welche Tipps kannst du jemandem geben der Illustrator werden möchte?

Es ist sicher von Vorteil, einen Kunden zu haben, der dich regelmäßig bucht und dir deine Miete sichert. Viele entspannt es auch, Illustration mit Grafik Design zusammen anzubieten oder andere Nebenerwerbsmöglichkeiten zu haben. Für mich war außerdem gutes Coaching goldwert. Ich habe zu Beginn meiner Selbstständigkeit die GARAGE in Hamburg besucht: sechs Monate Seminare zu todlangweiligen Themen wie Zeitmanagement, Steuer und Buchhaltung, ohne die ich aber sicher nicht als Selbstständige über die ersten Jahre hinausgekommen wäre, ganz zu schweigen von der großartigen Möglichkeit, Leute in der selben Situation zu treffen und ein Netzwerk aufbauen zu können.

Wie gewinnt man als Illustrator Kunden?

Hah!, wenn ich das wüsste! :D Nein, im Ernst, ich mache natürlich »Akquise«, d.h. ich erstelle brav PDFs, wähle Telefonnummern von gestressten Artdirektoren und habe eine Repräsentanz, die selbiges hoffentlich ebenfalls für mich erledigt, aber meine Aufträge kommen meist aus unbekannter Richtung: man hat mich irgendwo gesehen und kann sich selbst nicht mehr erinnern, wo, jemand hat mich empfohlen, den ich gar nicht kenne oder die Google-Suchmaschine hat mal funktioniert – es ist immer wieder eine Überraschung.

Wie siehst du den Stand der Illustration in Deutschland?

Wie jeder Illustrator bin ich natürlich der Meinung, es könnte VIEL MEHR sein und es könnten VIEL ÖFTER Illustrationen zur Bebilderung benutzt werden. Es hat wohl tatsächlich mit dem »Land der Schrift« zu tun, dass Bilder oft vermieden werden oder gern zum berechenbareren Stockphoto gegriffen wird. Allerdings ist es interessant, dass Bildungsmedien gern von englischen oder amerikanischen Kollegen illustriert werden. Diese internationale Konkurrenz ist dabei eine große Herausforderung, im Umkehrschluss aber haben wir die selben Möglichkeiten – und den kleinen Exotenbonus obendrauf.

Wo ist für dich der Unterschied zwischen Kunst und Illustration?

Ich sehe Illustration gebunden an einen Rahmen, den Text. Löst sie sich davon los, im Dienste von einer zu bebildernden Geschichte zu stehen, ist die Grenze zur Kunst natürlich aufgehoben, nur heißt sie dann noch Illustration? Für mich ist Illustration mehr eine Art Kunsthandwerk, das in Abstimmung mit dem Kunden und anderen im Team entsteht, ein Prozess mit Abbiegungen, Kurven und schlimmstenfalls Sackgassen. Ich präsentiere dem Kunden kein fertiges Werk, sondern gebe ihm die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, denn er hat das Recht dazu. Er vermittelt zwischen seinem Designauftrag, dem Autor des Textes und mir und unser gemeinsames Ziel ist es, alles unter einen Hut zu bekommen – einen möglichst attraktiven.

Anne Lück
http://www.annelueck.com

Interviewserie mit Fragen von Nadine Roßa und Patrick Marc Sommer