10 Minutes Reading Time: Dumm und Dümmer

Wir lesen mehr
Selten habe ich eine Buchmesse erlebt, die so viel Aufbruchsstimmung und Todesangst zugleich zu verströmen scheint. Es ist verblüffend, wie schnell iPad, Kindle und Co. die Buchbranche in Aufruhr versetzen und einen spürbaren gesellschaftlichen Wandel zu bewirken scheinen. Tatsächlich ist der Niedergang der Lesegesellschaft natürlich ein Tod mit Ankündigung. Schon McLuhan nahm in den 60ern angesichts von Hifi-Anlagen und TV Abschied von der linearen Kommunikation. Norbert Bolz wärmte den Abschied von der Gutenberg-Galaxie später ebenso auf wie ausgerechnet Magazingestalter David Carson mit »The End of Print«. Dieser Exodus auf Raten wird mit jeder alternativen Medienform wieder aufgewärmt, sei es das Hörbuch, seien es die ersten Lebenszeichen des Internets als Massenmedium in den 90ern oder aktuell Tablet-Computer (die sich, kaum ausgereift, bereits alt anfühlen). Man kann dagegen anführen, dass heute mehr denn je gelesen wird: Das Web ist noch stark auf Text fokussiert, dessen Bandbreiten-Ansprüche geringer sind als 1080p-Video. Es wird mehr gelesen denn je – Facebook, Twitter, RSS, Blogs, eBooks und -Magazine. Und es wird – weil in vielen dieser Medien die Instant-Feedbackschleife längst normal ist – auch mehr geschrieben. Mein Lieblings-Tweet ist und bleibt »Riding my Bike!« – Quintessenz eines permanenten quasi-telepathischen Sendeverhaltens an die gesamte Welt (oder zumindest an die »Follower«). Auf der Haben-Seite ist zunächst also eine Folge der Digitalisierung, dass wir mehr lesen und schreiben als jemals zuvor.
Wir lesen anders
Aber natürlich haben Frank Schirrmacher und andere Buchkultur-Apokalyptiker recht: unser Leseverhalten ist fahriger geworden. Wir scannen Texte, vertiefen uns weniger, springen schneller ab. Auf digitalen Lesegeräten ist ein Buch mit 500 Seiten im Wettbewerb mit verdichteten Informationshappen, Podcast, Hörbuch, Video, Spiele, Web. Alles stets nur einen Swipe entfernt – das ist harte Konkurrenz. Das multimediale Nebeneinander macht es zur Herausforderung, dem digitalen ADHS zu widerstehen und in kratzbürstige Belletristik einzutauchen, dabeizubleiben. Diese Veränderung wird die Buchbranche verändern – ich würde eine Renaissance von Essays, Novellen und Kurzgeschichten vorhersagen, die den channelhoppenden Leseästhetiken entgegenkommen, den Leser besser bei der Stange halten und die mediale »Untreue« eleganter abfedern. Esquire hat bereits einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht und wer jetzt einen Verlag für Short-Story-ePubs gründet, hat wahrscheinlich gute Marktchancen. Aber auch wenn der Leser es schneller und härter, auf den Punkt braucht – das Comic Book sollte keine Steilvorlage für die Literatur sein. Ein Cliffhanger pro Seite, flache Charakterstrukturen, geringe Latenz zwischen Aufbau und Dénoument, Komplexität reduzieren statt narrativ schaffen – das ist die Architektur von zu viel traurigen Publikationen derzeit in einem Markt, in dem die »Twilight«-Serie globalen Erfolg hat und Thomas Lehr kaum gelesen wird.
Qualität gewinnt
Auf der anderen Seite glänzt vage der Hoffnungsschimmer, dass die Implosion der Lesegesellschaft auch Gutes hervorbringt. Denn als erstes erwischt es ja immer das Kanonenfutter. Die Krise der Buchbranche wird die großen Fillialisten-Ketten treffen, deren niedrige individuelle Beratungskompetenz, auf Massengeschmack setzende Programmpolitik und Verfügbarkeit von Titeln am ehesten durch Amazon und iTunes ersetzbar sind. Gleiches gilt für Verlage, die auf Me-Too-Bücher setzen. Die Buchcharts, die Buchmesse, die Buchhandlungen sind voll von primär Marktanteile sichernden Massenpublikationen, die Buchkonzerne setzen virtuelle Kleinverlage in die Welt, die dann präzise für kleinste Zielgruppen produzieren (Horrorteenieromanze-Titel) und denen es natürlich nicht um Literatur geht, sondern um Quartalszahlen. Der digitale Markt wird dieses Spielfeld verändern. Die echten kleinen Verlage, die leichtfüßiger agieren können, werden davon profitieren, dass eBook und SocialMedia auch ohne großes Budget einen überzeugenden Auftritt erlauben. Wenn die uns bevorstehende Schundflut (oder sind wir schon mittendrin?) als letztes Aufbäumen alter Strukturen abebbt, werden es hoffentlich die kleinen Buchhandlungen und die kleineren Verlage sein, die die kommende Umbruchphase überleben, weil sie weniger orientierungslos sind und ihre Existenz oft auch ohne oder sogar wider ökonomische Vernunft beibehalten werden. Diese spezielle Unvernunft wird sich langfristig auszahlen. Es mag paradox sein – aber die bevorstehenden schwarzen Jahre der Printgesellschaft sind Goldgräberzeiten. In den USA zeichnet sich bereits ab, dass kleine Verlage mit klarer Spezialisierung und guten Autoren exzellent agieren können und eine solide »Fanbase« aufbauen.
Renaissance des Wertigen
Es mag grenzenloser Optimismus sein, von einer neuen Kaffeehauskultur zu träumen, die digital energetisiert ist, aber vergessen wir nicht, dass die 20er Jahre für die Literatur ein Goldenes Zeitalter waren – und ähnelt unsere Gegenwart nicht zunehmend genau dieser Ära? Wer sagt, dass nicht gerade die Flut an Müll, die miesen Bücher, die sich selbst verdummenden Radiosender, das grassierende um die Wette tiefer gelegte Niveau nicht in einer Gegenbewegung mündet, in einem Hunger nach Qualität – nach guter Musik, guten Filmen, guten Büchern? Wir sehen diese Tendenz in anderen Bereichen ja längst. Dieter Rams »Weniger, aber besser« ist die verbindende Klammer, die immer weitere Teile der Gesellschaft erfasst (die sich hier vielleicht sogar unbewusst auf einen globalen Shift hin zu mehr zwangsläufiger Bescheidenheit in der westlichen Hemisphäre vorbereitet). Statt H&M eben maßgeschneiderte Anzüge, die über Jahre taugen, Selvedge-Jeans, die man monatelang eintragen muss oder brettdicke Lederjacken zum Vererben, statt Ikea aufgearbeitete Vintage-Möbel aus den 60ern oder alten Industriehallen… es scheint, als würde die Loslösung von der Wirklichkeit, die wir durch das uniquitäre Net erleben, simultan den Wunsch nach »Echtheit« und Langfristigkeit nähren. Man weiß handgeschriebene Geburtstagswünsche eben mehr zu schätzen, wenn jeder bei Facebook mit zwei Klicks allzu einfach gratulieren kann. Wenn alles leichter (und damit gesichtsloser) wird, gewinnt das Schwierige an Wert. Japan – wie immer das Land der Zukunft – ist uns in der Wertschätzung für diese Dinge weit voraus und betreibt seit zwei Dekaden eine otakuistische Renaissance handgefertigter Kleidung aus hochwertigen Materialien. Die Wertschätzung solcher Details ist natürlich immer auch ein Distinktionsversuch – Bordieus feine Unterschiede lassen grüßen. Es ist logisch, dass die breite und somit billige Verfügbarkeit von High-Tech-Digitalkram bei Early Adopters eine reaktive Abkehr von diesen Technologien bewirkt. Der Trend zum Army-Style, die explodierenden Preise bei Vintage-Armbanduhren, die Wiederkehr von Leder und Jeans in hochpreisiger Luxusqualität, Letterpress und andere alte Drucktechniken als Antwort auf Flyeralarm-Lowbudgetdruck und »papierlose« Kommunikation darf man auch als Abwendung von der Massenproduktion, hin zur Manufaktur und zur »guten, alten« Zeit verstehen – es ist zugleich eine gänzlich nostalgiefreie Suche nach Authentizität, die sich hier niederschlägt, eine Müdigkeit mit dem Turbotrash, der von der chinesischen »Werkbank der Welt« bei uns niederprasselt, eine Sehnsucht nach Dingen, an denen man sich länger festhalten kann. Diese Renaissance von »Beausage«-Objekten wird auch das Buch als Objekt der Begierde unweigerlich erfassen. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich vorhersage, dass das Taschenbuch und der Alles-für-jeden-Buchhandel langfristig verschwinden wird, während Erstausgaben mit tollem Einband und wunderbarem Papier (und ebensolcher Typographie) ebenso aufblühen werden wie die kundennahe Spezialbuchhandlung mit Vor-Ort-Beratung, gutem Kaffee und einer liebevoll gepflegten Online-Präsenz.
Dumbing down
Es gibt eigentlich nur zwei desaströse Arten, auf Wandel zu reagieren. Die eine ist, gar nicht zu reagieren, die andere – schlimmere – ist, überzureagieren. Im Wandel der Lesegesellschaft erleben wir das jeden Tag. Egal aus welcher Branche die Auftraggeber kommen – ganze Bücher werden im Spiegelstrich-Stil verfasst, einer Art Powerpoint-Pidgin-Deutsch, Texte sind so angelegt, dass förmlich nach jedem Satz ein Ausrufezeichen steht, in Anzeigen, auf Plakaten oder auf Umschlägen kann es gar nicht laut genug zugehen, es werden auf die eigenen Publikationen noch Störer gesetzt. Als Reaktion auf das sprunghaftere Lesen, die immer kleiner werdende Aufmerksamkeitsspanne, wird am Volumenregler gedreht. Kann die Schrift größer? Die Headline brutaler? Text kürzer und 16 pt? Can we dumb this down? Verständlich, wenn viele Rezipienten beim Lesen von eMail gar nicht mehr über die Titelzeile hinausgehen. Was für ein seltsamer Unterschied zur Werbung der 50er und 60er, deren Copy oft klein und vor allem viel war und die oft in phantastisch ausschweifenden Erzählungen ein Produkt anpries. Sind wir in nur fünf Dekaden so viel dümmer, so viel beschleunigter geworden? Ich glaube nicht. Was ich allerdings glaube ist, dass es einen Teufelskreis gibt, in dem die Macher an die Dummheit ihrer Zielgruppe glauben und diese bedienen, wodurch die Zielgruppe unweigerlich dümmer wird, woraufhin die nächste Generation von Medienproduktion wieder etwas dümmer werden muss, und so weiter ad nauseam. Wie es auch in der Bildung diesen Teufelskreis nachlassender Anforderung gibt. Und offenbar gibt es ja auch tatsächlich einen Mainstream, der »dumbed down« konsumiert, dem Musik und Filme gar nicht bräsig genug sein können. Das Problem ist nur: Diese Zielgruppe liest nicht. Sowieso und generell nicht. Oder nur ausnahmsweise. Ansonsten wartet sie auf den Film zum Buch. Die Frage ist nur, ob man sich diese Zielgruppe zu eigen machen sollte, wenn die eigenen Angebote das nicht wirklich unbedingt verlangen. Genauer: Sind die »Bildungsungewohnten« die Abnehmer, so muss man natürlich professionell Wege finden, deren Sprache zu sprechen (und auch das geht mit Stil). Roller ist anders als Vitra, keine Frage. Deswegen müssen Kommunikationsdesigner immer zugleich auch gute Anthropologen sein, Meister des Mimikry. Der Haken: Jede Zielgruppe nimmt wahrnehmbares »Dumbing Down« krumm, selbst die härtesten Kulturdefizitäre haben ein feines Ohr dafür, ob etwas »echt« klingt oder sie nur von oben herab angeschleimt werden. Wer für Jugendliche wirbt, beherrscht also entweder bis auf das i-Tüpfelchen deren spezifische Codes oder vermeidet sie besser konsequent ganz. Hinter dem Ansatz, Texte und Design »einfacher« machen zu wollen, steckt oft eine versteckte oder unbewusste Herablassung gegenüber dem Empfänger der Botschafter – und diese Haltung ruiniert vom ersten Moment den Erfolg der Kommunikation.
Smarting up
Gutes Design versucht also, egal, für welche »Schicht« es gedacht ist, diese zu bereichern, nicht zu verdummen. Gutes Design hat einen Bildungsauftrag – und in diesem Kontext ist Text elementar. Das Buch ist das einzige Medium, das dich nach oben ziehen kann, dir die Hand reicht. Allein der Akt des Lesens bildet, erweitert den Horizont, die Buchgesellschaft ist eine Kette vererbten Wissens, von Second-Hand-Erfahrungen, die man sich unmittelbar aneignen kann, von fremden Leben und Ideen, in die man eintaucht. Während die Sprache des Films sich während des Sehens selbst erklärt und der Betrachter auch komplexere Techniken intuitiv ohne Vorbildung verstehen kann, ist Lesen immer mit einer höheren Lernkurve verbunden. Vom Lesen-Lernen in der Schule bis zur hermeneutischen Textanalyse, ganz zu schweigen von der mentalen Leistung, aus einer Handvoll Buchstaben einen lebendigen Kosmos von Charakteren und Situationen entstehen zu lassen. Der Reiz von geschriebener Texte liegt genau in dem sehr hohen Payoff dieser Lesearbeit, an der intellektuellen Tiefe und emotionalen Nuancierung, die andere Medien in dieser Kompaktheit nicht so kompromisslos hinkriegen, auch nicht als unmittelbaren Dialog zwischen Autor und Leser ohne nennenswerte Mittelsmänner oder Eintrübungen.
Wenn wir also dem Aufkommen der neuen Wertschätzung für Qualität als Designer lernen wollen, so betrifft das nicht nur eine Auseinandersetzung mit Typographie, Haptik und Inszenierung, sondern auch den Kern von Design, den Inhalt. Bei uns ist es interessanterweise längst Alltag, dass wir weniger über Grafik und mehr über konzeptionelle und textliche Inhalte diskutieren, gegen falsche Verknappungen ankämpfen, für gute, eben lesenswerte Texte kämpfen. Denn Texte werden nicht durch Powerpointifizierung lesbarer, sie klingen nur nach einer schlechten Bedienungsanleitung – und die will nun wirklich niemand lesen, die Verkürzung sabotiert also die Absicht des Senders. Und Störer heißen so, weil sie stören – will man das wirklich im eigenen Auftritt? Sinnvoller ist es, an Überschriften und Texten zu feilen, bis sie an sich ungestört erfolgreich funktionieren, bis der Empfänger sie lesen will, sich angesprochen fühlt und freiwillig am Ball bleibt, bis Botschaft und Form eins sind. Was ein guter Roman schafft, sollte für Marketing und Design nicht unmöglich sein, oder?
Print ist also keinesfalls tot, aber die Welt von Magazinen, Büchern und Broschüren wird sich ändern. Egal ob analog oder digital, der Markt wird schrumpfen. Es wird weniger, aber schönere Publikationen geben und für Designer wird es weniger, aber intensiver zu tun geben, weil die Aufgabe des Qualitätsmanagements in Projekten mehr und mehr in unseren Bereich fällt. So wie gute Typographie einen Text erst lesbar macht, ist guter Text an sich der Dreh- und Angelpunkt im Designprozess. Als Designer ist man also nicht nur ein (Co-)Autor, sondern auch ein Leser, der den Text entgegen so vielen Beispielen in der Branche nicht als Grauwert betrachtet, sondern als eine der wichtigsten Waffen, die wir in unserem kommunikativen Arsenal haben. Das Erfolgsrezept von Morgen ist das von Gestern: Kluge Auftraggeber, die kluge Gestalter beauftragen, für eine als klug eingeschätze Zielgruppe kluges Design zu produzieren – und alle haben Spaß dabei.
Kolumne von HD Schellnack
Kommentare
Gut, sehr gut. Ich lese gerade „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Je mehr ich lese, umso weniger möchte ich den Film (der Film soll sehr gut sein) sehen, weil ich mir nicht diese Bilder kaputtmachen möchte.
Die Stelle mit der „Hand voll Buchstaben“ ist sehr schön. Was man aus ein paar Buchstaben machen kann.
Deshalb haben die Nazis auch Bücher verbrannt.
Lesenswert. Danke.
e
Ich geb’s zu: Habe alle meine Bücher seit 2007 digitalisiert und vermeide den Kauf von holzhaltigen Leseprodukten. Wenn’s geht wähle ich den digital download. Und es ist ein gutes Gefühl 300kg Drucksachen immer voll durchsuchbar von meinem Server »dabeizuhaben«.
Vielleicht wechseln nicht die Inhalte, sondern nur die Container?
Stefan (hallo, du hörst bald von mir, sowieso :-D), mir geht’s auch so. Comics, Bücher, Musik – alles digital und ich verzweifele an den Grenzen des legalen in diesem Bereich mehr als mir lieb ist, wenn etwa akut SRS MyTunes DRM-geschützte Musik, die legal bei iTunes gekauft wurde, nicht durch den EQ jagen darf oder ich ein DRM-eBook nicht verleihen kann.
Dennoch, wo ich gerade akut eine Publikation mit traumhaften Inkunabeln setzen durfte – Papier hält. Beim Börsenblatt gab es heute einen Text zu «antiquarischen» eBooks. Die nämlich werden sich nur dadurch als alt kennzeichnen, dass du die nicht mehr lesen kannst, weil die Hardware nicht mehr existiert. Ich bin ein großer, großer Fan von eReading – aber für das Buch spricht natürlich eine ganze Menge, wie zB 500 Jahre Kulturgeschichte :-D. Meinen Brockhaus von 1896 kann ich jederzeit aus dem Regal nehmen und lesen – meinen Langenscheidt – PC Brockhaus von 1997 hingegen kann ich natürlich total vergessen :-D, ebenso wie die zig anderen Produkte, die zwar auf dem Mac unter «Langenscheid office» irgendwie laufen, aber nahezu unbrauchbar sind, weil die Software nicht gepflegt wird.
Digital bedeutet eben, dass es permanent gepflegt und upgedated sein wird. Ein Buch steht im Regal, ein ePub wirst du ab jetzt und für immer konvertieren, befürchte ich. Ist bei Musik ja auch schon so :-D.
Kulturdefizitäre ist jetzt mein neues lieblingswort!
wir sehen bei fast allen unseren kunden diese mentalität. wir sind aufgewachsen mit pessimisten, die uns eingetrichtert haben, wir sollten immer mit dem schlimmsten rechnen und ja immer alles möglichst trottelsicher machen — DAU. Aber wir sind positiv überrascht von unseren eigenen Erfahrungen.
1. Norbert Bolz in eine Reihe mit Macluhan zu stellen ist entweder tief reaktionär und Absicht daher oder echte Unwissenheit, da kann man auch noch hundert mal so bemüht und ernst aus dem Foto schauen und so tun, als hätte man etwas wesentliches verstanden oder würde es kommentieren, das sieht haarscharf nach etwas bemühtem Name dropping aus und Bolz ist wirklich nur gruftig in seiner durchgängig Wirtschafts-, wie Verwertungs-affirmativen, r-echten Dauer-Posen, immer nur.
Und seit 2000 wird vom “End of print” geschwafelt allerorts in D-Land der Hauptregion der brutalsten inhumanen, Profit orientierten (hier immer noch allseits gehuldigten) Verwertung und Geschäftemacherei auf Kosten des restlichen Europas und der Welt und was ist real zu sehen, so viel überflüssige, verblödete Zeitungen und Zeitschriften (allein zwölf Titel mit “Freizeit” in der Headline, ..) wie nie am Kiosk, also ? Die Antwort darauf? Und 100.000 publizierte meist Sinn wie gehaltlose Bücher jährlich in Täuschland, ist das etwa nichts?
Soll das wieder so ein bemüht abgebrühter, verständige Blog-Artikel sein von Leuten, die Tendenzen bemüht bearbeiten und vorantreiben wollen, aber die reale Situation, trotz vieler affirmativ erbrachter Stunden auf der Buchmesse, kaum erkannt haben?
Achja und “Tweet followen” ist neuerdings “lesen”, wie bitte?
Um was geht es denn in Texten wirklich, um stupides “Entertainment” oder Vermittlung von Tatsachen und Grundlagen, die einen wirklich “im Geiste” wachsen lassen und weiter bewegen, anstatt als Konsument von allem dahin zu dümpeln, NEU -NEU -NEU – KAUFEN -KAUFEN -KAUFEN?
2. Zitat:
“Die Krise der Buchbranche wird die großen Fillialisten-Ketten treffen, deren niedrige individuelle Beratungskompetenz, auf Massengeschmack setzende Programmpolitik und Verfügbarkeit von Titeln am ehesten durch Amazon und iTunes ersetzbar sind. ”
Geht es noch weiter, was wird sich denn hier zusammen phantasiert? Die Filialisten die mit enrsthafter Verwertungsgewalt sich bemüht haben die lebendige Struktur an ausgewählten Buchläden in Deutschalnd zu einem uniformen Thalia Gleichnis werden zu lassen und dabei jede ernsthafte Kultur beseitigt haben, werden wieder verschwinden? Ahso, und was bleibt dann übrig ? Kommen danach etwa passend zu den gigantischen, Kilometerlangen Amazonen Lagern, die Amazonen Kaufhäuser in die Städte gewabert, um das auszugleichen, müsste nicht davor gewarnt werden eher, als dies mit smartem “Kenner blick” herbei zu komplementieren und sich wunderbar chic und hip dabei zu fühlen??
3. Zitat:
“Dieter Rams »Weniger, aber besser« ist die verbindende Klammer, die immer weitere Teile der Gesellschaft erfasst” ,..aha?
Eigentlich kommt dieses bonmot aus dem Englischen und heißt exactly, “small is beautiful” und wurde hervorgebracht einst von E. F. Schumacher, der jedoch eher ein Vermittler von Kultur, Veränderung, echter Lebensqualität, Bescheidenheit und politischer Gestaltung war und kein schnöder auf Massenkonsumismus und entsprechenden Profitziele der Geldscheiaristokratie abgerichteter Nobel-Ästhet wie “Herr” Dieter Rams.
Übrigens “Bourdieu” und nicht “Bordieu”! = boredom?
Und für die hunderttausend Designer und andere bald vergessenen, da joblosen Mediengestalter wird es in Deutschland also weniger zu tun geben und drei Viertel davon werden kellnern oder in die prekaritative Subkultur abdriften. Und ohne Kulktur dahin dämmern dürfen, in diesem einseitgen Wettberwerbs und auf blinden Nobelkonsum, gutes Aussehen und Scheinbildung versessenem Deutschland, das sich nur so lange noch weiter von jeglicher Kultur entfernen kann, in kompletter Ignoranz seiner realen Abgründe, so lange es nicht erkennt in seinen biederen Saubermänern (s.o) das wir weder überhaupt in einer Hochkultur leben noch geselschaftliche Konflikte bereinigt sind, sondern eher weiter aufbrechen werden und daher diese schmale Zeit der Schnösel nur ein Zwischenhoch gewesen sein wird und der Frühlingshauch vor dem endgültigen Zusammenbruch dieser real üblen wie unseligen Angeber und Geld befeierten, hohlen Status und Masken Kultur sein könnte, …
Herrlich to the point! Nur die zu lange Zeilen in Helvetica boykottieren die Hinweise auf gute Typografie :-)
Ohne ernsthaft auf die vorletzte Antwort einzugehen, zwei Sachen, die vielleicht doch sinnvoll sind:
Die Texte hier sind keine hochwertigen Essays, es sind Blogbeiträge. Es läuft fast immer so, das Patrick mich ordentlich vorwarnt, ich ab- oder zusage und dann ist es wie Weihnachten und plötzlich doch keine Zeit und der Text entsteht ad hoc in Minuten oder Stunden, inzwischen meist am iPad, was auch die Tippfehler und die Richtung wechselnden Guillemets erklärt. (iA Writer macht »« am iPad, ich gebe am Desktop meist automatisch «» ein ;-).) Entsprechend ist der Text zu werten – eine Momentaufnahme. Das stand so früher auch mal immer drunter, hat die Reaktionen aber auch nicht gebessert :-D. Also: Lässig bleiben :-D.
Und das Photo ist nach einer Photosession für Bilder einer Freundin entstanden, mehr aus Spaß. Da ich aber ansonsten keine aktuellen Bilder habe, nahm ich eins davon – und was in der Antwort als «bemüht und ernst» bezeichnet wird ist einfach: a) todmüde und b) «ist eh nur Lichttesterei». Und genau so Bilder nimmt man dann am Ende irgendwie doch. Aber immer noch besser als ein altes Bild aus 2007 mit der Resthaar-Frisur :-D Photos von mir sind aber auch immer furchtbar.
Der Rest – ich hab versucht, das zu verantworten, auch wenn ich weiß, dass man Trolle ja nicht füttern soll, aber am Ende (vielleicht ist der Kommentar beschnitten worden) gab es nichts, was wirklich als Punkt zustandekam, den ich entgegnen konnte, weil die Kommentare nichts mit dem Text zu tun haben, sondern auf Triggerpunkt anspringen. Da steht dann Bolz und es geht um die persönliche Abneigung des Schreiber auf diesen Autor und was kann ich da sagen außer – ich mag den. Da geht es gegen Dieter Rams, der gedisst wird, und was kann ich da sagen außer – ich mag den. Und dann werde ich halt etwas persönlich angegriffen, was ich von Leuten, die mich nicht persönlich kennen, seltsam finde und was mir die Lust am Gespräch vergällt.
Dann gibt es Abschweifungen, die eigene Artikel wert sind, wie das neue Kreativproletariat, das kann man nicht in Kommentaren abarbeiten, zu umfassend – und ich verweise da gern auf den sehr viel bessere Text von Metaphasen in der Form. Das ist inhaltlich spannend, ist aber ein Dampfer gegen das kleine Textfloß von mir :-D. Als würde ich über ein Fußballspiel schreiben und ein Kommentar geht auf den Niedergang der westlichen Kultur im Ganzen ab.
Und ansonsten muss man entweder Kulturoptimist sein oder Kulturpessimist und da wird man sich wahrscheinlich nicht wirklich zusammenfinden, sorry, ich bleibe inzwischen gerne wegen und trotz allem Optimist.
Bedrückend finde ich auch immer Texte, die Bescheidenheit preisen und sich gegen «Schnösel» verwehren und dann eine einzige Wutwürgerei sind, voller Angriffe und Ausfälle und aggressiver Impulse, die bedrückend sind. Das hat mit «Class» und Bescheidenheit eben nichts zu tun, tut mir sehr leid.
Ich mag Kritik und Diskurs immer sehr sehr sehr viel lieber als «toll», aber wenn es diese Form annimmt, ist das deprimierend, tschuldigung :-/. Können wir nicht positiver drüber reden?
HD, die Guillemets passen wir an und zwar in die »bla« Richtung :-)
Wenn noch andere drin sind, dann haben wir gepennt….
Das Lesen verändert sich. Das Geschrieben ändert sich und die Märkte von Geschriebenem ändern sich. Das ist doch ganz normal. Die Welt ändert sich permanent und das ist gut so. Warum sollten wir das aufhalten wollen? Wir machen unsere erfahrungen und lernen draus oder auch nicht.
Sehr lesenswert. Danke dafür.
Viele (mich nicht ausgeschlossen) geben für die Adjektive “leicht” & “schnell” das “gut” & “tiefgreifend” auf.
Insgesamt vielleicht etwas zu bedeutungsvoll aufgeladen (woran sich dann auch tatsächlich noch jemand unverhältnismäßig dran “aufgeilt”), für die inziwschen doch schon banale Erkenntnis: Qualität wird sich durchsetzen. Trotzdem kann ich dem Text viel abgewinnen, da ich die positive Grundstimmung, sehr teile.
Print ist keinesfalls tot, wird sich aber verändern, weil sich das Lesen verändert. Momentan versuchen sind die ganzen eBooks doch schlecht simulierte Bücher. Inzwischen gibts da glücklicherweise immer öfter ein Qualitätsbewustsein. Man fragt sich zunehmend, wie kann man die Buchtexte besonders gut auf digitale Endgeräte transormieren kann. Nur bleibt das der falsche Weg. Die eigentliche Frage sollte lauten: Wie müssen Texte geschrieben, strukturiert, gestaltet und alles zusammen sein, um auf den Tablets zu funktionieren? Solange man im Konvertierungsmodus bleibt, wird man nie das Potenzial der Endgeräte ausschöpfen. Besser wäre noch die Frage: Wie sollte man Inhalte, die ursprünglich in Büchern über die Texte vermittelt wurden, über diese neuen Endgeräte vermitteln? Wahrscheinlich nicht als Text oder nicht nur oder vielleicht doch. Das muss dann aber von Fall zu Fall entschieden werden.
Um den Bogen nach meinem Abschweifen wieder zurück zum “Print ist keinesfalls tot” zu bekommen: Tablets werden mit Sicherheit nicht das Buch ersetzen. Das Problem der Verlage ist doch aber eigentlich gar nicht das neue Endgerät, das sie nicht verstehen, denn sonst würden sie nicht probieren, es in das alte Endgerät, das Buch, zu verwandeln. Das Problem ist doch eher, dass die Verlage in ihrer ursprünglichen Form überflüssig geworden sind. Denn eigentlich braucht man dank der ganzen digitalen Möglichkeiten als Autor den Verlag überhaupt nicht mehr. Von daher ist die spürbare Todesangst durchaus berechtigt. Denn selbst wenn man sich als Autor entscheidet, dass es die Buchform sein soll, in die die eigenen Gedanken gegossen werden sollen: Wozu ist der Verlag gut? Die Fertigungs- und Distributionshoheit haben die Verlage längst verloren. Was bleibt ist der Verlag als Marke, als Art Qualitätssiegel. Und das führt hoffentlich zu besseren Büchern oder Printerzeugnissen generell. Nicht nur gestaltet, sondern vor allem auch inhaltlich.
Liebe Grüße,
Björn
Ja sicher,
Bloginhalte hoch gepuscht, soll man entschuldigen, da sie halt schnell hingeschrieben wurden und sonst nur lokale, beiläufige, wie unverbindliche Statements seien, ja sicher.
Und wenn mal etwas „Ernster“ genommen wird, dann lehnt man sich bequem im Polster beim Martini zurück und wiegelt ab, weil es ja nur ein Spass war und man kenne mich ja gar nicht und wisse daher doch nicht, wie ich wirklich denke, das ist ja schon paranormal in der bemühten Vorhersehbarkeit der Scheinargumentation, .
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Genau diese Haltung hat historisch gesehen, besonders in Deutschland = Täuschland immer wieder zu Mitläufertum und gebügeltem, angepasstem, auch gerne tariflich bezahlten Nichtdenken geführt , bis irgendwann nichts mehr ging und Kunst und Kultur danieder liegend, nur noch brutal verhöhnt werden konnten.
Aber ähnliches findet in manchen Nichthaltungen schon heute statt. Es gibt kaum ein sogn. Kulturland, das eine dermassen verkommene Bildersprache pflegt wie Deutschland. Es gibt kaum ein Land, in dem dermassen abgehoben konsumistisch, formal kommrziell betont, diskutiert wird, ohne ernsthafte, humanitäre Fragen auch nur noch anzugehen oder anzudenken.
ZU einem vordergründig ernsten Gehabe verpflichtete Kommentatoren gefallen sich darin, auf dem Mainstream mit zu surfen, dabei gut zu verdienen und macho-cool irgendwo abzuhängen, um nur noch dabei sein zu dürfen. Nebenher in der Lounge zu texten (Belanglosigkeiten?) und allem affirmativ beizupflichten, damit ihnen möglichst keine wichtigere, geschäftliche Chance entgehen möge. Dabei verwässert sich der Inhalt ihrer gedroppten Dafürhaltungen stellenweise bis zur Ereignislosigkeit.
Es gibt in deren stellenweise an behördliche Massnahmen erinnernde Belobigungen, jedoch immer weniger gelebte Solidarität, kaum echter Kunstverstand, noch wirklich notwendige, energisch orientierte Zivilisationskritik.
Sondern sie gefallen sich im blanken Mitläufertum ohne echtes Engagement.
Es wird nur noch „so getan“, geposed abgewiegelt und dabei ist eine zynische Figur wie Bölz ebenso archetypisch willkommen, der groß-tönend Kolumnen schwer so schreibt, als seien “wir” und dieses Land am Ende der gelobten, kommerziell begradigten, allseits auf Profit-ausgerichteten Kultur Geschichte angelangt. Einer Epoche n der man sich möglichst nur noch über beflissene Konsumabsicht und normierte Status-Kultur Gedanken machen dürfe. Alles sei gesichert udnhermetisch abgesichert. Zäune im Kopf wie am Grundstück und neben der Bahn.
Da es doch allen „gut gehe“ (in der Elite), zu der jede/r passend sein möchte, in der alles kommerziell ausgerichtete akzeptiert und hohle Verwertungs-Masse und daraus hervorgehende Profite prall wie wanghaft gepriesen und schön geredet werden, als seien nur sie Symbole echter Hoch-Kultur und echtem Er- Leben:
Es ist schon arglos wie sich manche herauswinden, aus jeglicher humanen Mit-Verantwortung für eigene „schnelle“ Texte, und die wenigen, die ihnen noch widersprechen als Trolle abqualifizieren d.h. sich echtere Auseinandersetzung von ihrem Rössle hoch herunter, verweigern.
Es ist erstaunlich einfach, Seiten-lang den HERRschenden und ebenso BeHERRschenden industriell proklamierten „Status quo” abzufeiern, dabei nur an der Oberfläche zu denken und sich in politischer Total-Apathie zu gefallen. Wie ist es denn mit Matthias Horx, ist er nicht ebenso ein wichtiger und fortschrittlicher Denker, den man ganz vorneunbedingt mit erwähen und abfeiern sollte, ..?
ein PS, obwohl ich das vielleicht besser im eigenen Blog auswalzen sollte:
Ich war am Freitag in einer Buchhandlung in Dortmund – sehr empfehlenswert, transfer, deren Design von den nonstopnerds-Kollegen kommt und die neben einem kleinen Gestaltungsschwerpunkt auch normales Sortiment anbietet. Und nach ein paar Minuten in den hellen modernen Räumen, Regale und Tische voller schön ausgesuchter Titel, wird dir klar, dass der Buchhandel, richtig gemacht, digital nicht zu ersetzen ist. Während Musik schneller konsumierbar ist, ist ein Buch nur durch Empfehlungen (und Cover) und etwas anlesen zu begreifen. Und da bieten iTunes und Co einfach nicht das gleiche wie ein Laden, der vorweg kuratiert. Ich habe nur im Vorbeigehen eine ganze Handvoll Bücher – Sachbuch, Krimi, Design-Coffeetable – entdeckt, die mich angesprungen haben. Das kann kein Online-Store der Welt, vor allem nicht, wenn Sie nur Großverlage featuren.
Seltsamer Zufall, dass ich am Tag danach in der Esquire den A Thousand Words Essay über Autoren gelesen habe, der nicht völlig fundiert, aber mit Liebe den Boom des Schreibens feiert.
Solange die Branche nicht in Suizidstimmung kommt, muss sie nicht pfeifend durch den Wald gehen.
