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Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm

Storytelling … dieser Begriff wird heute überall und äußerst verschwenderisch verwendet und der Gestalter kommt nicht mehr an ihm vorbei. Aber, was sagt er uns eigentlich?

Geschichten erzählen – wenn man es übersetzt. Was meint er im gestalterischen Bereich? Geschichten sollen erzählt werden, um Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen und zu bewerben – diese müssen kurz und knapp sein, die Botschaft muss einfach und schnell erfassbar sein, die gestalterischen Mittel freundlich und klar oder aggressiv und laut, je nachdem. Der Inhalt muss emotional bewegen, eine Headline muss knackig sein, die Textlänge kurz, das Video sollte 1.40 min nicht überschreiten damit nicht weggeklickt wird, der Sound muss cool sein, eine Stimme muss sonor klingen, wahlweise irgendwie sexy. Alle Produkte ringen um ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit mit allen Mitteln in allen Medien. Das war natürlich auch schon immer so, wahrscheinlich nicht ganz so inflationär wie heute. Aber früher war bei Weitem auch nicht alles besser. Was ich beklage, ist jedoch, dass sich genau diese Art von Geschichten kaum verändern: Noch immer waschen Frauen die weißere Wäsche, noch immer kaufen Frauen die gesünderen Bonbons für ihre Kinder, noch immer grillen die Männer die besseren Steaks, noch immer müssen sich Frauen schminken, um vermeintlich noch schöner zu werden und nicht aus Spaß an der Camouflage. Neuerdings gehen die Männer diesen ganzen Geschichten auch auf den Leim. Das ist eine interessante Veränderung im Storytelling … „der moderne Mann“ darf jetzt nicht mehr nur vermeintlich besser riechen durch den Einsatz von Deodorant und Aftershave, nein jetzt wird auch noch gecremt, geglättet und verjüngt – Jogi Löw macht es vor, und seit dem Sommermärchen 2006 rudeln die Männer hinterher.

Ich finde es unglaublich, wie langsam sich die Geschichten verändern. Geboren 1959, groß geworden in einem bürgerlichen Unternehmer-Haushalt, in dem meine Mutter die Chefin für Büro, Haus und Hof war, ist mir erst nach ihrem Tod 1999 bewusst geworden, welche Vorreiterrolle sie in ihrem Leben eigentlich innehatte. Für mich war dies ganz selbstverständlich und ich habe mir darüber als Kind keine Gedanken gemacht. Dass Frauen erst seit 1977 (da war ich dann 18!) arbeiten durften ohne schriftliche Einwilligung des Ehemannes, wusste ich damals nicht. Das Wahlrecht haben Frauen in Deutschland übrigens seit 1919, in der Schweiz wurde es erst 1971 eingeführt. Mir war schon klar, dass sich das Leben in Wellenbewegungen gliedert, aber dass auch noch so verdammt viele Rollen rückwärts dazu kommen, das hätte ich mir in meinen schlechtesten Träumen nicht vorstellen können, als ich 20 Jahre alt war.

Und so ist es tatsächlich dazu gekommen, dass sich heute wieder in Buchläden rosa Bücher für die Mädchen und blaue für die Jungs bestens verkaufen und auch noch als gendergerecht gepriesen werden, dass wieder in Weiss geheiratet wird mit Blumenkränzen auf dem Haar (ja, sieht schön aus, ich weiß), dass es ein Barbie-Puppen-Museum gibt, dass Frauen tatsächlich bis heute für dieselbe Arbeit immer noch weniger Lohn erhalten als Männer. Und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem regressiven Spektrum dieser ganz alten Geschichte.

Wir sind umgeben von Storys aller Art – die unseres eigenen Lebens, die, die wir daraus backen, diejenigen von echten und von virtuellen Freunden. Dazu kommen noch Storys aller Art über und von Menschen die wir überhaupt nicht kennen, und zwar in allen Medien, dokumentarische, oder fiktive – egal ob in Wort oder Bild. Wenn wir die Storys der Menschen leid sind dann gibt es noch eine unendliche Menge an Katzenvideos und sonstigen Tiergeschichten, und wenn die durch sind, dann sind wir vielleicht wieder in der Lage dem Wind oder dem Meer zuzuhören – dessen Geräusche dann neue Geschichten mit alten Zutaten in unseren Köpfen entstehen lassen.

Nach wie vor selten sind jedoch die guten Storys, die uns klug unterhalten, oder die sogar witzig sind im besten britischen Verständnis von Humor – der dann auch bitte gern tiefschwarz sein darf. Ich vermisse Monty Python, und wer kennt noch die bitterbösen Geschichten von Gerhard Polt. Es sind immer die gleichen Gedanken, die die persönlichen Geschichten unserer Leben begleiten und prägen: Wie kann ich meine Ängste zähmen, wie kann ich den Stimmen im Hintergrund entfliehen, die von Liebe und Scheitern, von Glück und Unglück gleichzeitig erzählen? Und wie kann ich die Anerkennung für mein Menschsein und Dasein erhalten, welchen Resonanzboden muss ich bieten, um gehört und wahrgenommen zu werden als Mensch?

Rezepte zur Lebensoptimierung finden wir hierzu in Form von Aphorismen und Lebensweisheiten zu Abermillionen im Netz, in Büchern, auf T-Shirts und in Glückskeksen – auch diese kommen gut verkleidet daher, es ist für jeden Geschmack was dabei. Hauptsache es ist kurz genug, um von uns wahrgenommen zu werden.

Ich finde, Leben sollen nicht optimiert werden, sondern gelebt werden – dazu gehört auch das ganze Elend. Das lässt sich weder operieren noch optimieren. Wenn wir Hässlichkeit als dazugehörend anerkennen, finden wir auch die Schönheit. Eine Leseempfehlung: wer kluge Kurzgeschichten mag, sollte sich den Blog meines Kollegen Schmid MENSCH:DESIGN nicht entgehen lassen – hier vermischen sich skurril-geniale Texte und Bilder. Na gut, einen hab ich noch und damit ist Schluss – der amerikanische Germanist Eric Jarosinski schreibt hinreißend gute Aphorismen auf seinem Twitter-Account @NeinQuartely (12. Mai 2015): The bad news: the world is full of pain. The good news: you won’t feel a thing.

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