Advice

Fontshop

Selekkt

Codingpeople

Designtagebuch

F1online

Bölling. Druckveredelung. Prägedruck. Stahlstich.

Robert Pirsig, Pommes und andere Geschmackssachen
Magazin

Wenn es um eine Annäherung an den Begriff Qualtität geht: Einfach den Designer seines Vertrauens fragen! Das ist leicht gesagt, die Fragen schnell formuliert und glücklich wer Antworten bekommt, die nicht in mundgerechten Häppchen serviert werden, sondern wie eine Kombination aus shiny Austern mit Pommes Rot-Weiß daherkommen. In diesem Fall sind wir die Glücklichen.
Professor Sascha Lobe ist Kommunikationsdesigner und Gründer des Designbüros L2M3. Seit 2009 lehrt er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Typografie. Obwohl die Designprojekte aus dem Hause L2M3 beispielhaft für hochwertige Qualität sind, tut sich der Grafiker mit der überstrapazierten Worthülse schwer. Eine ganz persönliche Sichtweise dominiert seine Antworten und macht das Interview mit Sascha Lobe über einen Begriff, der oft nur noch ein Gähnen provoziert, vielleicht erst richtig interessant.

Interview mit Sascha Lobe von L2M3

Ich hätte gern auf eurer Webseite unter den Projektbeschreibungen nach dem Wort »Qualität« gesucht. Gäbe es eine Textsuche, wäre ich fündig geworden?

Der Begriff »Qualität« ist eine meiner Hasslieben, wobei er auf meiner persönlichen Skala immer weiter fällt – zu überstrapaziert, wie »Authentizität« und »Identität« oder »Nachhaltigkeit«. Der Begriff »Qualität« pendelt ja zwischen den Bedeutungen »Eigenschaften« und »Hochwertigkeit« – je nachdem, ob ich ihn neutral oder wertend einsetze.

Neutral verwendet wird er für mich interessant: die eigentliche »Qualität« eines Projektes ist für mich die Frage, ob genügend spezifische Eigenschaften vorhanden sind, die für Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit sorgen. Irgendeine Ecke oder Besonderheit die für inhaltlichen, kommunikativen oder visuellen »Grip« sorgt, an der sich die Sinne reizen und vielleicht sogar schulen können. »Qualität« ist heute leider meist ein Begriff für Mainstream auf den sich alle verständigen können – als eine Orientierungshilfe, die Sicherheit suggeriert.

»Qualität« ist insofern die Absprache einer Gruppe von Menschen über Werte, bezogen auf eine Sache. Was dort vereinbart wird ist aber in vielen Fällen austauschbar. In Bezug auf unsere Grundbedürfnisse sprechen wir eigentlich sehr selten über Qualität, meist wird der Begriff zur Kennzeichnung von Sublimierung verwendet. Er beschreibt nicht die Notwendigkeiten, sondern die Veredelungen und das ist im Grunde falsch.

Zudem bin ich »Romantiker«, zumindest im Sinne von Robert M. Pirsig und seinem Buch »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« und somit der Meinung, dass Qualität im metaphysischen Sinne nie vollständig zu erfassen ist, da sie ein Ereignis darstellt, dass sich im Zusammenspiel von Subjekt und Objekt einstellt. »Qualität« lässt sich somit im naturwissenschaftlichen Sinne nicht objektiv messen, dies gilt insbesondere für Design, Kommunikation, Sinneseindrücke und so weiter.

In der Tat wollte ich darauf hinaus, wie du den Begriff einordnest, definierst und welche Bedeutung er als Beurteilungsparameter für dich und insbesondere deine Tätigkeit hat.
Wenn sich Qualität nicht objektiv messen, also auch nicht auf eine Definition festlegen lässt, wie ließe sie sich – und ich gehe hier auf »Qualität als Ereignis« ein – erhalten oder gar verbessern? Welche Rolle spielt Dynamik dabei?

Ich finde gar nicht, dass es so sehr darum geht, ob sich objektive Kriterien finden lassen. Einen Grundpegel dafür können wir im konkreten Fall sicher leicht gemeinsam definieren, was »gute« Luft zum Atmen ist zum Beispiel. Schwieriger wird es, sich einig zu werden welcher Parfümduft denn jetzt mehr Qualität hat. Der süße schwere oder der zitronig- frische leichte – Geschmackssache, werden viele sagen. In Jedem lässt sich mit Sicherheit ein Gutes und ein Schlechtes finden. Wenn wir uns lange genug Zeit nehmen, werden wir uns tendenziell vielleicht sogar einig werden aber nie ist Qualität eine Eigenschaft die ins ein Objekt eingeschrieben ist und dort allein vor sich hin existiert, sondern Qualität entsteht immer erst im Dialog Subjekt-Objekt. Im Moment der Wahrnehmung sozusagen, »dynamisch« wenn Du willst.

Welche Aspekte an einem Konsumgut lassen dich auf seine hochwertige Qualität schließen?

Du meinst, ob es lange hält oder gut funktioniert oder so was?
Oder eine shiny Oberfläche hat?

Es gibt für mich vier Annäherungen:
Ist es gut gedacht?
Ist es technisch gut produziert?
Ist es in der Lage mich emotional anzusprechen?
Und 4. – gilt nicht immer – hält es die Zeit die es verspricht?

In welchen Konsumgüterbereichen legst du besonders viel Wert auf hohe Produktqualität?

Eigentlich in allen, aber es gibt sicher in jedem Leben Füllmaterial, das seine Qualtiät darin hat, die wirklich guten Dinge besser aussehen zu lassen. Und wie gesagt, die »Qualität« eines Dings (im Sinne von Eigenschaft), kann ja durchaus auch mal der Kontrast zum Üblichen sein.

Kannst du bitte näher erläutern was du mit »Füllmaterial« meinst und wenigstens ein konkretes Beispiel für letzteres, den erwähnten »Kontrast zum Üblichen«, nennen?

»Füllmaterial«: die tolle Gänseleber (sorry!) die ich immer aus dem Elsass mitbringe, schmeckt mir auf Weißbrot einfach besser als pur gelöffelt. Ist natürlich dem Weißbrot gegenüber unfair, da gibt es auch gutes und schlechtes. Anderes Beispiel, nur umgekehrt – nicht Füllmaterial, sondern sozusagen Lücke: den prima Anselm Adams Landschaftsfotos tut ein großes Passepartout gut. Sieht einfach besser aus, sie können atmen, obwohl ganz sicher das Foto mehr Qualität hat als die weiße Fläche.

Kontrast zum Üblichen: Austern mit Pommes, Jeans am Wochenende nach einer Woche Anzug, …

Gibt oder gab es Dinge die du trotz ihrer offensichtlich minderwertigen Qualität kaufst, interessant findest oder sogar schätzt?

Ja klar, das Leben besteht nicht nur aus High, sondern auch aus Low. Das macht es spannend. Ich finde z.B. die Bildzeitung super, weil sie mir viel über unsere Welt erzählt, wo gerade die gesellschaftlichen Interessen sind, was die Leute tun und denken usw. – also sozusagen Zeitungslesen als Sozialstudie. Erkenntnisgewinn über ein offensichtlich am unteren Level orientierten aber professionell gemachten Medium.

Ich kenne, außer dem Amsterdamer Hans Brinker Budget Hotel, kein Produkt welches so offensiv seine miese Qualität hinsichtlich Komfort bewirbt und trotzdem oder gerade deshalb ausgebuchte Zimmer und obendrein Kultstatus hat. Ist die Betonung hochwertiger Qualität immer der passende Schlüssel um potentielle Kunden zur Kaufentscheidung zu bewegen?

Naja, es schon ein Unterschied, ob ein Hotel von vielen gekannt wird oder immer ausgebucht wird. Aber hat das Brinker-Hotel denn überhaupt eine so schlechte Qualität? Keine Ahnung, ich war nie dort. Ich weiß auch nicht, ob man dort schwierig ein Zimmer bekommt. Ich kenne nur die mediale Oberfläche und die sogar nur aus der »Sekundärliteratur«, aus Designmagazinen und -büchern. Was ist Schein und Sein? Es könnte sein, dass es um Wahrnehmung geht, also eine Ressource, an die man schneller kommt, wenn man sich unterscheidet.

Ist Kommunikationsdesign respektive Werbung dazu in der Lage, aus einem nach üblichen Qualitätsstandards “schlechten” Produkt , einen Kassenschlager zu machen?

Es geht dabei doch selten darum was tatsächlich ist, sondern darum, was die Leute glauben wollen. Diesen Knopf möchten Marketing und Werbung finden. »Haltung« ist ein akademischer Begriff, der in dieser Realität leider keine große Rolle spielt. »Projektion« – das was die Menschen gerne haben oder sein wollen oder in den Dingen sehen wollen – ist viel wichtiger und die kann man mit den richtigen Kniffen sicher erreichen. Aber das ist nicht mein Metier.

Sind in der Designpraxis Inhalt und Form wirklich so abhängig voneinander, wie es das theoretische Ideal vorgibt und macht die Einhaltung dieser Formel letztendlich den Grad der Qualität einer Designleistung aus?

Eine gute Frage – sie macht mich etwas ratlos. Wenn dem so wäre, warum inspirieren dann Subkulturen und Eindrücke »von der Straße« so oft? Weil sie »echt« sind?

Wer sollte deiner Meinung nach über den Qualitätsgrad einer Kommunikationsdesign-Leistung in einer Dienstleister-Auftraggeberbeziehung entscheiden?

Der, der mehr Ahnung davon hat, was man in dem verhandelten Fall als Qualität bezeichnet.

Nach welchen Maßstäben bewertest du die Qualität von Kommunikationsdesign?

Darf ich an dieser Stelle den Telefonjoker einsetzen?
Ich persönlich finde klare Konzepte, die kommunizieren und echt sind wichtig und
natürlich eine handwerklich einwandfreie Umsetzung.
Ach so, und gute Entwürfe sollten nicht nur Antworten, sondern auch Fragen liefern.

Kann man grafische Qualität überhaupt am darstellenden Medium ausmachen oder ist die Debatte Screen versus Papier von vornherein vielmehr eine kulturelle gewesen und anstatt einer gestalterischen?

Gestaltung=Kultur.

Im Grunde meines Herzens bin ich Typograf auch wenn ich in vielen anderen Bereichen arbeite, ich bin also Anhänger eine der genialsten Entwicklungen der Menschheit, der Schrift – so wichtig wie die Erfindung des Rads oder die Entwicklung der Mathematik. Das Tolle an der Schrift ist, dass sie nicht abhängig vom Medium ist (solange es ein visuelles bleibt). Die funktioniert immer, in Stein, auf Papyrus, Leder, Holz, Papier oder im Sand.
Zudem sind mir die ganzen Diskussionen, ob man auf Bildschirmen schlechter liest als auf gedrucktem Papier, immer auf die Nerven gegangen: seit zehn, fünfzehn Jahren arbeitet die halbe Menschheit tagsüber am Computer und liest dort alle möglichen Texte problemlos.

Ich glaube die Aufgabe heutiger Kommunikationsdesigner sind formatlose visuelle Systeme, die sich in allen Kontexten etablieren können. Aber natürlich geht es beir der Umsetzung von Applikationen wie Büchern, Plakaten, Screens, what ever, darum medienspezifische Gestaltungsgesetzmäßigkeiten zu berücksichtigen.

Der Screen behauptet sich als Darstellungsmedium gegenüber dem Papier immer mehr. Ist diese Entwicklung deiner Meinung nach auf einen Gewöhnungsprozess, die Verbesserung der Displays und des Editorial-Designs für die Bildschirmformate oder sogar auf die Attraktivität bestimmter Ausgabegeräte zurückzuführen?

Nein, das Praktische gewinnt die Überhand über das Aufwendigere. Screen geht schneller, lässt sich leichter ändern und anpassen und ist sowieso moderner. Aber hat das was mit Qualität zu tun?

Interview von Ulrike Daraghma