Design made in Germany / Magazin / Ausgabe 5 Newsfeed - Newsletter - Facebook - Twitter
Weblog

Daisy

Schriftvorstellung von Ludwig Übele

Schriften mit extremen Strichstärken verhalten sich anders als Schriften mit moderaten Fetten, denn das Wechselspiel von Linie und Fläche wird zugunsten des einen oder anderen entschieden. Sehr feine Schriften sind vor allem Linie. Das Auge nimmt eine schwarze Linie auf weißem Grund wahr. Je kräftiger die Strichstärke wird, umso mehr wird die Linie zur Fläche. Fette Schriften haben kaum noch etwas von dem geschriebenen Strich, der für unsere Schrift ursprünglich formbestimmend war. Sie sind in erster Linie skulpturale Fläche, die aus Form und Gegenform, Schwarz und Weiß definiert wird. Bei extrem fetten Strichen wird plötzlich der Innenraum zur weißen Linie, die als solche sehr charakteristisch das Textbild bestimmt. Formbestimmende Eigenschaften wie Strichstärke, Buchstabenbreite und Binnenraum wirken sich bei solch extremen Strichstärken anders aus als bei gewöhnlichen Textschriften.

In der ersten Version (oben) sahen noch viele Zeichen anders aus als in der finalen Version (unten).

Ich hatte mich schon zuvor mit extrem fetten Schriften beschäftigt. Meine Serifenschrift Marat besitzt einen sehr fetten Displayschnitt, der – ungewöhnlich für klassische Serifenschriften – erstaunlich gut funktioniert. 2008 hatte ich beschlossen, meiner Schrift Helsinki einen Displayschnitt zu verpassen, der bis an die Grenzen der Lesbarkeit gehen sollte, ohne den Charakter der Schrift zu verändern. Der Binnenraum schrumpfte dabei fast zur dünnen weißen Linie. Bei einer Serifenlosen (noch dazu mit konstruiertem Charakter), bei der Strichstärkenunterschiede keine entscheidende Rolle spielen, ist das relativ einfach. Aber würde dies auch bei einer Serifenschrift gelingen? Daisy sollte eine extrem fette Schrift werden, trotzdem jedoch die Formen und Proportionen von klassischen Serifenschriften beibehalten. Meine erste Skizze der Daisy war das gemeine c.

Mir gefiel die Idee, dass der Innenraum des Buchstabens lediglich aus einer feinen weißen Linie gebildet wird, die eigentlich nur die Tropfenserife begrenzt. Diese weiße Linie musste nun Maßgabe für alle anderen Binnenräume sein. Zunächst waren die Innenräume wesentlich feiner als in der finalen Version, und man hätte sie sicherlich bis ins kaum mehr Wahrnehmbare verfeinern können. Ich wollte jedoch, dass die Schrift auch in kleineren Größen immer noch angenehm erscheint, und die weißen Linien nicht völlig wegbrechen. Da der Innenraum immer gleich breit bleiben sollte, mussten andere Faktoren wie Strichstärke und Buchstabenbreite flexibler sein. Das wird vielleicht am deutlichsten am versalen U. Ich musste die Strichstärken wesentlich fetter machen, um eine akzeptable Breite des Buchstabens zu erhalten. Auch an den Serifen bei E und T wird das deutlich: Sie müssen unterschiedlich sein, damit der Gesamteindruck gleich bleibt. Dies war vielleicht die interessanteste Erfahrung an dieser Arbeit: wenn man von einem fixen Innenraum aller Zeichen ausgeht, müssen die übrigen Elemente wesentlich flexibler gehandhabt werden, um ein gleichmäßiges Textbild zu erhalten.

Es gibt ein Alternatives f für problematische nachfolgende Akzentbuchstaben Ebenso für die Umlaute

Von fast allen Zeichen gab es verschiedene Versionen. Letztendlich ausschlaggebend war, dass Daisy trotz eigenwilliger Formen noch eine lesbare Schrift bleibt, die auf den klassischen Formen der Antiqua beruht und gleichmäßige und lebendige Texte erzeugt. Da fette Schriften immer enger stehen müssen, weil die Innenräume schmaler sind, führt das oft dazu, dass sich Buchstaben berühren, besonders bei Buchstaben mit Akzentzeichen. Deshalb besitzt Daisy ein alternatives f, das vor Zeichen mit problematischen Akzenten erscheint und via OpenType Feature eingesetzt werden kann. Für die Kombination mit Umlauten gibt es eigene Ligaturen.

Mögliche Schwungbuchstaben für Daisy Kursiv Unterschiedliche Entwürfe für das kursive n

Derzeit arbeite ich an einem kursiven Schnitt der Daisy. Die weiße Linie des Innenraums taucht dort auch an der Berührungsstelle von Schulter und Schaft auf, und gibt den Buchstaben einen besonders dynamischen Schwung und einen 3D-ähnlichen Effekt. Am Wortanfang könnten Schwungbuchstaben zum Einsatz kommen (siehe Abb.).
Daisy ist erhältlich bei ludwiguebele.de. In Kürze wird auch Daisy Kursiv verfügbar sein.