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Judith Drews – Über den Weg der Geschichten vom Kopf zum Buch

Über Wimmelgeschichten und Bilderbücher.

Judith Drews lebt und arbeitet als freie Illustratorin, Designerin und Autorin in Berlin. Seit 2010 arbeitet sie in Ihrer Ateliergemeinschaft Atelier Flora. Judith ist vor allem für ihre Kinder(wimmel)bücher bekannt. Für wen sie am liebsten illustriert, wie sie dabei vorgeht, wie die Zusammenarbeit mit Verlagen aussieht und noch viel mehr, haben wir Judith in diesem Interview gefragt.

Du zeichnest für Kinder und für Erwachsene. Was bevorzugst Du und warum?

Sollte ich mich entscheiden müssen – ich würde nur noch für Kinder zeichnen!

Das bringt zwar im allgemeinen weniger Geld, aber die Zielgruppe hat es meiner Meinung nach am meisten verdient, schön gezeichnete Bücher mit guten Inhalten zu bekommen. Leider sind die Käufer nicht die Kinder selbst. Mit Sicherheit wären dann ganz andere Bücher auf der Bestsellerliste ganz oben.

Kinder sind wunderbar offen und hochkritisch zugleich. Das gefällt mir. Sie beim gemeinsamen Anschauen und Lesen von Kinder- und Bilderbüchern zu beobachten ist immer wieder bereichernd, überraschend und oft mit unglaublich viel spontanem Humor verbunden. Diese Nähe zur Kindheit tut mir gut und macht mich glücklich.

Wie würdest du deinen Stil bezeichnen?

Meine Illustrationen sind in den meisten Fällen konturbetont, farblich auf eine kleine Palette beschränkt und in der Darstellung reduziert. Bei meinen Städtewimmelbüchern erweitere ich die Farbpalette je nach Stadt in die für sie typische Richtung. Das macht Sinn und der Zusammenhalt der Reihe funktioniert trotzdem. Das größte Kompliment bezüglich meines Stils ist für mich, wenn Kinder ohne meinen Namen auf dem Cover lesen zu können, im Buchladen meine Bücher erkennen und haben wollen.

Sketches_PARIS_Wimmelbuch

Du hast selbst eine Tochter. Guckt sie Deine Bilder „Probe“ und gibt vielleicht sogar Anregungen?

Seit vielen Jahren schaut meine Tochter auf nahezu jede Zeichnung, die ich mache. Mir gefällt das natürlich, denn es gibt kaum bessere Korrekturen, als die von Kindern. Sie stellen auf den ersten Blick Ungereimtheiten und Fehler in Bildern und Büchern fest und kritisieren klar und deutlich. Gerne lasse ich auch noch weitere Kinder auf meine Bücher schauen, bevor sie gedruckt werden. So konnte ich speziell in den Wimmelbüchern noch schnell einige Logikfehler korrigieren.

In dem neuen „Paris“ Wimmelbuch ist dennoch ein Fehler drin. Mal sehen wann die erste Zuschrift mit einem Hinweis bei mir eintrifft … Bei der 1. Auflage des „Berlin“ Wimmelbuchs dauerte die Rückmeldung nur wenige Tage!

Erwachsene gucken nicht so genau, lassen sich zu schnell ablenken und sind zu wenig neugierig in ihrem Blick.

Meine Tochter ist inzwischen 10 Jahre alt und noch in einer ganz anderen Weise mit meiner Arbeit verbunden. Sie hat in unseren Büchern des Atelier Flora (3 Bände, erschienen bei Beltz & Gelberg) selbst schon einige Illustrationen veröffentlicht und war mit 2 anderen Kindern als Model für alle drei Bücher tätig.

Besonders stolz bin ich allerdings auf ein Buch, an dem ich mit meiner Tochter 3 Jahre lang stetig gearbeitet habe. Es ist ein 440 Seiten umfassendes Naturbuch mit dem Titel „Draußen – Mein Naturbuch“, das kürzlich bei Jacoby & Stuart erschienen ist.

Naturbuch_Cover_offen

Das Unerwartete an diesem Buch ist, dass nicht ich, sondern meine Tochter die vielen Illustrationen geliefert hat. Sie ist auf dem Cover gleichberechtigt neben mir genannt, ist dort auch abgebildet, führt als Kind mit durch das Buch und hat viele Dinge geschnitzt, gebaut und gemalt.

Da die Frage immer wieder kommt: Selbstverständlich bekommt sie auch ein Honorar dafür, aber das ist ihr selbst fast gar nicht wichtig. Ein Buch bei einem echten Verlag machen zu dürfen, dass dann in all den ganzen Buchläden liegt und auch gleichzeitig in Belgien erscheint – das ist es, was die größte Freude macht. Sie weiß allerdings auch, dass es manchmal für Bücher Preise gibt und hofft auf einen „Geldpreis“, damit wir uns ein Haus kaufen können mit Garten und Platz für eine Katze …

DieweltbesteLILLI_spread

Das Buch „Die weltbeste Lilli“ ist mit Sicherheit nicht zufällig nach Deiner Tochter benannt. Was ist die Geschichte und wie kam es dazu?

Dieses Buch sollte eigentlich gar kein Buch werden, sondern war ein persönliches Geschenk des Autors an mich. Da ich aber zu jener Zeit viele Manuskripte von Kai bekam, dachte ich „Die Weltbeste Lilli“ sei auch als ein Solches gemeint. Ich illustrierte es in nur 3 Tagen mit viel, viel Herzensspaß und schickte es als pdf an ein paar Verlage. Einige Tage später hatte ich bereits zwei Antworten von interessierten Verlagen und noch ein paar Tage später zwei Verträge. Die Rechte wurden aufgeteilt – Simplyreadbooks aus Vancouver (Kanada) bekam alle englischsprachigen Rechte und Gerstenberg alle Weiteren. In Kanada wurde die „Die Weltbeste Lilli“ ein Hardcover Bilderbuch mit meinem Wunschpapier für Cover und Innenteil, Sonderfarbdruck und ohne Folienkaschierung. Diese Edition gewann beim kanadischen Alcuin Society Book Design Award eine Silbermedaille und einen Merit Award beim 3×3 Magazine in NY. „Die Weltbeste Lilli“ bei Gerstenberg wurde ganz anders – ein Pappbilderbuch mit Spiegel!

Schreibst Du auch selbst?

Mein Kopf ist voller Geschichten und langsam – ganz allmählich – finde ich einen Weg zum Schreiben.

„Das kleine Buch der großen Gefühle“ erschienen bei Ars Edition, habe ich letztes Jahr veröffentlicht. Ein kleines, feines Pappbuch mit nur wenigen Sätzen. Auch die „ANTON“ Pappbücher (Beltz & Gelberg) stammen von mir und sind in großartiger Zusammenarbeit mit der Lektorin Stefanie Schweizer entstanden.

Mein Buch „Die große Zooparade“ (Kleine Gestalten) ist in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber und gutem Freund Hendrik Hellige entstanden. Wir haben zusammen an den Texten und an den Illustrationen gearbeitet. Es war ein Experiment, das uns Beiden viel Spaß gebracht hat und das wir ganz sicher wiederholen werden.

In meinem Skizzenbuch stehen viele weitere Ideen für Geschichten. Einige davon sind bereits ausgefeilt und bereit zum illustriert werden … wären da nicht die Wimmelbücher, die gerade Schlange stehen. Eins nach dem anderen, aber fest steht: Es werden noch viele Geschichten kommen!

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Autoren und Verlag konkret aus?

In den letzten Jahren hat sich meine Art der Zusammenarbeit mit Verlagen zum Teil sehr verändert.

Zu Beginn hatte ich mir ein paar Dinge vorgenommen, die ich schaffen wollte. Hierzu zählten: 1) einmal ein Pixi Buch veröffentlichen, 2) eine Übersetzung eines meiner Bücher in eine Sprache, die ich nicht lesen kann, 3) ein Bade-, ein Klappen- ein Stoffbuch, 4) für große deutsche Verlage arbeiten, 5) eine Originalausgabe im Ausland publizieren.

Hinter all diesen Vorhaben standen plötzlich Häkchen und es gab mehr Anfragen von Verlagen für diverse Projekte, als ich mir je hätte vorstellen können. Ich musste lernen, dass Absagen formulieren nicht leicht ist. Das mag ein Luxusproblem sein, aber jeder der an diesem Punkt ankommt, wird wissen was gemeint ist.

Zu meinem Glück habe ich in den letzten Jahren Verleger getroffen, die zu Freunden wurden oder von vornherein Freunde waren. Mit diesen Menschen zu arbeiten macht mich glücklich. Sie haben faire, klare Verträge, die Zusammenarbeit ist in allen Punkten herzlich, menschlich, professionell und ehrlich.

Im meinen Wimmelbüchern habe ich jegliche künstlerische Freiheit. Die Geschichten entwickeln die Verleger mit mir gemeinsam. Alle weiteren neuen Bücher entwickle ich nur noch komplett selbst und biete sie dann Verlagen an. Ganz selten, wenn es einen Autoren oder auch eine Lektorin oder einen Verleger gibt, die oder den ich sehr schätze, dann nehme ich auch ausnahmsweise mal einen Auftrag an.

Die Zusammenarbeit mit großen Verlagen wird hingegen immer weniger. Dies ist eine Entwicklung die ich auch bei sehr renommierten Kolleginnen um mich herum in Deutschland feststelle und über die wir uns untereinander seit einiger Zeit austauschen. Um die Gründe aufzuzeigen und zu erklären, bedürfte es ein weiteres Interview.

PARIS_Wimmelbuch_spread

Wimmelbücher sind Teil Deines Portfolios. Wie gehst Du dabei vor und was macht der Reiz an Wimmelbüchern aus?

Wimmelbücher sind meine geliebten Puppenstuben – der spielerische Faktor bei der Entwicklung eines Wimmelbuches ist enorm und das Spielen ist ein wesentlicher Teil der Arbeit.

Steht die Stadt fest, beginnt die Recherche vor Ort, in Reiseführern, in Bibliotheken und im Internet. Danach folgt das Zeichnen der Personen, die dann im Buch die erste Doppelseite ausmachen. Sie sind sozusagen die Spielfiguren.

Ein erstes Miniaturstoryboard entsteht mit der Aufteilung von 5 weiteren Doppelseiten mit den jeweils abgebildeten Gebäuden, Parks, Seen, Plätzen und Museen.

Die Personenseite und das Storyboard bekommen dann meine Verleger vom Wimmelbuchverlag (Kristina & Walter Unterweger) und wir beginnen zusammen uns die Geschichten auszudenken.

Parallel zeichne ich die Settings der Seiten ohne Figuren, scanne und koloriere diese, und füge dann zum Schluss die Personen ein. Dieser Schritt ist wie das Spielen mit Puppenstuben.

Jede fertige Seite schicke ich dann an den Verlag. Oft bekomme ich noch ein paar gute Tipps und nicht selten fehlt mal eine Person oder eine andere taucht doppelt auf. Es ist nicht leicht bei Wimmelbildern den Überblick zu behalten.

Die Gestaltung der Wimmelbücher liegt dann bis zur Druckdatenabgabe in meinen Händen.

Kommen Verlage mit Ideen und Vorschlägen auf Dich zu oder ist der übliche Weg der umgekehrte?

Ich denke dass es einen „üblichen“ Weg bei mir nicht gibt. Was ich will ist definitiv eigene Projekte entwickeln und diese dann Verlagen anbieten. Das funktioniert auch sehr gut. Was ich bisher nur ab und zu gemacht habe, möchte ich nun gar nicht mehr anders machen. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Projekt nicht weiter gemeinsam fein geschliffen wird.

„Draußen – Mein Naturbuch“ zum Beispiel, ist in der großartigen, sensiblen und hoch professionellen Zusammenarbeit mit Nicola Stuart und dem hausinternen Hersteller zu einem noch viel schönerem Buch geworden, als es bei Annahme durch den Verlag war.

Solche Art der Zusammenarbeit wird jedoch leider bei Verlagen immer seltener. Die Mitsprache des Marketings ist enorm. Werbeetats bestimmen Verkaufszahlen und die Bedeutung der Inhalte sowie das Vertrauen in das Können der Autoren, Illustratoren und Gestalter rutscht immer mehr in den Hintergrund.

In der Masse der Neuerscheinungen eine echte Chance zu bekommen, wird immer schwieriger – trotzt hoher künstlerische und inhaltlicher Qualität. Das Erschaffen von Klassikern wird nahezu unmöglich, bei den vielen Büchern, die nur wenige Wochen eine Chance in Buchläden bekommen, bevor sie in die Backlist rutschen und die nächsten Programme schon wieder vor der Türe stehen.

An meinem Berlin Wimmelbuch sehe ich, wie die Verkaufszahlen mit jedem Jahr steigen – ohne Presseabteilung, Werbeetats und Marketingstrategien.

Bücher brauchen Zeit. Sie haben es verdient und unsere Umwelt auch.

Storyboard_PARIS_Wimmelbuch

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