Aktuell 25.10.2015

Warum Designer hin und wieder mal Kaffee aus mittelmäßigen Thermos­kannen trinken sollten

Ein Plädoyer für das Sitzen in funktionalen Tagungs­räumen und was das mit einem Berufsverband für Designer zu tun hat

Gastbeitrag von Christian Büning

Die Büromöbel sind meistens abwaschbar und alles andere als Designklassiker, der Teppich hatte bessere Tage und irgendwo brummt eine Neonröhre in der Kassettenhalterung. Arbeitstreffen für den BDG sind meistens in Räumen, die Vermieter als funktional bezeichnen und auch selten der Ort für Baristas, sondern eher für Thermoskannen. Ambiente kann also nicht der Grund dafür sein, dass sich seit vielen Jahrzehnten eine kleine Gruppe Designer aus ganz Deutschland trifft, um den Berufsverand für Kommunikationsdesigner, den BDG, mit Leben zu füllen. Wir kommen viele Stunden mit dem Zug angereist, schlafen in günstigen Hotels und verbringen sonnige Frühlingstage hinter halb geschlossenen Rollos, um die Budgetplanung und Aktionen für das nächste Halbjahr zu klären. Warum tun wir uns das an?

Wir tun uns das zum Beispiel wegen einer Email an. In dieser Email stehen nach jedem Satz vier Ausrufezeichen. Ein Kollege klagt, diese eine öffentliche Ausschreibung sei himmelschreiend unfair, der Designer ziehe immer der Kürzeren und das Briefing sowieso lausig. Solche Mails bekommen wir im BDG häufiger, verbunden mit dem Wunsch, dass wir da was tun sollen. Wir sollen die Stimme für die Designer erheben und faire Bedingungen durchsetzen. Wir, die wir uns zum Arbeitstreffen zusammen gesetzt haben, sind allesamt Designer mit eigenem Büro. Wir kennen solche Ausschreibungen und wir kennen das Zuviel und das Zuwenig des Designalltags. Wir interessieren uns für unseren Beruf und darüber hinaus. Wir wollen unsere Interessen formulieren. Darum treffen wir uns in Räumen, die unseren Etat nicht auffressen, besprechen Ideen und pulen das Salz von Laugenbrezeln.

Ich muss zugeben, ich habe etwas mit mir gehadert, einem Verein beizutreten. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich sogar mal einem Kleingärtnerverein beitrete, ich hätte meine Augenbrauen auf dem Hinterkopf einrasten gehört. Mich hat interessiert, wie der Beruf des Designers eigentlich geht. Auf einem Kongress in Köln haben mich Arne und Susanne so lange mit Diskussionsleckerlis bezirzt, bis ich schließlich meinen Mitgliedsantrag ausfüllte und tatsächlich nach Berlin faxte. Kurz darauf lernte ich die Arbeitstreffen kennen, saß in Räumen, die Tom Ford nicht sehen dürfte und war – begeistert. Ich hatte alte Männer mit Günter-Grass-Schnurrbärten erwartet, die knarzend den Untergang des Abendlandes beschworen, weil der Bleisatz ausstirbt. Ich saß aber in einer Runde von Designern und Designerinnen, die darüber diskutierten, wie man auf einen absolut unfairen Wettbewerb reagieren kann und ob diese Aufmerksamkeit nicht den Falschen nützen würde. Es ging und geht um Designerdinge, Designeralltag, es geht um meinen Beruf.

Das alles ist ein paar Jahre her, mittlerweile fahre ich zu den Arbeitstreffen wie zu alten Freunden. Wir gehen am Abend vorher was essen, trinken das jeweils lokale Bier oder auch mal Äppelwoi, reden über Kunden, Projekte, Finanzbeamte und Immobilienpreise. Die meisten würden lachen, wenn sie wüssten, dass alle BDG-Aktiven in ein Großraumtaxi passen würden. Na gut, zwei Großraumtaxen. Es gibt keine gute Lösung für die Lücke zwischen ehrenamtlicher Arbeit und bezahlter Arbeit. Wir arbeiten daher alle ehrenamtlich und der Broterwerb geht immer vor. Darum schaffen wir nicht so viel wie wir wollen, aber hin und wieder bekommen wir doch ein Projekt an den Start. Wir haben keinen Geschäftsführer mit sechsstelligem Gehalt, der für uns in den Gremien sitzt. Wir teilen uns die Termine auf. Was zählt, sind Ideen. Ideen, die umgesetzt werden. Es gilt die unausgesprochene Regel, dass die Formulierung: »Wir sollten mal,…« sofort dazu führt, Projektleiter dieses Vorschlags zu werden. Machen, nicht reden.

Ich habe durch meine Arbeit im BDG sehr viel dazu und viele tolle Kollegen aus ganz Deutschland schätzen gelernt. Wir haben erreicht, dass es belastbare Zahlen zur ökonomischen und sozialen Situation der Designer gibt. Wir haben erreicht, dass Hochschulen sich Gedanken über eine unternehmerische Ausbildung machen und die Studierenden dies deutlich einfordern. Wir haben erreicht, dass öffentliche Ausschreibungen weniger oft unfair sind. Und wir haben erreicht, dass jeder Designer kostenfrei seinen eigenen Stundensatz kalkulieren kann. Natürlich gibt es noch viel zu tun. Wir Designer werden oft übersehen oder nicht gehört. Das muss sich ändern. Unsere Arbeit wird oft als Deko verstanden, dabei schaffen wir Struktur. Wir müssen über den Designer als Problemlöser, den Umgang mit Nutzungsrechten und wir müssen darüber reden, was ein kollektives Urheberrecht ist, reden.

Ich höre immer wieder von Kollegen, dass die Designer eine Lobby brauchen. Eine, die sich für die Interessen der Designer einsetzt. Wenn diese Lobby groß genug wäre, dann würden sie auch mitmachen. Meine heimliche Vermutung: auch wenn die Lobby groß genug wäre, würden sie nicht kommen, sondern denken, dass es auch so geht. Im BDG geht es um etwas anderes. Es geht in erster Linie um die Designer, nicht um das Design. Nicht fordern, sondern formen. Nicht nölen, sondern ölen. Wir teilen die Haltung, dass es unser Beruf ist und wir uns am besten selbst vertreten können. Kein bezahlter Agent könnte unsere Leidenschaft kopieren. Wir wollen Wissen unter Kollegen und mit Auftraggebern tauschen und vertiefen. Wir wollen ein Netzwerk der Kollegen, in dem aus Einzelkämpfern eine Branche wird. Und genau deswegen fahren wir Zug, sitzen in funktionalen Räumen und trinken mittelmäßigen Kaffee. Und wir freuen uns über jeden, der seinen Beruf ebenfalls voranbringen will.

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