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Nea Machina – Interview mit Thomas und Martin Poschauko

Was passiert, wenn man kreative Ideen einfach sprießen lässt. Wenn Kopf- und Bauchgefühl zusammenarbeiten und was wenn nicht? Wie kann freies Experimentieren zu kreativen Ergebnissen führen? Es gibt zwei Designer, die das in jedem Fall wissen, denn sie haben sich dem Thema in ihrer Diplomarbeit gewidmet und direkt danach auch noch ein Buch daraus gemacht, das unter dem Namen »Nea Machina« im Verlag Hermann Schmidt Mainz erschienen ist. Darüber wie man Kreativität und Denken zusammenbringen kann, haben wir mit den Brüdern Thomas und Martin Poschauko gesprochen.

Wie lassen sich Kreativität und strukturelles Denken zusammenbringen?

Grundsätzlich ist Kreativität für uns oft etwas sehr Strukturelles, oft etwas ganz Pragmatisch Systematisches…

Wenn mit der Frage das Zusammenbringen von intuitivem und planerischem Gestalten gemeint ist: Wir denken, da sind zwei Dinge wichtig. Erst einmal muss ich mir selbst zugestehen, dass ich wirklich beide Positionen besetzen kann. Niemand von uns ist nur pragmatischer Spießer oder nur das naive Spielkind. Wir glauben, dieses ganzheitliche Denken ist schon einmal der erste Schritt. Ohne Ideologie fährt man besser.

Dazu haben wir festgestellt, dass es gut funktioniert, diese beiden Instanzen (als eine Art Gedankenkonzept) klar voneinander zu trennen und sie im Wechsel zu sehen. Spielen, Kontrolle abgeben, dann wieder kontrollieren und auswerten… Eigentlich wie eine Vater-Kind-Situation: Das Kind spielt jenseits von Regeln, es denkt nicht über »richtig oder falsch« nach, der Vater erhält Input für seinen oft allzu planerischen Denkprozess und gibt dem Kind im Gegenzug wieder Struktur. Und beide Positionen kann man als Designer als eine einzige Person leisten. Wichtig ist für uns vor allem, dass man diese beiden Prozesse bei allen Unterschieden nicht als Gegner, sondern als Partner erkennt.

Im letzten Jahr erschien im Hermann Schmidt Verlag euer Buch »Nea Machina«, das einen ganzen Kreativprozess beschreibt. Wie entstand die Idee dazu, aus einem Begriff (Nea Machina) und einem Bild, verschiedene Ausdrucksweisen zu entwickeln?

Im Grunde war die Idee ganz schnell da… Wir wollten uns eine Art Skizzenbuch mit unserem kompletten Stil-Repertoire erschaffen, weil wir der Meinung waren, dass unsere damalige stilistische Bandbreite viel zu gering war. Und um eine Vergleichbarkeit zu haben, brauchten wir ein gleichbleibendes Motiv. Unsere Wahl fiel auf ein menschliches Portrait, weil das einfach ein sehr starkes und interpretationswürdiges Motiv ist und es uns außerdem erleichtert in verschiedenen Stilen konkrete Gefühle zu erkennen. Der Begriff »Nea Machina« war für uns vordergründig nur ein typografisch interessanter Schriftzug, also das »Buchstaben-Material« für unser Design, bezeichnet aber auch das Wesen unserer Arbeit. Die griechischen Wörter lauten übersetzt »Die neue Maschine«, ein Verweis auf die Kombination von alten und neuen Techniken, digital wie manuell.

Von unserem Experiment erhofften wir uns neue Sichtweisen, jenseits von Konzept und sich ständig wiederholenden Stilen, wir wollten über das Normale hinausgehen und uns neu erfinden, also mehr machen, als die drei üblichen Entwürfe, die man dann per Konzept »rechtfertigt«. Das war unsere wichtigste Intention. Dass daraus später eine Analyse unseres ganzen Kreativprozesses wurde, konnten wir in dieser Form nicht absehen.

Eurer Buch verfolgt – vereinfacht gesagt – das Prinzip »Erst machen, dann denken«. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Methode?

Der Vorteil daran ist, dass man durch das Machen neuen Input bekommt, dass man etwas ausprobiert, dessen Ergebnis man nicht 100 prozentig vorhersehen kann. So stolpert man über Neues, Ungeplantes…

Wir denken, das aktive Umgehen, Probieren und Spielen mit einem Thema, ist der beste Weg, um es wirklich zu verstehen. Und auch das bloße Machen ist schon eine wichtige, auch sinnliche Inspiration. Es regt das Denken an oder ist, wie Otl Aicher sagte, oft sogar »eine Voraussetzung des Denkens«.

Grundsätzlich benutzen wir aber ohnehin immer beide Methoden im Wechsel: Also »Erst machen, dann denken« UND »Erst denken, dann machen«.

Würden wir nur die Methode »Erst machen, dann denken« benutzen, wäre das für eine gut geplant visuelle Kommunikation sicher zu wenig zielgerichtet. Aber wir denken, dass die Gefahr bei Designern eher darin liegt, allzu verkopft und strukturiert zu sein, als zu frei und zu verspielt. Die Struktur bringt der Beruf dann von ganz alleine…

Ihr beschreibt euren Arbeitsprozess so, dass Abstraktion und Assoziation zu neuen Ideen führen. Eine aufgestoßene Tür öffnet also viele weitere, durch die man gehen kann. Besteht nicht auch Gefahr, dass sich Ideen so tot laufen oder man das Interesse verliert?

Wir wissen mittlerweile sehr gut, wann eine Idee wirklich spannend ist und wann man besser aufhört, zu assoziieren und zu variieren. Das ist aber eine sehr intuitive Sache, die wir über die letzten Jahre lernen mussten. Dazu muss man wirklich wissen, was man will und gewissermaßen auch, welche Idee »Durchschnitt« und welche richtig gut ist.

Als junge Studenten lieferte uns diese Taktik aber oft eine Übermacht an Wegen und Möglichkeiten. Da haben wir uns schon das ein oder andere Mal verloren. Aber wenn wir ein konkretes, strukturgebendes Projekt (damals waren das meistens CD-Covers) bearbeiteten, war das eigentlich nie ein Problem.

Wann ist eine Idee wirklich ausgereizt?

Wahrscheinlich ist eine Idee nie wirklich ausgereizt, zumindest nicht nach messbaren Bewertungskriterien. Bei uns ist das eher ein ganz sicheres wohltuendes Gefühl, das sich da in der Magengegend einstellt, wenn Konzept und Inhalt ineinander »einrasten«. Dann wissen wir: »Es passt«. Aber im Grunde sind wir uns schon immer bewusst, dass es auch noch viele weitere Wege gegeben hätte. Die EINE richtige Lösung gibt es nicht…, glauben wir zumindest.

Ist diese Art der Herangehensweise etwas, das man lernen kann oder etwas, das einem in die Wiege gelegt ist? Manche Menschen denken eher rational, andere emotional… Wie trainiert man dieses »verkopfte« Denken weg?

Schwer zu sagen. Jeder hat ein wenig andere Fähigkeiten. Wir denken schon, dass jeder lernen kann die »andere Seite« in sich zu berücksichtigen. Denn wir denken alle emotional wie rational.
Wir trainieren das Verkopfte aber nicht direkt weg, denn unsere Prozesse sind zwischendurch immer wieder höchst pragmatisch. Wir versuchen uns nur selbst ab und zu kleine Fallen zu stellen, die uns die Kontrolle aus den Händen nehmen und dem Kopf gewissermaßen gar keine Chance geben. Zum Beispiel hohe Geschwindigkeit, Zufallsprinzipien wie Würfeln oder Materialien, die sich nicht wirklich kontrollieren lassen.

Viele Designer und Kreative haben oftmals eine gewisse Angst, sich einem Projekt zu nähern, vermutlich aus Angst zu scheitern. Die berühmte »Ideenlosigkeit«. Kennt ihr diese Angst? Und wenn ja, was macht ihr dagegen?

Wir haben bei Projekten eher Respekt vor deren Dimension, also allem was an Arbeitsstunden und finanziellen Risiken daran hängt. Aber die Angst, keine Idee zu haben, haben wir eigentlich nie. Vielleicht ist es gerade die Überzeugung, dass wir schon zum richtigen Zeitpunkt die richtige Idee finden werden, die uns die nötige Sicherheit gibt.

Aber klar, an manchen Tagen braucht man schon eine gute Portion Mut, um wirklich loszulegen und nicht gleich am ersten falschen Strich zu verzweifeln. Eine gute Anfangstaktik ist oft, in einer lockeren Situation mit einem Thema zu spielen und jeglichen Druck beiseite zu lassen. sich also selbst zu vermitteln: »So wichtig ist es ja gar nicht«. Wir geben uns so das Gefühl »spielen zu dürfen« anstatt »arbeiten zu müssen«. Das klappt meistens ganz gut.

Der Berufsalltag eines Designers ist meist von engem Zeitrahmen geprägt, Ideen müssen am Fließband produziert und umgesetzt werden. Welchen Rat gebt ihr Designern, um in solchen Phasen trotzdem kreativ zu bleiben und »out of the box« zu denken?

Wir glauben, der größte Mut, den wir in unserem Beruf haben müssen, ist der Mut, unprofessionell zu sein, sich eine Pause zu geben, raus zu gehen… oder allgemein: das machen, was uns gut tut. Auch wenn es immer stressig ist.

Aber dauernd in diesem Hamsterrad mitzulaufen, wirkt auf uns irgendwie unlogisch. Es kannnämlich nicht sein, dass wir jahrelang rund um die Uhr arbeiten, immer auf den letzten Drücker fertig werden, aber nicht mal ein paar Stunden monatlich für kreative Pausen und inspirierende »Streifzüge« außerhalb von Bildschirm und Büro haben.

Was sicher hilft, ist es, in ruhigen Phasen (die man sich bewusst freiblocken muss) ein Skizzenbuch zu führen und einfach alles an Ideen festzuhalten etc…

Dann hat man in stressigen Phasen einen kreativen Fundus und kann darauf zurückgreifen. Aber ohne gezielte Phasen des freien Probierens ist die Gefahr groß, dass man sich nur noch wiederholt, weil man immer die bereits erprobten Wege geht.

Woher nehmt ihr eure Ideen?

Oft lesen wir sie einfach in unserer Umgebung ab… Meistens liegen die guten Dinge vor uns auf der Straße. Die wichtigste Erkenntnis für uns war eigentlich, dass unser Kopf nicht der Ursprung aller Ideen ist, sondern dass uns die Ideen umgeben. Piet Mondrian sagt dazu: »Die Position des Künstlers ist bescheiden, er ist im wesentlichen ein Kanal,« also eine passive, eher demütige Position.

Grundsätzlich versuchen wir einfach vieles in unsere Arbeit einfließen zu lassen, was uns persönlich inspiriert und fasziniert. Und dann ist das alles gar nicht so schwer…

Im Gegensatz zu vielen Designern und Kreativen habt ihr euch dagegen entscheiden, in einer der typischen Kreativstädte zu leben und zu arbeiten. Gerade Metropolen wie Berlin oder Hamburg werden von Designern wegen ihrer kreativen Möglichkeiten und Inspirationen geschätzt… Warum? Kann einen die Kreativität der Umwelt möglicherweise auch erschlagen?

Wir sind bewusst in unseren Heimatort zurückgekehrt. Das ist ein kleines Dorf in Oberbayern, in dem eigentlich keiner so richtig mit Design zu tun hat. Für uns ist das wunderbar so, weil wir nicht ständig mit dem Design anderer überflutet werden. Das kann einen ja schon ein bisschen verwirren, wenn nicht sogar verunsichern. Ja, wir glauben schon, dass einen die ständig präsente Kreativität der anderen, wie in Berlin zum Beispiel, auch erschlagen kann.

Aber das ist sicher eine Frage der Prägung. wir brauchen eben die Ruhe, andere vielleicht eine pulsierende Großstadt.

Wir haben jedenfalls nicht den Eindruck, dass uns etwas entgeht, wenn wir nicht in den pulsierenden Design-Städten sind. Auch wenn gerade Berlin ein unheimlich faszinierender Ort ist, den wir sehr mögen. Da reichen uns aber auch 4 Tage TYPO und unsere Quelle ist wieder für ein Jahr voll.

Grundsätzlich haben wir uns aber vor allem, für diesen Ort entschieden, weil wir in dieser Umgebung gerne leben und weil unsere Familie und Freunde dort sind. Also vordergründig eine völlig »un-ideologische« Entscheidung…

http://www.neamachina.com
http://www.poschauko.de

Das Interview führten Nadine Roßa & Patrick Marc Sommer.

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