Design made in
Germany
Arbeit
einreichen
17.512 Arbeiten 159 Agenturen 148 Studios 310 Freelancer 745 Jobs 249 Artikel

Responsive Typography – Interview mit Oliver Reichenstein

Nachdem das Web inzwischen nicht mehr nur auf stationären Computern stattfindet, sondern auf einer Unzahl unterschiedlicher Endgeräte mit darüber hinaus unterschiedlichen Bildschirmqualitäten, entstehen auch für die Typografie neue Herausforderungen, die über den Einsatz von Webfonts hinaus gehen. Deswegen hat sich Oliver Reichenstein, Inhaber der Information Architects und begnadeter Redner dem Thema »Responsive Typography« gewidmet, das er direkt in der »iA Writer App« umgesetzt hat: Schriftschnitt, Spationierung, Schriftgröße, Zeilenabstand, alles wurde auf die jeweiligen Ausgabegeräte angepasst. Was man unter »Responsive Typography« versteht erklärt uns Oliver Reichenstein im Interview.

Was genau kann man sich unter Responsive Typography vorstellen und warum ist sie so wichtig?

Responsive Design wurde bisher vor allem als Layoutthema behandelt. Auf die Einwirkung, die verschiedene Bildschirmgrößen und seit kurzem auch Pixeldichten auf die Typographie haben, hat, so viel ich sehe, bisher kaum jemand nachgedacht. Mein Gedankenanstoss vor ein Paar Monaten wurde zuweilen recht unterkühlt diskutiert. Das überrascht mich nicht. Ich kenne die Reaktion seit Jahren. Als ich 2005 darauf hingewiesen habe, dass wir Webdesigner uns zu wenig um Bildschirm-Typographie kümmern, war die Reaktion dieselbe: »Ach was, ist doch gut so wie’s ist, man kann ja eh nicht viel machen.«

Um zu verstehen, warum Responsive Typographie ein wichtiges Thema ist, muss man sich vergegenwärtigen, was in den in den letzten 12 Monaten mit unseren Bildschirmen passiert ist. Wir haben eine unüberschaubare Vielfalt an Bildschirmgrößen und: Die Pixel sind am verschwinden. Die Bedeutung der verschiedenen Bildschirmgrößen für Layouts wurde, wie gesagt, breit diskutiert. Die Bedeutung für die Typographie ist noch immer ein Spezialistenthema.

Was das Verschwinden des Pixels bedeutet, ist nur schwer abzuwägen. Streng genommen, muss man nun davon ausgehen, dass wir es am Bildschirm nicht mehr mit sprichwörtlich digitaler Typographie zu tun haben. Es entsteht eine neue Form von Typographie. Die Diskussion was diese Typographie leisten kann und soll ist brandneu.

Um zu erklären, was ich mit »keine sprichwörtlich digitale Typographie« meine, muss ich etwas ausholen: Der Unterschied zwischen digital und analog ist der zwischen Welle und Treppe. Während Bildschirmschriften bisher mit offensichtlichen Treppenformen in Erscheinung traten und für diese Treppenformen, (d.h. die Pixelierung) optimiert werden mussten, verschwinden diese Treppenformen nun langsam. Auf einem Retina-Display sieht man keine Treppen mehr. Mit anderen Worten: Unser Auge muss die Schrift nicht mehr im Kopf ausgleichen, es sieht die Formen so, wie sie sind und sein sollen.

Dass nun Schriften so in Erscheinung treten, wie sie gezeichnet wurden, bedeutet jedoch weder, dass wir uns nun von digitalen Schriften verabschieden können, noch dass wir einfach die Klassiker verwenden können. Retina-Displays sind ganz anderer Natur als Papier. Schrift auf dem Retina-Display ist viel näher am Plexiglas-Leuchtkasten als am Buch. Ich weiß nicht genau, was alles daraus folgt, aber es scheint mir also, dass man einen Weg finden muss, die Schrift organischer wirken zu lassen, ohne dass man Pseudopapierdruck-Kitsch produziert.

Ich gehe davon aus, dass wir verschiedene Schnitte und Charaktere für verschiedene Ausgabegeräte entwickeln müssen. Und selbstverständlich müssen wir diese verschiedenen Schriften entsprechend verschieden einsetzen.

Wenn man ein und denselben Inhalt auf verschiedenen Ausgabegeräten darstellen möchte, sollte man sich nicht bloß Gedanken über die Grundstruktur und die Moleküle der Information, sondern auch über ihre atomaren Bausteine d.h. über die Typografie in ihren feinsten Einzelheiten machen.

Um hier einen möglichen Irrtum ganz aus dem Weg zu räumen: Unter »Responsive Typography« verstehe ich nicht bloß die Anpassung der Schnittwahl an die Eigenart des Bildschirms, sondern die Anpassung der Typographie als Ganze, also auch Wahl der Schriftart, Schriftgrösse, Zeilenlänge, Zeilenabstand, Kontrast, usw.

Die Wahl des richtigen Schnitts für den entsprechenden Bildschirm entscheidet aber genauso über die Effizienz der Typografie wie der Zeilenabstand, die Zeilenlänge und Schriftgrösse.

Im großen und ganzen wird von Fachseite bisher auch kaum bestritten, dass Typographie sich ans Medium anpassen muss. Beim Thema Anpassung des Schriftgrades scheiden sich aber die Geister. Klassische Schriftgestalter halten es für übertrieben oder geschmäcklerisch, den Schriftgrad an die Granularität des Bildschirms anzupassen. Sie sind der Meinung, dass ein Schriftgrad gewählt werden sollte, der auf allen Bildschirmen mehr oder minder gut funktioniert.

Ich verstehe das Argument im Prinzip nur zu gut (Bildschirmgestaltung ist immer vielmehr eine Übung im Kompromiss als in der Perfektion); mein Auge sieht das aber anders. Es stört und nervt mich, wenn die Schrift, die ich ausgewählt habe, mal hungrig, mal übersättigt auftritt. Das hat wohl damit zu tun, dass ich im Laufe der Jahre übersensibel geworden bin. Aber diese gesteigerte Sensibilität ist es ja, was das typographische Auge vom Leseauge unterscheidet.

Damit eine Schrift in meinem Auge angenehm wirkt, muss sie zwischen grobkörnigem Bildschirm um Retinadisplay bis zu einem halben Schriftgrad ab und zunehmen. Es braucht in meinen Augen gegenwärtig zusätzliche neue Grade zwischen Light und Medium, um jedem Bildschirm gerecht zu werden.

Die Verwendung den Schriftgraden für verschiedene Medientypen ist an sich kein neuer Gedanke. Schon seit einiger Zeit verwendet man verschiedene Grades um verschiedenen Papierqualitäten gerecht zu werden. Bei Bildschirmen verhält sich das nicht anders. Ein grobkörniger Bildschirm ist wie ein Fließblatt, ein Retinadisplay ist wie eine PVC-Leuchtkasten auf das gestanzte Plastikbuchstaben aufgeklebt werden. Dazwischen gibt es einen Graubereich, bei dem wiederum andere Qualitäten im typografischen Atombereich wie auch im Molekülbereich vonnöten sind.

Was kann man tun, um die Lesbarkeit auf verschiedenen digitalen Endgeräten überall gleich gut zu gestalten?

Man schaut sich das Schriftbild in den Leseabständen an, die die physische Eigenart des Gerätes mit sich bringt. Beim iPad ist das unglaublich schwierig, weil hier Text sowohl aus nächster Nähe (auf dem Bauch im Bett) wie auch in Armdistanz (auf dem Sofa) gelesen werden kann. Daraus ergibt sich die Schriftgrösse und damit der Hauptfaktor jedes typografischen Systems. Man muss dieses System in verschiedenen Bildschirmgrössen und Granularitäten durchdeklinieren, bis man ein einigermassen stimmiges Responsive Design hat. Dabei entdeckt man die riesigen Unterschiede zwischen den Renderings der Schrift. Mir ist erst erst beim ausgiebigen Testen aufgefallen, dass, um eine effiziente Typografie auf verschiedenen Geräten hinzukriegen, nicht bloß verschiedene Layouts mit verschiedenen typografischen Feinheiten sondern auch verschiedene Schnitte notwendig wären. Und wie so oft bei typographischen Dingen: Wenn man es einmal sieht, kann man es nicht mehr wegsehen.

Können Sie besonders gute Beispiele für eine App oder Website geben, die in der Lesbarkeit vorbildlich ist?

So weit ich sehe, sind unsere Seite http://informationarchitects.net und unsere App iA Writer die einzigen Produkte, wo typografische Responsiveness in vollem Umfang zur Anwendung gekommen ist. Wenn man keinen geräteübergreifenden Vergleich macht, nimmt man Responsiveness ja gar nicht wahr.

Dass bisher niemand nachgezogen hat, halte ich für ein Zeichen, dass wir der Zeit voraus sind. Andere werden es für ein Zeichen dafür halten, dass wir auf dem Holzweg sind. Das kann natürlich sein.

Ich traue aber meinem Auge und den Statistiken. Meine Augen sagen mir, dass hochauflösende Bildschirme im Bereich MacBook Air bei normalem Leseabstand nach Schriftgrössen von über 16 Pixel verlangen. Weil Systemschriften nicht für Fließtext in Größen über 16 Pixel gestaltet wurden, eignen sie sich nicht für die neuen Bildschirme als Fließtext. Ab 16px wird die Georgia auf einem Mac beispielsweise zu dick. Verdana ist bei 16 Pixel schon zu gross für Fliesstext.

Auch unsere Web-Statistiken weisen darauf hin, dass wir auf einer heissen Spur sind: Seit wir auf unserer Webseite Responsive Design eingeführt haben, ist die Verweildauer markant angestiegen. Ich kann allerdings nicht mit wissenschaftlicher Bestimmtheit sagen, dass es an der Typographie alleine liegt, da wir die Schriftgrade gleichzeitig mit einem ganz neuen Design eingeführt haben.

Schliesslich bin ich fest davon überzeugt, dass die Hauptstärke und damit der Schlüssel zum Erfolg unserer Schreibapp iA Writer nicht die offensichtlichen Features wie Fokusmode oder Blauer, leicht erkennbarer Cursor sind sondern die Typographie. Es macht Spaß damit zu schreiben, weil sehr viel Denkarbeit in Details stecken, die niemand sieht aber jeder spürt. Das nächste Update von iA Writer für Mac wird Responsive Design auf eine neue Ebene bringen. Ich möchte aber nicht zu viel erzählen, bevor die App durch den Approval-Prozess durch ist.

Was halten Sie davon Kinder mittels Apps und bewegten Inhalten das Lesen näher zu bringen und schmackhaft zu machen?

Ich unterstütze alles, was Kindern das Lesen und Schreiben näher bringt. Ich halte allerdings am Anfang grosses Papier, Stifte Farbtöpfe und Pinsel für viel anschaulicher und einprägsamer als den kleinen kalten Schirm. Als Ergänzung ist das iPad sicher hilfreich. Mein Sohn gebraucht den Writer und seine ABC apps genauso gerne wie das kleine Schriftgestaltungsprogramm, mit dem er mit Fingern seine eigenen Schriften malen und exportieren kann. Ich weiss, dass 3 1/2 etwas früh ist für Lesen und Schreiben (in Japan sieht man das übrigens anders), aber er hat Spass daran und ich werde ihn nicht davor zurückhalten, Pappi zu imitieren, wenn es um die Beherrschung der Sprache geht. Nichts bringt seine Augen aber so zum Leuchten wie ein grosser Papierbogen mit Farbtöpfen und Pinsel.

Haben Sie persönlich eine Präferenz zwischen Digitalen und Analogen bezüglich auf Lesen und Schreiben?

Ich habe bisher ein gut gedrucktes Buch jedem Bildschirm kategorisch vorgezogen. In meinem Kopf ist das immer noch so. In der Praxis ändert sich das aber langsam. Ich lese seit langem viel mehr Text am Schirm als auf Papier und habe mich an Vor- und Nachteile von Bildschirmtext gewöhnt. Ich glaube auch, dass in absehbarer Zeit, die durchschnittliche typografische Qualität von Bildschirmtexten die meisten gedruckten Bücher übertreffen wird.

In vielen Belangen ist das jetzt schon so. Ich bin geradezu erschrocken, als ich meine Suhrkamp Taschenbuch-Ausgabe der Kritik der Reinen Vernunft aus dem Büchergestell genommen habe. Eine fürchterliche Leseerfahrung ist das.

Dennoch, die beiden Medien sind schwer vergleichbar. Texte, die auf die Buchform hin geschrieben wurden, funktionieren wohl noch einige Zeit anders in dem Medium für die sie konzipiert wurden. Genauso wie Abbey Road auf eine LP mit A- und B-Seite hin konzipiert wurde, und seltsam wirkt, wenn man sie auf CD an einem Stück hört, liest sich der Zauberberg anders auf dem Kindle als im dicken Buch. Dostojevski funktioniert wunderbar in gebundener Form, obwohl er ja die meisten Texte als Folgeromane für eine Zeitschrift geschrieben hat. Dennoch frage ich mich beim Dostojevski-Lesen immer wieder: Wie ging es wohl dem Leser damals, der von Kapitel zu Kapitel warten musste.

Was das Schreiben anbelangt: Ich schreibe fast ausschliesslich mit iA Writer. iA Writer ist seit längerem mit responsiver Typographie ausgerüstet. Schriftschnitt, Stationierung, Schriftgrösse, Zeilenabstand, alles wurde auf die jeweiligen Ausgabegeräte angepasst. Das weiss niemand, sieht niemand, aber man spürt es, wenn man das Programm wechselt.

Das Interview führten Patrick Marc Sommer und Nicole Zimmermann. Grafiken/Bilder von Oliver Reichenstein/iA.