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Tina Roth Eisenberg aka Swissmiss über Arbeit, Mitarbeiter und persönlichen Antrieb

Manche Eindrücke brauchen ein wenig, um sie einfangen zu können, besonders wenn viel Arbeit und Leben dazwischen kommt und vom Schreiben abhält. Und so ist dieser Typo Nachbericht auch nicht vom Mai (dem Monat der Typo) sondern eben vom August.

Wie an anderen Stellen schon häufig erwähnt, ist die Typo auch nach all den Jahren die einzige Konferenz, auf die ich mich tief und innig freue. Das liegt – keine Frage – an der großartigen Organisation und am tollen Programm. Das war auch dieses Jahr nicht anders, ich fand es sogar noch besser weil alles viel offener war. Auch ohne Ticket konnte man auf der offenen Stage-Bühne im Foyer jede Menge qualitativ gute Talks sehen. Ein tolles Gimmick für z.B. junge Designer und Studenten, die sich die Karte nicht zwingend leisten können oder wollen.

Mein persönliches Highlight fand gleich am Donnerstag statt. In der Tat habe ich Jürgen Siebert schon vor einigen Jahren gebeten, Tina Roth Eisenberg aka Swissmiss als Sprecherin einzuladen. Durch die Creative Mornings, die sie initiiert hat und die in Berlin seit Jahren fantastisch von FontShop/Monotype organisiert werden, hat er ohnehin einen guten Draht zu ihr.

Dieses Jahr hat es dann nun endlich geklappt und um es vorweg zu nehmen, meine Erwartungen wurden absolut übertroffen. Ich weiß nicht warum, aber Tina hat eine Art von Motivations-Aura um sich, die einen einfach nur denken lässt: Wow! Ich will so sein wie sie. Ihr Talk The Power of Side Projects and Eccentric Aunts war z.B. einer der Antriebe für mein eigenes Sketchnote Love Projekt. Sie hat ja so Recht wenn sie erzählt wie viel Energie von eigenen Projekten ausgehen kann.

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Im Grunde ging es auch in ihrem Vortrag auf der Typo eben genau darum – vielleicht sogar noch um ein bisschen mehr. Sie stellte erfolgreiche eigene Projekte vor (Tattly, Creative Mornings, TeuxDeux, Friendsworkhere), die fast alle aus kleinen Side-Projects hervor gegangen sind und erzählte warum sie genau diese Art zu arbeiten und zu leben so glücklich macht und wie man eben diese Art von Leben führen kann. Und so enthielt ihr Talk mehrere Ratschläge, die alle so simpel sind (z.B. Don’t complain, make it better.) und doch im Alltag nicht immer so einfach umsetzbar.

Dennoch – und ich sage sowas nicht oft – war ihr Talk absolut inspirierend und großartig und berührend. Denn was auch immer diese Motivations-Aura ausmacht, mich hat sie auf jeden Fall eingenommen.

Durch einen glücklichen Zufall konnten wir danach ein wenig in Ruhe reden, so dass ich diese Gelegenheit genutzt habe, sie ein paar Dinge zu fragen: Über deutsches Design, Mitarbeiter, Fehler und persönlichen Antrieb und hier ist das Interview dazu:

Liebe Tina, du hast beeindruckend von deiner Art zu arbeiten erzählt und wie viel Lebensfreude und Energie du daraus ziehst. Was glaubst du wie Arbeit in Zukunft aussehen wird oder soll. Wird es z.B. mehr Freie und Selbstständige und damit auch mehr freies Arbeiten geben oder wird das klassische Angestelltenmodell so in Zukunft noch vorhanden sein?

Ich glaube schon, dass das selbstständige Arbeiten unglaubliche Freiheiten bringt und das auch in Zukunft noch mehr tun wird. Aber man muss ja auch bedenken: Es sind ja nicht alle dafür gemacht selbstständig zu arbeiten. Dafür muss man nun mal auch der Typ sein.

Was mir aber wichtig ist, ich führe meine Firmen so, wie ich immer gerne einen Job gehabt hätte, im Sinne von: Wenn ich dich einstelle, dann sag ich dir „What’s your department, what’s your task“ und dann „I get out of your way“. Dann vertraue ich demjenigen. Und manchmal vertraue ich den Leuten wahrscheinlich mit Sachen, denen ich nicht unbedingt vertrauen sollte, weil sie das noch nie gemacht haben. Aber mir ist aufgefallen, ich stelle immer Leute ein, die sind einfallsreich und clever. Und ich stelle sicher, dass sie auch mein Werte-System kennen und verstehen und meine Ansichten teilen.

Und wenn man dann so eine Kombination in einem Mitarbeiter hat, dann kann man auch sicher sein, dass er das Beste gibt. Weil: wenn man jemandem vertraust – wie gesagt, mit Sachen vertraut bei denen sie selbst vielleicht ein bisschen denken, „Oh, kann ich das wirklich?“ – dann geben sie sowas von Gas und sind dann auch sehr erfüllt mit dem was sie tun. Sie wachsen ja auch daran und lernen mit.

Das heißt, Du bist immer nur gut mit dieser Art Mitarbeiter zu finden gefahren?

Ich habe es erst einmal in all den Jahren erlebt, dass das nicht ganz aufging.

Ich habe einfach gemerkt, dass es unglaublich toll ist, Leuten zu vertrauen. Wenn man ihnen eine Umgebung bietet, in der sie sich sicher fühlen und spüren, dass man ihnen vertraut und dass es okay ist auch mal Fehler zu machen, dann fühlen sie sich wohl und leisten ihr Bestes.

Ich schaue z.B. nie zu welcher Zeit sie ins Büro kommen. Es gibt so Kernzeiten innerhalb derer alle da sein sollten, aber ob sie 15 Minuten später kommen oder einfach mal was erledigen müssen und ein paar Stunden später kommen, ist nicht ausschlaggebend. Dann sagen sie vorher einfach kurz Bescheid und wir richten das ein. Wichtig ist, was am Ende dabei heraus kommt.

Das ist eine andere Mentalität als in Deutschland oder der Schweiz wo es ja eher um Pünktlichkeit geht.

Das stimmt, früher in meinem ersten Job war ich auch so. Wenn ich nur fünf Minuten zu spät kam, wurde ich panisch. Aber mein erster Boss in New York hat mich da etwas runter geholt, er hat gesagt: „Tina, it’s okay, you know, it’s New York. If you tell me, it’s late and it’s fine.“

Ich bin zwar immer noch zuverlässig, aber dieses Menschliche hat mich sehr beeindruckt und geprägt. Ich erinnere mich z.B. als mein Lieblingscousin damals in New York zu Besuch war, ich hatte ihn ewig nicht gesehen. Ich erzählte von dem Besuch im Büro und wollte mich dann in eine längere Mittagspause verabschieden, worauf mein Chef sagte: „No Tina, you never see your cousin, you take a long lunch, just take the time you need, just to hang out with him.“

Das war einfach nur eine menschliche Reaktion mir als Angestellte gegenüber, ich war ihm nicht egal … davon habe ich dann viel übernommen. Und Druck ist ohnehin kein guter Motivator, so arbeitet niemand gut, ich finde Freiheit und Vertrauen viel wichtiger.

Was man aber auch sagen muss: man muss Leute finden, die mit dieser unglaublichen Freiheit auch umgehen können. Ich bin nicht die Art von Chef, die sagt: Mach dies, mach das. Ich möchte, dass die Leute mitdenken. Das ist nicht immer einfach aber genau diese Leute muss man finden.

Glaubst du, dass diese lockere Art zu arbeiten sehr amerikanisch ist?

Ich weiß nicht, ich glaube dieses Bild ist sehr von Start-Ups beeinflusst. Viele Start-ups in Amerika haben ja zum Beispiel die Take-any-vacation-you-want-policy, daran glaube ich z.B. weniger. Denn mich hätte das damals total gestresst. Da hätte ich mich immer schuldig gefühlt, wenn ich Urlaub genommen hätte.

Aber interessant ist es schon, es gibt Leute, die schwören darauf. Die sagen, „Du musst einfach mit dem Team abstimmen: geht das, wenn ich eine Zeit lang weg bin.“ Das ist eine demokratische Art zu arbeiten, denn man fragt am Ende nicht den Chef, sondern das Team um Erlaubnis. Eigentlich ist die Idee schon schön, ich glaube nur leider nicht daran, dass sie in der Umsetzung gut funktioniert.

Deswegen gibt es bei uns drei Wochen Urlaub im Jahr und wenn Veranstaltungen am Abend oder Wochenende sind, kann man das als Überstunden abbummeln oder eine Woche extra Urlaub machen.

Es scheint in den USA einfacher zu sein, Dinge anzustoßen oder z.B. Firmen zu gründen, siehst du das auch so?

Ja, das ist auch ein Grund, warum ich mich in Amerika so wohl fühle. Ich bin ja auch in der Schweiz aufgewachsen. Ich hatte immer so viele Ideen und habe immer so viele Sachen angerissen. Und dann habe ich immer gehört „Aber was, wenn es nun schief geht und um Gottes willen …“ Und es war immer so viel Skepsis von allen Seiten, das war sehr anstrengend. Und dann kam ich nach New York. Da habe ich genau so weiter gemacht: Erzählt was ich vorhabe und was ich machen will und dann kam da als Antwort „Oh, du, da kenn ich jemanden, der dir helfen kann, und den stell ich dir jetzt mal vor.“ Das fand ich toll, das war eine große Motivation.

Wenn ich in eine andere Stadt ziehen würde, würde ich genau da wieder ansetzen: Sich immer erst Leute suchen, die genau so ticken und dich unterstützen in dem was du machen willst.

Während deines Vortrags dachte ich manchmal: Ob sie wohl jemals prokrastiniert, so viel wie sie gebacken bekommt? Und falls ja kommt wahrscheinlich was wahnsinnig tolles dabei raus.

Oh klar mache ich das, ich bin viel zu viel auf Twitter und Instagram. Aber dann kommt eins zum anderen, ich blogge dann um zu prokrastinieren.

Also kommt doch etwas dabei raus …

Stimmt, aber das hat auch etwas anderes zur Folge: Ich kümmere mich nicht so sehr um mich selbst. Ich müsste viel öfter Pausen machen, mal runter kommen, mal Stop sagen. Das kann ich leider nicht gut und ich merke, dass mir das auch nicht gut tut. Ich habe mir in diesem Jahr vorgenommen mich da mehr zu zu zwingen, einfach mal mehr Pausen machen. Da bin ich wirklich nicht stolz drauf.

Das ist als arbeitende Mutter mit zwei Kindern aber sicher auch nicht immer einfach …

Ja, stimmt, aber die sind ja jetzt ein bisschen älter. Jetzt wird es langsam ein bisschen besser, sie werden selbstständiger und man muss sich nicht mehr so viel um sie kümmern wie um kleine Kinder. In der ersten Zeit war es wirklich anstrengend.

Aber ja, ich muss dringend lernen mal abzuschalten, ich bin quasi immer on und das ist auch nicht gut.

In Deutschland gibt es gerade einen Trend übers Scheitern zu reden. Das war hier lange verpönt, anders als z.B. in den USA. Es gibt Fuck-Up Nights, wo Leute über gescheiterte Projekte berichten. Was hälst du davon?

Also die Amerikaner sind da fast schon ein bisschen zu extrem – They love nothing more than a comeback. Und das ist auch auf eine gewisse Art super! Aber andererseits, ist es im Moment auch so ein bisschen ein Trend Fehler zu feiern. Das mag ich nicht. Ich finde man sollte das Fallen und wieder aufstehen feiern und nicht das Fehler machen als solches. Ich habe auch Fehler gemacht, aber ich habe daraus gelernt und etwas draus gemacht. Diesen Teil sollte man zelebrieren und nicht den Fehler selbst.

Mich stört dieser Gedanke sehr, vor allem wenn es dabei auch um Geld geht, z.B. von Investoren. Natürlich darf man auch scheitern, aber die negativen Folgen und das Geld darf einem dabei nicht egal sein. Jemand hat schließlich hart dafür gearbeitet.

Dann noch eine Frage zum Schluss: Was ist typisch Deutsches Design für dich

Bierzelt-Tische!

Bierzelt-Tische?

Ja, die sind für mich so deutsch! Ich habe die gerade für unseren Coworking-Space gekauft, die sind voll hip in den USA und wahnsinnig teuer.
Bierzelt-Tische sind für mich der Inbegriff des German Engineering, wahnsinnig durchdacht und trotzdem einfach aufzubauen.

Vielen Dank für das Interview, Tina.

An English Version of the interview is available here.

Den Talk auf der Typo aus diesem Jahr könnt ihr hier lesen und hier ansehen

Bilder: Norman Posselt und Gerhard Kassner

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