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Über Raster in der Gestaltung

Interview mit Andreas Maxbauer



Was ist der Sinn und Zweck von Gestaltungsrastern?

Es gibt mehrere Sinne. Die häufigsten Beweggründe zu rastern sind gestalterisch und das rationell motiviert.

Jeder von uns hat bestimmte Gestaltungsvorlieben, auch der Chaot übrigens. Der Raster hilft uns dabei, unsern Stil klar, deutlich und konsistent zu halten und damit stärker auszuprägen. Indem gleiche grafische Elemente gleich behandelt werden, treten sie stärker ins Bewusstsein des Betrachters und erlauben uns Gestaltern einen spielerischeren Umgang mit den Ausnahmen. Das ist wie mit einem großen Gerät auf dem Spielplatz: Je einfacher und stabiler es ist, desto wilder und phantasievoller kann ein Kind darauf turnen.

Dann ist de Raster etwas für die Layouter unter uns, die Lust mehr am reinen Gestalten haben und nur geringe Neigungen verspüren, immer wieder die gleichen Handgriffe auszuführen. Es ist keine wirkliche Freude, Bilder und Texte an zuvor manuell gezogenen Hilfslinien auszurichten, nur um dann später festzustellen, dass sie von Seite zu Seite leicht variieren. Wem das zu blöde ist, wird für ein einfaches Gestaltungsraster dankbar sein – wobei die Betonung auf »einfach« liegt. Ist die Konstruktion zu komplex, ist auch der Vorteil des flotten Arbeitens perdue. Das bekommt dann einen wirtschaftlichen Aspekt, wenn ungeliebte Arbeitsabläufe (Positionierung von immer wiederkehrenden Standardelementen etwa oder Umbrüche als Folge von Korrekturen) ganz fix über den Raster erledigt werden können und die Arbeitszeit in die schöneren Tätigkeiten geht.

Wann kann man ein Gestaltungsraster als gut bezeichnen?

Das hängt davon ab, weshalb ein Raster angelegt wird. Die gestalterische und die wirtschaftliche Motivation hatten wir gerade. Dann gibt es Lesergewohnheiten, weil sich die Betrachter schnell daran gewöhnen, »wie etwas auszusehen hat«. Bücher, Internetseiten, Zeitungen, Briefpapiere folgen eben gewissen Konventionen in der Rezeption und das muss sich in einem Raster niederschlagen. Der Raster muss damit zwar dem Objekt, der Aufgabe und dem Inhalt unserer Gestaltung gerecht werden, soll sich aber selbst nicht wichtig machen. Kreativität ist ja im wesentlichen das Spiel mit Konventionen, die sich der Betrachter verinnerlicht hat. Ein guter Raster muss also noch gestalterische Freiheiten lassen, denn er soll ja nur unser Spielgerüst sein, nicht das Spiel selbst.

Wann benötigt man ein Gestaltungsraster und wann kann man darauf verzichten?

Da wir überall im Leben unsere Vorlieben und Abneigungen haben, sind wir durch unsere Gewohnheiten ohnehin »in Rastern gefangen«. Die Frage ist, wo brauchen wir ein Raster als Orientierung und wo fängt er an, uns zu beherrschen – das ist also mehr eine Frage nach dem persönlichen Bezug zu Freiheit und Bindung. Bei uns Gestaltern ist das auch im Beruf nicht anders, denn genormte Papierformate, technische Parameter, Produktionsnormen etc. geben einen Rahmen vor, an den wir uns besser halten und sei es aus Kostengründen.

Sinnvoll ist ein Raster also, wenn es etwas im seriellen Sinne zu strukturieren gilt, sinnlos hingegen, wenn nichts gegliedert werden muss. Bei der Ideenfindung, beim Scribbeln, bei den Basislayouts ist ein Raster hinderlich und noch zu früh. Wir sollten zuerst eine Vorstellung von unserem Layout haben, danach folgt der Raster. Mit ihm kommt der Sprung in die Realisierung, vor allem bei mehrseitigen, seriellen Objekten. Ein Gestaltungsraster tut hier eigentlich nichts anderes, als die ohnehin vorgegebenen Dinge zu strukturieren und handhabbarer zu machen. Und das geschieht schon im Kleinen, denn bereits das Anlegen eines Satzspiegels ist ja ein Anrastern.

Wann macht es Sinn ein Raster zu brechen?

Wenn der Raster anfängt wichtiger zu werden als das Layout, dem er doch zu dienen hat. Das kann gestalterisch begründet sein, aber auch in seiner Handhabung: Wenn ein Raster beim Arbeiten mehr Aufmerksamkeit beansprucht als das Layouten selbst, wird es zur Bremse. Ein überfrachteter Raster mit zu vielen Gestaltungsoptionen ist ebenso sinnfrei, wie ein Raster der zur direkten Ermüdung des Betrachters führt.

Schwierig wird ein Raster ebenso, wenn er zu unschönen und unliebsamen Kompromissen zwingt. Zum Beispiel, wenn ganze Leerzeilen arg große Lücken reißen, oder wenn der Stand von Gestaltungselementen zwar numerisch korrekt ist, optisch aber doof.

Schlussendlich ist das Brechen eines Rasters dann sinnvoll, wenn die Gestaltung eine Überraschung oder Unterbrechung vertragen kann. Wobei in guter Raster neben der Ruhe, auch ein gewisses Maß an Unruhe oder Spannung ermöglicht, z.B. durch eine ungerade Spaltenanzahl.

Kannst du Bücher und Internetseiten empfehlen, die sich mit Gestaltungsrastern beschäftigen?

Ja, zuerst das »Praxishandbuch Gestaltungsraster« natürlich. Es ist ein umfassendes Layouthandbuch in dem mit vielen erläuterten Beispielen das »normale Rasterdenken« stark geweitet wird. Es ist sehr gut und verkauft sich auch nach einigen Jahren noch wie geschnitten Brot, meine Frau und ich haben es selbst geschrieben.

Akademischer geht es in den etwas angejahrten Klassikern von Josef Müller-Brockmanns »Rastersysteme für die visuelle Gestaltung« oder in Hans Rudolf Bosshards »Der typografische Raster« zu. Sie sind stark am Buchdesign orientiert und berücksichtigen auch mathematisch fundierte Herangehensweisen. Beide Werke sind Beispiele für die dem Raster ohnehin nahestehende Schweizer Typografie.

Internetseiten mit einem rastrigen Schwerpunkt sind mir nicht bekannt: Raster im Grafik Design sind ja nicht gerade ein hocherotisches Thema und auch in der Typografie sieht man sie eher als notwendige Arbeitshilfe an. Meine Frau z.B. findet Raster toll, weil sie ihr als lebhafter Gestalterin helfen, die langweiligen Routinen vom Hals zu halten. Ich bin ein eher organisierter Mensch, der von komplexen Strukturen magisch angezogen wird. Als solcher finde ich Gestaltungsraster eigentlich doof, nutze sie aber gerne um wilde Ideen zu strukturieren oder Kreatives wirkungsvoller darzustellen.

Das Interview führte Patrick Marc Sommer.