Die Welt der Agenturen – Teil 3

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Praktika

Nach den Unruhen und Protesten der späten nuller Jahre ist es heute in Deutschland unmöglich, ein Praktikum ohne die direkte Verbindung zu einem Ausbildungsgang zu absolvieren. Nach dem Studium bist du eine vollwertige Arbeitskraft, dir sollte der gesetzliche Mindestlohn gezahlt werden, und die Lernphase zu Beginn dieses neuen Beschäftigungsverhältnisses nennt man Einarbeitung. Diese abzutrennen, als Praktikum zu bezeichnen und mit einer Aufwandsentschädigung (wenn überhaupt) zu entgelten, ist verboten. Du hast ja sowieso eine Probezeit! Die, nebenbei bemerkt, von einigen Scheißagenturen ausgenutzt wird, um einen ständigen Hire-and-Fire-Nachschub zu gewährleisten (so werden die großen, ach so guten Agenturen ihren Überschuss an Junioren los). Dankenswerterweise hat das Social Web mit Plattformen wie das schon genannte kununu.com eine Möglichkeit geschaffen, sich im Vorfeld über ein derartiges Verhalten des möglichen Arbeitgebers zu informieren. Hire-and-Fire-Agenturen werden dort zu Recht gebrandmarkt.

„Das Prinzip nennt sich up or out, da es aber nur eine begrenzte Menge von up-Möglichkeiten gibt, ist out die häufigere Alternative.“

Praktika dienen dem Kennenlernen des Berufsalltags. Jedes Bundesland, sogar jede Hochschule hat eigene Regelungen und Anforderungen an Praktika, die dann aber doch mehr nach dem Aspekt Wo klappt es? als Wo ist es am besten? organisiert werden. Sie sind nicht besonders lehrreich (in vielen Agenturen und Designstudios werden die Praktikanten als eine Art freiwillige Jugendarbeit angesehen – und wenn die Auslastung durch Jobs zu intensiv ist, fällt das Praktikanten-Coaching als Erstes über Bord). Ein wirklich so zu nennendes Programm für Praktikanten haben nur wenige, sehr gute Agenturen/Studios, die deshalb auch auf Jahre hinweg ausgebucht sind. Bei den meisten anderen Läden ist die Praktikantenbetreuung im besten Fall gutgemeintes Zuguckenlassen mit ein paar Beschäftigungstherapiestunden nebenher.

Rechte und Pflichten von Praktikanten

Arbeitszeit: Es gilt die Regelarbeitszeit von acht Stunden täglich. Diese kann, wenn es nötig ist, auf bis zu zehn Stunden erweitert werden, dafür muss aber zeitlicher Freizeitausgleich geschaffen werden (Überstundenregelung). Mindestens eine halbe Stunde Pause steht dir pro Tag zu. Der nächste Arbeitstag darf erst 11 Stunden nach der Beendigung des letzten Arbeitstages beginnen. Arbeit an Samstagen, Sonntagen, Feiertagen muss innerhalb der nächsten zwei Wochen mit freien Tagen ausgeglichen werden. Urlaub richtet sich jahresanteilig nach den Urlaubstagen des Standardarbeitsvertrages, mindestens aber 1⁄12 von vier Wochen pro Jahr: also bei einem dreimona­tigen Praktikum eine, bei einem sechsmonatigen zwei Wochen.

Entgelt: Da ein Praktikum zur Ausbildung gehört, besteht eigentlich kein Anspruch auf eine Bezahlung. Wer kein absolutes Schwein ist, zahlt allerdings eine Unterhaltsbeihilfe oder Aufwandsentschädigung, die zwischen 150 und 1 500 € (brutto) liegt – Maßstab dafür sind die Mehraufwände des Praktikanten gegenüber seiner bisherigen Ausbildungssituation (zum Beispiel Pendeln zum weiter entfernten Praktikumsplatz) und das schlechte Gewissen des die Praktikanten doch für reguläre Arbeiten einsetzenden Arbeitgebers.

Kündigung und Abbruch: Es besteht kein Kündigungsschutz, andererseits darf aber auch der Praktikant sein Praktikum jederzeit abbrechen – in beiden Fällen ist eine formale Kündigung notwendig, es ist absolut nicht akzeptabel, mit einem Geh mir aus den Augen davongejagt zu werden oder einfach bei null Bock nicht mehr zu erscheinen. In jedem Fall solltest du vor Kündigung oder Abbruch ein Gespräch mit der Betreuungsperson führen.

Die Einführung des Master- und Bachelorstudienganges anstelle des Diploms hat auch bei den Praktika aufgeräumt. Wo es von den Fachhochschulen und Hochschulen gefordert wird, hat es die Form von Praxissemestern, die ihren festen Platz zwischen den Studiensemestern haben: Das Herumgehechele mit Vor- und Fachpraktikum, die irgendwie in die Semesterferien gestopft werden müssen, gibt es nicht mehr. Zum Glück! Die meisten Agenturen und Studios wollen lieber Leute, die (mindestens) ein halbes Jahr bei ihnen verbringen; darüber hinaus ist es für die Praktikanten wirtschaftlich interessanter, länger zu bleiben, vorausgesetzt, die Bezahlung stimmt – bei einem halben Jahr Arbeit muss eine Agentur schon sehr menschenfeindlich sein, wenn sie da nur eine minimale Entschädigung zahlen möchte. Schließlich verhindert der Achtstundentag in der Agentur (erweiterbar auf zehn, siehe oben) effektiv die Ausübung von Nebenjobs wie Kellnern oder Taxifahren, mit denen man sich das Studium finanzieren muss.

Rechtlich gesehen müssen Praktika gar nicht bezahlt werden – aber dann darf auch keine richtige Arbeit mit festen Arbeitszeiten, Anwesenheitspflicht und Produktivität erwartet (oder im Vertrag festgeschrieben) werden. Durch diese Regelung ist beispielsweise das kurze Schnupperpraktikum von Schülern, die nur mit großen Augen in der Gegend herumsitzen, vom längeren Studentenpraktikum zu unterscheiden. Wie viel dir gezahlt werden muss, ist allerdings offen, und hier trennen sich die guten von den schlechten (auch zukünftigen) Arbeitgebern – ich kenne keine Agentur, die ihre Praktis wie Dreck behandelt und ihre Angestellten wie die Könige. Nein, wirklich keine.

„Wie viel dir gezahlt werden muss, ist allerdings offen, und hier trennen sich die guten von den schlechten (auch zukünftigen) Arbeitgebern“

Studenten, die bis dahin keinen hohen Praxisbezug in ihrer Ausbildung hatten, stehen in den ersten Tagen ihrer Praktikumszeit in den Gängen und im Weg der Beschäftigten herum wie die Rehe im Scheinwerferlicht. An den Hochschulen gibt es Semesterarbeiten, die 10, 12 Wochen umfassen: In den Agenturen gibt es oft nur drei Wochen Zeit für ein Projekt (und das ist schon komfortabel). Das schiere Tempo und die Intensität der Agenturarbeit sind ein Schock – den viele Praktikanten aber begeistert aufnehmen. Wöchentliche Korrekturen der Semesterarbeit? Hier sitzt dir der Art Director fast ständig auf der Pelle. Oder er erwartet, dass du ihm hinterherrennst, um ihm deine Ergebnisse zu präsentieren! Ich habe einige talentierte Gestalter gesehen, die nach dem Praktikum Danke für die Warnung sagten und sich doch lieber Karrieren in harmloseren Berufsgebieten zuwandten. Andere stürzten sich mit Feuer und Leidenschaft auf den Job und machten ihr Ding. Doch wie soll man Feuer und Leidenschaft aufbringen, wenn der Job zufällig gerade Flaute hat oder die Kunden nur langweiliges, langwieriges Zeug liefern? Das scheint so schwierig wie der Versuch, Quark in Brand zu stecken.

In jeder Agentur, in jedem Studio hat sich ein Projekt oder Projektansatz versteckt, dümpelt seit Jahren vor sich hin und wird von niemandem so richtig weiterverfolgt, weil die Ressourcen zu dünn sind oder die Dringlichkeit zu weit nach hinten priorisiert wird. Bei diesen Projekten handelt es sich meist um interne Projekte. Jedes Unternehmen ist überglücklich, wenn sich diese Projekte mehr oder minder kostenlos von selbst erledigen, sprich: Wenn sich die Praktis darum kümmern. Ob es dabei um ein Redesign der Geschäftsbriefe oder eine Überarbeitung des Agenturflyers, um neue Mitarbeiterfotos oder Türschilder handelt: Der Job kann noch so klein sein, ihn aufzuspüren und (möglichst kostengünstig) zu erledigen, sorgt für Aufmerksamkeit und Achtung. Das bedeutet nicht, dass du ihn in aller Heimlichkeit erledigen sollst, während niemand hinschaut – Kommunikation ist wichtig, und es ist nichts ärgerlicher, als einen wichtigeren und interessanteren Job für einen unwichtigen liegenzulassen – aber dieses Projekt könnte deines sein, und du veränderst damit die Agentur. Sage deinen Bezugspersonen, dass du ihn machen willst, dann gehe hin und mache dein Ding.

Rechte und Pflichten des Berufsanfängers

Arbeitszeit: Hier ist alles möglich zwischen 48 (das ist die maximale reguläre Wochenarbeitszeit laut Bundesrecht) und 36,5 Stunden, meistens sind es einfach 40. Die werden unscharf eingefasst durch Definition als flexible Arbeitszeit mit Überprüfung und Zeitkonto, ohne Zeitkonto, ohne Überprüfung, Kernzeiten, Gleitzeiten, Bürostunden, Überstundenregelungen. Flexible Arbeitszeit sieht meist entspannter aus, es verstecken sich dahinter allerdings gerne Überstunden ohne Ende für einen Freitag, an dem man mal um 16:00 Uhr nach Hause geht. Es gibt Agenturen, die mit Chipkarte und/oder Transponder deine Anwesenheit im Hause messen, allerdings sind immer weniger so paranoid darauf: Der Verwaltungsaufwand lohnt sich einfach nicht.

Was sich in allen Agenturen lohnt, sind Stundenzettel: Ob sie nun in Papierform (auch das gibt es noch) oder im Intranet (mit den absurdesten Zeiterfassungssystemen) geschrieben werden, die Füllung deines Arbeitstages mit sinnvoller Projektarbeit macht deinen Kundenbetreuer glücklich.

Urlaub: Der Minimalanspruch von Festangestellten liegt bei 21 Tagen im Jahr, je älter du bist und großzügiger der Arbeitgeber, können das auch 28–30 Tage sein. Arbeitgeber mit großzügigen Urlaubsregelungen stellen gerne hohe Anforderungen an die Übererfüllung der flexiblen Arbeitszeit; trotzdem kann es sich lohnen, hart zu arbeiten und lange Urlaub zu machen.

Kündigung: Während der Probezeit (maximal sechs Monate) hast du eine Kündigungsfrist von 14 Tagen; dazu zählen auch Wochenenden und Feiertage. Bis dahin aufgelaufener Urlaub wird dann sofort fällig. Nach der Probezeit sind verschiedene Modelle von monatlicher, dreimonatiger und vierteljährlich zum Quartal möglicher Kündigungsfrist drin; die Agentur hat nach der Probezeit mehr Interesse daran, dich zu behalten (während sie vorher die Option schätzte, dich wieder loswerden zu können).

Wie findet mich der Job, den ich suche?

Es gibt ein sagenhaftes Überangebot an Online-Jobbörsen, Suchmaschinen und Foren – allein die Agentur für Arbeit, die nun wirklich nicht Gefahr läuft, für umfassend informiert gehalten zu werden, hält eine Liste mit 36 verschiedenen Adressen bereit – ausschließlich für Kreative. Es gibt Listen und spezielle Seiten auf Facebook, Xing und LinkedIn. Es gibt sogar Papier, auf dem Zeitungen gedruckte Anzeigen für Jobs in die Welt setzen, neben den lokalen Blättern auch überregionale und ebenfalls auf kreative Leserschaft spezialisierte.

„Selbst in der Antwortmail auf deine Bewerbung steht gerne mal, du könntest ihnen ja auf Twitter folgen und sie auf Facebook liken.“

Die Problematik des Überangebots liegt nicht im Überangebot selbst, sondern in der Auswahl: Mit ziemlicher Arroganz gehen einige gute Agenturen davon aus, dass man die Karriereseiten ihrer Internetpräsenzen abklappert – Anzeigenschaltung in Foren und Medien ist unter ihrer Würde. Die meisten dieser Anzeigen werden über soziale Netzwerke (nicht nur die im Internet) sehr schnell sehr weit verbreitet und erreichen Ihre Zielgruppen besser als die anderer Arbeitgeber, die die konventionellen Wege gehen (müssen). Um von den Jobangeboten dieser Agenturen zu erfahren, wird die klassische Rollenverteilung herumgedreht: Nicht du bekommst ihre Anzeige zu Gesicht, du musst ein Fan werden, um die Jobinformationen nicht zu verpassen (und bekommst mehr als 99 % nutzlose Agenturpropaganda um die Ohren, bis einmal etwas Relevantes dabei ist). Selbst in der Antwortmail auf deine Bewerbung steht gerne mal, du könntest ihnen ja auf Twitter folgen und sie auf Facebook liken. Wahrscheinlich wirst du das sogar tun, es könnte ja sein, dass irgendjemand das überprüft. Nach zwei, drei Monaten ohne Meldung kannst du diese Social-Media-Egel problemlos wieder aus der Timeline kippen, dann meldet sich eh niemand mehr.

Auch bei den Marktplätzen wird oft der Spieß herumgedreht: Du musst dich registrieren, dich datenmäßig nackig machen, alles zeigen, ein paar besonders Unverschämte verlangen sogar für Premium-Accounts Geld. Nun, Letzteres kennt man auch von Xing und LinkedIn – Social-Media-Plattformen für Leute, die zu wichtig sind für gewöhnliche Social Media. Doch während Xing und LinkedIn wenigstens werbefreien Raum und ein paar echte Mehrwerte für ihre Services anbieten, gibt es bei den Bezahl-Jobbörsen nichts außer noch mehr irrelevanten Spam von Bots, die den Managing Director und den Art Director nicht auseinanderhalten können. Und du bezahlst sie dafür, dass du ihnen alle deine Daten gegeben hast … ein Geschenk, das im professionellen Adresshandel mal gerne 3 € wert sein kann (bei den Adressmengen, mit denen diese Leute handeln, ist das ein Bombengeschäft).

Spezielle Bewerbermessen für Kreative gibt es noch keine, es sei denn, man versteht die Abschlussveranstaltungen/-ausstellungen an den (Fach-)Hochschulen als solche – dafür ist aber das Publikum zu klein (sowohl auf suchender als auch auf anbietender Seite) und die Stellenanbieter zu weit gestreut. Auch die Abschlussveranstaltungen der Studiengänge haben oft eher den Anstrich merkwürdiger Abizeremonien; die Ausstellungen werden zu kurzfristig angekündigt, die Ankündigungen haben keine große Verbreitung, und oft kommen neben den stolzen Eltern und Freunden nur die Local Yokels der Agenturbranche. Dabei haben diese Veranstaltungen durchaus das Potenzial, mehr Fachpublikum zu ziehen – die Ausbildungsstätten (vor allem die staatlichen) haben allerdings eher gemütlich-gediegene Vorstellungen von der Inszenierung von Events oder spielen bei der Frage, wer das Ganze organisieren soll, Verantwortungsvölkerball (spring, sonst trifft es dich). Am besten ist es, wenn die Studenten ihre Ausstellung selbst organisieren (und falls hier ein Arbeitgeber mitliest, möchte ich ihm raten, sich dort nach den Organisatoren umzusehen).

„Die Unternehmen haben ein geradezu unglaubliches Augenmerk auf Bewerbermessen, weil diese ihnen enorm Mühe ersparen.“

Solltest du als Designer eine Branche oder gar ein Unternehmen fest im Blick haben, ist es auf jeden Fall ratsam, eine Bewerbermesse aufzusuchen, auf der sich das Unternehmen präsentiert. Die Unternehmen haben ein geradezu unglaubliches Augenmerk auf Bewerbermessen, weil diese ihnen enorm Mühe ersparen: Man lernt die Menschen kennen, ist sich sympathisch (oder nicht), checkt die Qualifikationen und die Soft Skills. Obendrein macht es den Teilnehmern des Unternehmens Spaß, es ist wie eine Mischung aus Vorstellungsgespräch und Cocktailparty, darüber hinaus treiben sich gerne die wirklich verantwortlichen Mitarbeiter dort herum. Es lohnt sich, für diese Möglichkeit in Kauf zu nehmen, sich mit gefühlten 20 000 Software Engineers durch die Hallen zu drängen und eventuell auch gar keine Kreativen des Unternehmens am Stand vorzufinden, denn du kannst dir sicher sein: Sie werden deine Unterlagen oder Kontaktdaten garantiert an ihre Kollegen zu Hause weitergeben.

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Leseprobe aus dem
Survival Guide für junge Designer
Von Jan Hochbruck

Inhalt

  • Vom Praktikum zum Junior Art Director
  • Der erste Job – das erste Jahr
  • Eigene Projekte haben – und durchziehen!
  • Karriere oder Hamsterrad?
  • Hierarchien, Strukturen und Trampelpfade
  • Richtiges Geld für richtige Arbeit
  • Life-Work-Balance
  • Gibt es ein kreatives Leben jenseits der 35?

Preis

Buch
24,90 Euro

E-Book
19,90 Euro

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