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Fritz Kahn – ein vergessener Pionier im Informationsdesign

In einer rumänischen Designzeitschrift stößt Thilo von Debschitz 2008 auf faszinierende Darstellungen des menschlichen Körpers aus den zwanziger Jahren. Wie sich zu seiner großen Überraschung herausstellt, stammen diese vom verstorbenen Vater eines alten Freundes der Familie – einem gewissen Fritz Kahn. Es existieren zu diesem Zeitpunkt nur wenige Spuren über dessen Werk, die Familie Kahn war nach der Machtübernahme Hitlers aus Deutschland geflüchtet.

Gemeinsam mit seiner Schwester Uta spürt Thilo von Debschitz Nachlässe und Zeitzeugen auf; die Geschwister lernen Gestalter und Wissenschaftler kennen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven ebenfalls mit Kahns Werk beschäftigten. Entstanden ist die spannende Rekonstruktion der Biografie eines vergessenen Pioniers im Informationsdesign – Fritz Kahn. Wir haben Thilo von Debschitz dazu befragt.

Was war das Besondere an Fritz Kahns Ansatz, Wissen zu vermitteln?

In Kahns Büchern, vor allem in seinem Hauptwerk „Das Leben des Menschen“, spielten Abbildungen eine bis dahin ungekannt wichtige Rolle. Er wusste: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Deshalb findet man alleine in den fünf Bänden der Serie „Das Leben des Menschen“ rund 1.200 Illustrationen und Fotografien! Die Entwicklung und Publikation kreativer, aussagestarker Bilder zu den unterschiedlichsten naturwissenschaftlichen Themen machten Kahn zu einem Pionier des Informationsdesigns.

Was an ihm und seiner Arbeitsweise hat dich so in den Bann gezogen, dass du – gemeinsam mit deiner Schwester – beschlossen hast, ein ganzes Buch über ihn zu veröffentlichen?

Wir sind bei unseren Nachforschungen auf viel spannendes Material gestoßen; so waren wir zuversichtlich, dass dieser Schatz konzeptionellen Denkens außer uns auch noch andere Menschen interessieren könnte. Die Illustrationen, die Kahn für seine Bücher in Auftrag gab, sind inhaltlich faszinierend und bis heute lehrreich. Durch die Beteiligung zahlreicher Designer und Zeichner an Kahns Büchern und entsprechend viele unterschiedliche Stile lässt sich auch die Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts nachspüren. Diese Kombination aus Inhalt und Form fanden wir so bemerkenswert, dass wir das Werk Kahns unbedingt der Vergessenheit entreißen wollten.

Darüber hinaus war Fritz Kahn auch eine schillernde Persönlichkeit und ein internationaler Bestsellerautor. Zu einem bestimmten Zeitpunkt empfanden wir es als unseren Auftrag, Kahns Werk wieder sichtbar zu machen und damit die nationalsozialistische Kulturzensur zu beenden.

Wie lange habt ihr daran insgesamt gearbeitet?

Die zweite, stark erweiterte Edition beim Taschen-Verlag entstand innerhalb von acht Monaten. Zuvor hatten wir schon einen großen Teil unserer zweijährigen Forschungsergebnisse ausgewertet und in einer ersten Kahn-Monografie präsentiert; diese war jedoch schnell vergriffen. 

Was gab es für besondere Momente oder überraschende Wendungen?

Im Kahn-Projekt steckten (und stecken noch immer) zahlreiche besondere Momente. Besonders war sicherlich, dass ich das Projekt gemeinsam mit meiner Schwester gestemmt habe. Es war für uns zunächst schwierig, als Geschwister mit entsprechend großer persönlicher Nähe professionell zusammenzuarbeiten. Entsprechend mussten wir erst Wege für unser geschwisterliches Teamwork finden. Letztlich hat das aber sehr gut funktioniert, so dass wir mit dem Ergebnis überglücklich sind.

Sicherlich gab es Highlights bei der Recherche, z. B. als uns der Brief von Albert Einstein in die Hände fiel. Dieses Schreiben hat Fritz Kahn das Leben gerettet, weil sich Einstein – ein Freund aus gemeinsamen Berliner Zeiten und zum Zeitpunkt des Briefes bereits Dozent in Amerika – für die Ausreise Kahns beim US-Konsulat in Lissabon einsetzte. So konnte Fritz Kahn in letzter Minute ein Schiff nach New York besteigen und sich dem Zugriff der Nationalsozialisten entziehen. 

Ein anderer besonderer Moment war auch, als ich Fritz Kahns Sohn an dessen 85. Geburtstag mit dem frisch gedruckten Buch überraschte. Diesen Moment habe ich gefilmt – das Video ist für mich eine wunderbare Erinnerung an Emanuel, der vor kurzem starb. Die Schwiegertochter von Fritz Kahn, mittlerweile 91 Jahre alt, wurde durch das Projekt zu einer engen Freundin. Wir telefonieren jede Woche, und sie freut sich darüber, dass sie sonntags eine Stunde lang mit mir Deutsch sprechen kann. Jedes dieser Telefonate ist ein besonderer Moment für mich. Shoshana ist eine verrückte Nudel voller Witz, Intelligenz und Energie – mit einer unglaublichen Lebensgeschichte mit Flucht vom KZ-Todesmarsch und Arbeit für die Wehrmacht – als Jüdin unter falschem Namen. Alleine darüber könnte man schon wieder ein neues Buch machen.

Erektion

Was konntest du aus der Herangehensweise von Fritz Kahn für deine eigene Arbeit mitnehmen?

Wie Fritz Kahn Sachverhalte durch ungewöhnliche Bildideen verständlich machte, ist für mich sehr inspirierend. Letztlich zählt das zu unseren wesentlichen Aufgaben als Designer: komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten. Und da kann man sich einiges bei Kahn abschauen, seine visuellen Methoden motivieren zum Querdenken!

Wo findest du die besten Geschichten?

Die besten Geschichten finde ich im Alltag. Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, lauern spannende Stories an jeder Ecke. Oft sind es Informationsschnipsel, Gesprächsfetzen oder beiläufige Hinweise in Texten, die mich neugierig machen. Neugier ist sicherlich eine wesentliche Eigenschaft meines Charakters. Und dann aktiviert sich ein Reporter-Gen in mir, ich forsche nach Puzzleteilen, so dass sich die Geschichte Stück für Stück zusammensetzen lässt. Meine knapp bemessene Zeit neben Familie und Beruf hilft mir dabei, dass ich mich nicht vollends in einem Projekt verliere. Wenn ich Bücher lese oder Ausstellungen besuche, schreibe ich mir oft wichtige Details auf; manchmal ergibt sich aus der Sammlung bestimmter Informationen wieder der Anstoß für eine neue Geschichte. 

Nase

Jetzt wo das Buch vollendet ist, gibt es ein neues Projekt, auf das wir uns freuen können?

Ich habe meiner Familie versprochen, in absehbarer Zeit kein neues Buchprojekt aufzunehmen. Es hat doch sehr viel Energie, Zeit und Geld gekostet, das Buch neben den beruflichen und privaten Verpflichtungen zu realisieren – von den internationalen Recherchen mit ihren Reisen über das Design bis zur Betreuung der Buchherstellung in Abstimmung mit dem Verlag. Obwohl ich mir die Verantwortung mit meiner Schwester geteilt habe, war es für uns beide sehr kräftezehrend. Unter anderem musste ich die Teilnahme an einem gemeinsamen Sommerurlaub absagen, was mich sehr betrübte. Deshalb stehen Frau und Töchter nun wieder stärker im Focus. Aber bei unserer Agentur Q realisiere ich ständig neue, spannende Projekte mit visuellem Schwerpunkt – und darüber können sich alle freuen, die sich für gute Gestaltung interessieren.

Alles Gute für dich und vielen Dank!

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