Buchvorstellung: Mit hundert hat man noch Träume

Mit Fotobildbänden habe ich es ja eigentlich nicht so. Ich mag Fotografie, ich sehe mir sehr gerne schöne Fotos an und gehe gerne in Foto-Ausstellungen. Aber Fotobildbände finden selten den Weg in mein Buchregal, einfach aus dem Grund, dass man sie meist einmal durchblättert und dann zur Seite stellt. Das mag aber eine persönliche Eigenart sein.
Mit diesem Buch ist das ein wenig anders, denn dieses Buch schafft so schnell nicht den Weg ins Bücherregal. Es heißt »Mit hundert hat man noch Träume« und erscheint in diesen Tagen im Kehrer Verlag. Karsten Thormaehlen veröffentlicht darin Porträts von Menschen, die Hundert Jahre oder älter sind. Es bündelt Porträts in einem Buch, die 2008 für die Installation Jahrhundertmensch entstanden sind.


Warum mich ausgerechnet dieser Bildband sehr begeistert? Weil die Fotos darin tiefgründig sind und anhand eines Porträts ganze Lebensgeschichten erzählen. Die abgebildeten Personen sind mindestens Hundert Jahre alt, ein Zeitraum, der für die meisten von uns nur über Geschichtsbücher erfassbar ist. Die Menschen in dem Buch haben zwei Weltkriege miterlebt, mit Zerstörung, Wiederaufbau, Teilung, Wiedervereinigung. Sie haben Kinder, Enkel, Ur und Ururenkel. Sie waren Professoren, Gastwirte, Zugabfertiger, alleinerziehende Mütter. Sie sind in einem anderen Umfeld großgeworden (»Mein Vater hatte acht Geschwister, meine Mutter 15, von denen nur die vier ältesten am Leben blieben.«) als es für uns heute vorstellbar ist.
Dem Fotograf Thormaehlen gelingt es dabei so unglaublich gut die Lebensgeschichte der Person in ein Porträt zu fassen und die Würde des Alterns in den Vordergrund zu rücken. Das Alter wird dabei nicht verklärt, aber auch nicht abgewertet.
Als begeisterte Biografie-Leserin machen die erklärenden Texte, die jedem Foto beigestellt sind, das Buch perfekt. Sie fassen in kurzen Abschnitten ein über Hundertjähriges Leben zusammen, was natürlich eigentlich in so wenig Zeichen nicht machbar ist. Deswegen gibt es im Anhang des Buches auch ausführliche Lebensgeschichten, die uns alle zum Nachdenken über das Alter, das eigene, das der Großeltern, das der Gesellschaft anregen werden und sollen.
In einem Buch über Über-Hundertjährige spielt natürlich auch der Tod eine Rolle, aber eine angenehm dezente. Unterstrichen werden die Lebensgeschichten mit kleinen Anekdoten: »Amüsant fand sie den Besuch beim Optiker: Für jedes Lebensjahr gab es ein Prozent Rabatt auf eine neue Brille. Sie bekam die Lesehilfe geschenkt und wurde behandelt wie ein vornehmer Gast.«

Käthchen Erny, 7. August 1909, errang mit 17 bei einem Pfälzer Turnfest den 5. Platz. Auch heute noch bezeichnet sie den Turnverein 1898 e.V. Mannheim-Seckenheim, in dem sie seit 85 Jahren Mitglied ist, als ihre zweite Heimat. An der Turnhalle hat sie mit ihrem Ehemann, einem Zimmermann, selbst mitgebaut. Bei schönem Wetter radelt sie durch die Mannheimer Gärten, ansonsten setzt sie sich auf den Heimtrainer. Käthchen Erny glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod: »Da ist man tot und dann ist man halt nicht mehr da.«
Karsten Thormaehlen (*1965) studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign, bevor er als Art und Creative Director in New York, Hamburg und Berlin mit namhaften Fotografen wie Peter Lindbergh und Nathaniel Goldberg arbeitete. Seit 2003 ist er selbstständig mit eigenem Fotostudio und fotografiert viele international bekannte Künstler, Designer, Sportler und Filmschauspieler. Thormaehlen ist Mitglied im renommierten Bund Freischaffender Fotodesigner (BFF). Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet und in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, so z. B. im Fotomuseum Winterthur, im Kunsthaus Hamburg und im Frankfurter Zollamtsaal /MMK.
Mit hundert hat man noch Träume
Festeinband
24 x 30 cm
112 Seiten
36 Farb- und 59 S/W-Abb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-243-6
36 Euro
